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: Plauener Spitze: Neue Kollektion im Bauhaus-Stil

Eine neue Kollektion aus Plauener Spitze will mit alten Mustern punkten.
Von
dpa
Plauen
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Eine neue Kollektion aus Plauener Spitze in der historischen Stilrichtung des Bauhauses – damit sollen gezielt andere Kunden angesprochen werden als üblich, sagt Andreas Reinhardt, Geschäftsführer der Modespitze Plauen GmbH.

„Wir müssen uns auf unsere Historie besinnen, dann haben wir auch eine Zukunftschance.“ Deshalb sei sein jetziger Blick in die Musterbücher der Geschichte vielleicht erst der Anfang. „Die Wiederentdeckung von Stilelementen könnte ein Ziel für die nächsten Jahre sein.“ Auch die floralen, geschwungenen Ornamente des Jugendstils um 1900 könne man sich gut vorstellen für eine Neuauflage.

Unter den Bedingungen der globalisierten Textilwirtschaft und der Übersättigung des Marktes mit Massenware aus Niedriglohnländern setzten die Hersteller der Plauener Spitze bereits seit vielen Jahren auf die Produktion hochwertiger Erzeugnisse für das Luxussegment, berichtet der Hauptgeschäftsführer des in Chemnitz ansässigen Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie, Jenz Otto. „Sie paaren ihr traditionell ausgeprägtes technologisches Know-how mit modernem Design.“

Zu den jüngsten Entwicklungen gehörten auch kunstvoll bestickte Design-Vliestapeten aus nachwachsenden Rohstoffen. Von den rund 20 vogtländischen Stickereiunternehmen beschäftigen sich laut Otto mehrere mit technischen Anwendungen, beispielsweise gestickten Heizelementen für Lenkräder oder Sensorik für Windkraftanlagen.

Um dem textilen Billigmarkt etwas entgegenzusetzen, brauche es das historische Wissen der regionalen Sticker, betont Reinhardt, der auch Vorsitzender des Branchenverbandes Plauener Spitze und Stickereien ist. Seine neu aufgelegte Kollektion in der geometrischen und reduzierten Formensprache des Bauhauses nutzt Entwürfe aus Plauen aus den 1920er- und 1930er-Jahren. „Wir haben uns durch unsere historischen Musterbücher gewühlt.“ Die eigene Manufaktur entstand bereits 1897.

Außerdem sei man bei Entwürfen von Schülern der damaligen Kunstschule Plauen fündig geworden, von denen einige Exemplare in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden lagern. Die historischen Musterkarten wurden für die heutigen Maschinen digitalisiert. Die neun Firmen, die die geschützte Marke Plauener Spitze herstellen dürfen, erreichen laut Reinhardt nur noch zehn Prozent der Kapazität von 1990.

Verglichen mit der Blütezeit vor dem Ersten Weltkrieg liege die Produktion nur bei einem Prozent. Großkunden brachen in den vergangenen Jahrzehnten weg, mit der Massenproduktion könne man preislich nicht mithalten. Obwohl Heimtextilien wie Gardinen und Tischwäsche immer noch einen Großteil der Produktion ausmachen, werden Nischen und zahlungskräftige Kleinkunden mit individuellen Aufträgen immer wichtiger.

Auch bei W. Reuter & Sohn im vogtländischen Reumtengrün gehört der Blick in die Vergangenheit dazu. Seit Jahren nutzt die Firma, die ebenfalls Mitglied im Branchenverband Plauener Spitze ist, die eigenen, historisch gewachsenen Stärken, wie Designerin Kati Reuter erklärt. „Unsere Kunden wünschen sich eine moderne Handschrift und exklusive, außergewöhnliche Muster in hoher Qualität. Dazu gehört ein über die Jahrzehnte erworbenes Wissen. Wir wollen Spitze, die nicht jeder nachsticken kann“, ergänzt die Tochter des Hauses.

In den 1950er-Jahren gründete ihr Großvater das Unternehmen. Die Designerin belebte selbst ein kompliziertes Stickereiverfahren wieder, das vor mehr als 100 Jahren beliebt war und fast in Vergessenheit geraten war: Bei der sogenannten Schneeballspitze reihen sich kleine, gestickte Kügelchen aneinander. Reuter: „Sie kommt bei unseren Kunden noch immer gut an.“

Die größte Mustersammlung der einst bedeutenden Plauener Kunstschule für Textilindustrie sei im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, erzählt Martin Salesch, Direktor des Vogtlandmuseums in Plauen. „Vorlagen aus aller Welt wurden gesammelt und kreativ für Plauener Spitze umgearbeitet.“ Es gebe noch verstreute Unterlagen, die zur Zeit der Zerstörung 1945 ausgelagert waren. „Aktuell läuft ein Projekt unseres Vogtlandmuseums mit dem Kunstgewerbemuseum Dresden, alle irgendwo erhaltenen Reste der Kunstschule aufzunehmen und einzuschätzen.“