Stadtschreiber Rheinsberg: Schriftsteller Torsten Schulz stellt die Filme seines Lebens vor
Kaum sitzen wir in der Küche der Stadtsschreiber–Wohnung in Rheinsberg, dreht sich das Gespräch um Filme. Welche Filme wir gern noch mal wieder sehen würden. Welche Filme man wohl in Rheinsberg drehen könnte. Und warum es das Kino heute so schwer hat, gegenüber den Streamingdiensten zu bestehen.
Wie schwierig es sei, einen Film produziert zu bekommen. Torsten Schulz, Professor für Dramaturgie an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam–Babelsberg und Autor von Büchern wie „Boxhagener Platz“, „Mein Skandinavisches Viertel“ oder zuletzt „Öl und Bienen“, hat selbst noch einige Drehbücher in der Schublade — und sitzt schon an einem neuen Roman. Erinnerungen an Rheinsberg hat er auch, aus Kindheitstagen. Wir haben ihn gebeten, die zehn Filme zu notieren, die ihn im Leben am meisten geprägt haben.
1. „Spartacus“
Der Film meiner Kindheit ist „Spartacus“ (USA, 1960, Regie: Stanley Kubrick, Drehbuch: Dalton Trumbo), ein körperlich–kämpferisches Männer–Fest der hehren Ziele und der unbestechlichen Moral. Es muss im Vorschulalter gewesen sein, dass ich den Film zum ersten Mal sah, und die Vorstellung, von Machthabern für Kämpfe auf Leben und Tod ausgewählt zu werden und dadurch zur Auflehnung zu finden, hatte doch ein recht großes Identifikationspotential. Natürlich war ich insgeheim glücklich darüber, nicht auch nur annähernd die immensen Herausforderungen meines Idols Spartacus bewältigen zu müssen.
2. „Solo Sunny“
Mein Verhältnis zur DDR verlief gewissermaßen in Wellen. 1980, als ich nach 18 Monaten Zwangsdienst aus der Nationalen Volksarmee entlassen wurde, war es so tief unten wie nie zuvor. Da sah ich den DEFA–Spielfilm „Solo Sunny“ (Drehbuch und Co–Regie: Wolfgang Kohlhaase, Regie: Konrad Wolf). Was mich in künstlerischer Hinsicht am meisten begeisterte, war die Lakonie der Dialoge. Unübertroffen die Figur des Taxifahrers Harry mit seinem Charme unfreiwilliger Komik. Und schließlich der politische Impetus des Films, den die Hauptfigur Sunny verkörperte und der doch eigentlich nur etwas ganz Normales beinhaltete: so zu leben, wie man leben möchte, individuell und gemeinschaftlich zugleich. Ich hatte bislang ein paar kleine Geschichten geschrieben und beschloss, in der DDR zu bleiben und Drehbuchautor zu werden.
3. „Das süße Leben“
Dieser Entschluss brachte mich zur Filmhochschule nach Babelsberg, wo ich vor allem durch meinen Dozenten Peter Rabenalt wesentliche Filme der Weltfilmkunst kennenlernte: „Viridiana“ und „Belle de Jour“ von Luis Bunuel, „La Notte“ (Michelangelo Antonioni), „Szenen einer Ehe“ (Ingmar Bergmann), „Aufstieg“ (Larissa Schepitko) oder schließlich „Das süße Leben“ (1960) von Federico Fellini, der das Drehbuch zusammen mit Ennio Flaiano und Tullio Pinelli schrieb. Diese Eleganz, die die essentielle Verlorenheit der Figuren nicht etwa überdeckt, sondern hervorhebt, war mir noch nie und ist mir seither in keinem Film begegnet.
4. „Außer Atem“
Die stärkste und nachhaltigste Spielart des modernen Kinos war und ist für mich die Nouvelle Vague. Agnès Varda, Claude Chabrol, Francois Truffaut, um nur diese drei zu nennen, und vor allem Jean–Luc Godard. „Pierrot le fou“, „Die Außenseiterbande“ und besonders „Außer Atem“ (1960). Wie liebte ich es, der Möglichkeit einer Liebe zuzuschauen, die keine Liebe werden kann und deshalb im tödlichen Verrat endet. Auch hier wie überhaupt in dieser Blütezeit des französischen Autorenkinos (Personalunion von Regie und Drehbuch) war der Existentialismus, der mich seinerzeit begeisterte, zu Hause.

