Staatsbibliothek Berlin
: Hochkarätige Dokumente zu Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag

Die Staatsbibliothek zu Berlin hütet den weltweit größten Schatz an Originalhandschriften Ludwig van Beethovens.
Von
Camillo Kupke
Berlin
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  • Seit 2001 Weltdokumentenerbe der Unesco: Blick auf das Autograph der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

    Seit 2001 Weltdokumentenerbe der Unesco: Blick auf das Autograph der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

    Jörg Carstensen/dpa
  • Rätselhafte Adressatin: die erste Seite von Beethovens Brief an die "Unsterbliche Geliebte"

    Rätselhafte Adressatin: die erste Seite von Beethovens Brief an die "Unsterbliche Geliebte"

    Staatsbibliothek zu Berlin
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Jetzt aber hat das Haus Unter den Linden, das den weltweit größten Bestand an Handschriften des Komponisten hütet, seine Schatzkammer für kurze Zeit geöffnet. Anlässlich des 250. Geburtstages Beethovens zeigt die Staatsbibliothek unter dem Titel „Diesen Kuß der ganzen Welt!" – die Zeile stammt aus dem berühmten Schlusschor der „Neunten“ — sieben Wochen lang eine grandiose Ausstellung mit 135 hochkarätigen Exponaten.

Hefte für „Gespräche“

Zu den Höhepunkten im abgedunkelten Wilhelm–von–Humboldt–Saal gehören zweifellos Skizzen und Partituren der 5. sowie der 9. Sinfonie, deren Autograph 2001 in die Unesco–Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde. Daneben sind seine letzte Klaviersonate Nr. 32 in c–Moll, das Klavierkonzert Nr. 5 in Es–Dur sowie drei Fassungen von Beethovens einziger Oper „Fidelio" – in der Urversion hieß sie noch "Leonore“ — zu sehen, aber auch Streichquartette, die wenig bekannten Volksliedbearbeitungen, Briefe, Rechnungen, Porträts sowie fünf Konversationshefte, mittels denen der ertaubte Komponist „Gespräche“ mit anderen Personen führte.

Noch nie waren gleichzeitig dermaßen viele Werke und Lebenszeugnisse Beethovens (1770—1827) für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen. Und es werden wohl Jahrzehnte vergehen, bis eine solche Fülle und Qualität wieder zu sehen sein wird, betont die Leiterin der Musikabteilung Martina Rebmann.

Dass so viele Autographe und Dokumente aus dem Nachlass bereits wenige Jahre nach Beethovens Tod nach Berlin gekommen sind und nicht etwa nach Bonn, wo er seine ersten Lebensjahre verbrachte, oder nach Wien, wo er ab 1792 lebte und starb, liege in der klugen Sammlungspolitik der Bibliothek begründet, sagt Generaldirektorin Barbara Schneider–Kempf: „Die Bibliothek hat sich die Sammlung von Musikautographen ab dem 19. Jahrhundert so auf die Fahnen geschrieben, dass sie zu einer guten Adresse wurde.“ Möglich wurden Ankäufe etwa durch die finanzielle Unterstützung der preußischen Könige. Auch die Geschichte der Sammlung wird erzählt – vom ersten Ankauf 1841 über die Teilung des Bestandes infolge des Zweiten Weltkrieges und einen Diebstahl im Jahre 1951 durch den Hochstapler und mutmaßlichen Doppelagenten Joachim Krüger–Riebow bis hin zur Wiedervereinigung der Staatsbibliotheken Ost und West und damit auch des Beethoven–Nachlasses 1992.

Heute verfügt die Staatsbibliothek über 19 300 von Beethoven mit Kompositionen und Skizzen beschriebene Blätter sowie 10 000 Seiten handschriftlicher Konversationen, Briefe und andere Dokumente. Seit vorigem Jahr ist die Sammlung auch online kostenfrei verfügbar. Damit erfüllt die Staatsbibliothek quasi einen Wunsch Beethovens – glaubt man zumindest seinem zwielichtigen „Sekretär“ Anton Schindler (1795—1864). Als dieser im Jahre 1843 der Königlichen Bibliothek zahlreiche Dokumente von Beethoven zum Erwerb anbietet, wirbt er bauchpinselnd für deren geschlossenen Ankauf: „Beethoven selbst wünschte sie als solche bewahrt zu sehen, darum er auch gegen den Unterzeichneten den Wunsch äußerte, bedacht zu seyn, daß diese Originalien (…) ungetheilt an einem würdigen öffentlichen Orte deponirt u Jedermann zugänglich werden möge.“

Es sind solche Histörchen – nachzulesen auch im vorzüglichen Begleitband –, mit der die Ausstellung nicht nur Noten–Kundige, sondern ein breit gefächertes Publikum ansprechen möchte. Die Kuratoren konnten der Versuchung widerstehen, den Fokus allein auf den Komponisten zu richten; ihnen ist es gelungen, auch den Mensch Beethoven ins Rampenlicht zu rücken.

Zu sehen ist etwa seine Brille, die er trotz seiner Sehschwäche von minus 3,5 Dioptrien nicht tragen mochte, berichtet Martina Rebmann. Schriftstücke wiederum belegen Beethovens jahrelangen, zermürbenden Rechtsstreit mit seiner verwitweten Schwägerin Johanna um die Vormundschaft über seinen Neffen Karl. Ein besonderes Exponat ist unbestritten der in seinem Nachlass verbliebene zehnseitige Brief an die „Unsterbliche Geliebte“. Wer die Adressatin dieses mit Bleistift verfassten, nie abgeschickten Schreibens war, darüber rätseln Forscher seit Generationen.

Dokumentiert wird auch Beethovens einziger Besuch in Berlin, im Jahre 1769. Damals trat er auch zweimal mit Improvisationen am Klavier vor der Berliner Sing–Akademie auf. Die probte seinerzeit in der Königlichen Akademie der Künste, auf deren Gelände sich seit 1914 das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden befindet. Beethoven stand also schon einmal an jenem Ort, wo heute das größte Konvolut seines Nachlasses aufbewahrt wird …

Ausstellung „Diesen Kuß der ganzen Welt! Die Beethoven–Sammlung der Staatsbibliothek zu Berlin“, bis 30.4., Mi/Fr/Sa 11—18 Uhr, sowie Do 11—20 Uhr, Staatsbibliothek zu Berlin, Unter den Linden 8, Berlin–Mitte, Eintritt frei