Skandal
: DAU auf der Berlinale – gefährliches Spiel

Regisseur Ilya Khrzhanovskiy hat drei Jahre lang in der Ukraine gedreht, 700 Stunden Film sind entstanden. Der erste Film wird nun gezeigt.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Alkohol hilft auch nicht immer: Natalia Berezhnaya (l) als Natasha und Olga Shkabarnya als Olga in einer Szene des Films "DAU. Natasha". Regisseur Ilya Khrzhanovsky hat drei Jahre lang in der Ukraine gedreht, 700 Stunden Film sind entstanden. Der erste Film wird nun gezeigt

Berlinale

Ein solches „hartes Verhör“ macht die unerträgliche zweite Hälfte des Films „DAU. Natasha“ aus, der im Wettbewerb der Berlinale läuft. Wir sehen, wie Azhippo seinem Opfer die Kleider vom Leib reißt, wie er sie an den Haaren packt und in das Pissoir drückt, wie er ihr gewaltsam Cognac einflößt und sie zwingt, die Flasche mehrfach in ihre Vagina einzuführen – wenn sie es nicht selbst tue, würde der Wärter das übernehmen. Die zitternde Frau unterschreibt am Ende alles, was er ihr diktiert. Und macht einen verzweifelten Versuch, mittels Flirt mit ihrem Peiniger die Macht über die Situation zurückzugewinnen.

Qualvoll, das anzusehen, auch wenn das alles Spiel wäre. Aber es ist keins, und das Wissen um die Zustände, unter denen „DAU. Natasha“ entstand, macht den Zuschauer zum Voyeur. Drei Jahre wurde in der Ukraine anIlya Khrzhanovskiys Projekt gedreht, über 700 Stunden Filmmaterial sind entstanden. Versuche, es 2018 öffentlich in Berlin zu präsentieren und zu diesem Zweck die Stadtmitte rund um die Staatsoper in eine gigantische Installation samt nachgebauter Mauer zu verwandeln, scheiterten an der Berliner Verwaltung. Damals war auch die Autorin dieser Zeilen kurzfristig mit dem Projekt befasst.

Mitwirkende Frauen haben immer wieder, zuletzt in der „tageszeitung“, heftige Vorwürfe gegen Arbeitsbedingungen, Sexismus am Set und die sektenähnlichen Geheimhaltungspraktiken erhoben. Regisseur Ilya Khrzhanovskiy betont dagegen die Freiwilligkeit des Projekts: „Alle Gefühle sind real, aber die Umstände sind nicht real, in denen diese Gefühle entstanden sind“, erklärt er auf der Pressekonferenz. „Das ist ein Projekt darüber, wie Menschen sich bewusst entschlossen haben, sich auf eine schwierige emotionale Reise zu begeben.“

Will heißen: Auch wenn die Situation fiktiv ist, ist das Gefühl echt. Das ist keine Schauspielerei mehr, sondern ein Menschenexperiment. Für ähnliche Praktiken war Bernardo Bertolucci scharf kritisiert worden, als er bei den Dreharbeiten von „Der letzte Tango in Paris“ die junge Schauspielerin Maria Schneider nicht vorab über eine Missbrauchsszene informierte, weil er ihre authentische Reaktion wollte.

Die Story des Films ist ziemlich gradlinig: Natasha ist eine ältere Kantinenmitarbeiterin in einem geheimen sowjetischen Forschungsprojekt, die mittags die Wissenschaftler bewirtet, sich mit der Kollegin zankt und prügelt darüber, wer am Ende den Boden aufwischen soll, abends bei einer eskalierenden Party mit einem französischen Gast im Bett landet und wegen dieser Affäre am folgenden Tag vor den KGB zitiert wird.

Natalia Berezhnaya, die als Verkäuferin auf einem Markt in Charkow arbeitet und bei einem Casting entdeckt wurde, spielt das mit einer beeindruckenden Widerständigkeit und natürlichen Autorität, die Kamera von Jürgen Jürges bleibt in Naturlicht und Handführung stets dicht bei ihr.

So erinnert „DAU. Natasha“ ästhetisch an die dänischen Dogma-Filme: Möglichst viel Realismus, möglichst wenig Kunst. Doch während auch Lars von Trier seine Schauspielerinnen oft an Grenzen des Erträglichen führte, geht DAU in seinem Umgang mit Laien darüber hinaus. Dass dieser Film in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde, hat zu Recht eine heftige Debatte darüber ausgelöst, was Kunst darf, und was ein Festival in solchem Fall tun soll. Rote Linien überschreiten bitte nicht.

„DAU. Natasha“: Berlinale Wettbewerb, 27.2. 18.45 Uhr, FSP, 28.2. 12.15 Uhr HdBF