Ikone der Nouvelle Vague: Der französisch-schweizerische Filmregisseur Jean-Luc Godard (1930–2022) im Juni 2010
Miguel Medina/afp5. „Asche und Diamant“
Das osteuropäische Pendant zu „Außer Atem“ ist für mich „Asche und Diamant“ (1958, Regie Andrzej Wajda, Drehbuch Jerzy Andrzejewski nach seinem gleichnamigen Roman). Wenn bei Godard das sogenannte Geworfen–Sein der Figuren im Prinzip gesetzt ist, wird es bei Wajda mehr politisch–historisch hergeleitet: Am Tag der Kapitulation Deutschlands ist für Maciek der Zweite Weltkrieg nicht beendet. Mit der polnischen Heimatarmee kämpft er nun gegen die Kommunisten. Ein Anschlag misslingt, Unschuldige werden zu Opfern, und damit hat sich die Tragödie Macieks endgültig manifestiert. — Das polnische Kino war und ist eines der stärksten weltweit. Regiekünstler wie Krzysztof Kieslowski („Der Zufall möglicherweise“) und gegenwärtig Pawel Pawlikowski („Ida“) oder Malgorzata Szumowska („Body“) stehen dafür.
6. „Die Zeit bleibt stehen“
Nicht minder haben mich schon in der Zeit meines Studiums ungarische Filme begeistert. Was für große Regie–Namen eines kleinen Landes: Zoltán Fábri, Miklós Jancsó, István Szabó, Márta Mészáros… Für mich am allerhervorragendsten: „Die Zeit bleibt stehen“ (1981, Regie: Péter Gothár, Drehbuch: Géza Bereményi), das Drama zweier vaterloser Brüder in den 1960ern, Liebes– und Fluchtgeschichte und die Unerlässlichkeit politischer Positionierung in einem repressiven System. Projektionsfläche für Erinnerungen an meine eigene Jugend, eine Dekade später, in der DDR und nicht ganz so konfliktgeladen.
7. „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“
Am liebsten würde ich den Finnen Aki Kaurismäki dem osteuropäischen Kino zuordnen. Aber das geht wohl zu weit. Zumal er sich selbst vor allem von Ozu, Godard und Robert Bresson, dem großen Meister des elliptischen Erzählens, beeinflusst sieht — was eine Betrachtung über die Verbindungen im Welt–Kino anstoßen könnte, die hier aber den Rahmen sprengen würde. „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ (1990) ist ein düsteres Märchen voller Realismus. Intensität durch Kargheit. Ein Höchstmaß an Reduktion führt zu großer Poesie.

Aki Kaurismäki, Regisseur aus Finnland, erscheint im Mai diesen Jahres zur Premiere des Films „Fallen Leaves“ bei den 76. Internationalen Filmfestspielen in Cannes.
Scott Garfitt/Invision/AP/dpa8. „Einer flog über das Kuckucksnest“
Den Sprung von Osteuropa nach Amerika schaffte der Tscheche Milos Forman. 1968 verließ er aus politischen Gründen sein Heimatland, 1975 nahm er die amerikanische Staatsbürgerschaft an, im selben Jahr kam sein Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ (Drehbuch: Bo Goldman, Lawrence Hauben nach dem gleichnamigen Roman von Ken Kesey) in die Kinos. Dieses Werk ist im Zusammenspiel dessen, was die verschiedenen Gewerke zum Gesamtkunstwerk Film beizutragen haben, das vielleicht Stärkste, was ich je gesehen habe: Drehbuch, Schauspiel, Kamera, Szenenbild, Filmmusik, die Montage und dies alles auf eine Weise zusammenbringend, dass das Ganze mehr als die Summe der Einzelleistungen ist: die Regie von Forman.
9. „Manhattan“
Bleiben wir in den USA und kommen wir zu „Manhattan“ (1979) von Woody Allen (Drehbuch zusammen mit Marshall Brickman). Es dürfte wohl keine ernstzunehmende Drehbuchschule geben, die an diesem Film vorbeigehen könnte, denn die aristotelische Drei–Akt–Struktur scheint geradezu wie erfunden wie ihn.

Es ist einsam geworden um Filmemacher Woody Allen.
Pascal Le Segretain/Getty ImagesDarüber hinaus ist die Handlung so grundsätzlich ironisch wie die Anlage der Hauptfigur. Mit dieser Ironie wird auch das zumeist ins Kitschige tendierende Genre der Romantic Comedy unterlaufen. Genial, wie schon in der Ouvertüre des Films die Hauptfigur (gespielt von Woody Allen, der den Spagat von Regie und Hauptdarsteller bewältigt) durch ihren Monolog entworfen wird: Der intellektuelle, aber entscheidungsunfähige New–York–Neurotiker. Allein mit diesem Film hat sich Woody Allen untilgbar in die Filmgeschichte eingeschrieben.
10. „Taxi Driver“
In meiner Liste dominieren die Autorenfilmer. Und ich könnte sie noch weiterführen, mit Emir Kusturica („Underground“) zum Beispiel oder Almodovar („Fessle mich!“) oder auch mit Vertretern des New Hollywood (Bogdanovich, Polanski, Coppola u.a.) — aber genau deshalb möchte ich den Drehbuchautor Paul Schrader ins Spiel bringen, als eine der Galionsfiguren dieser Profession. „Taxi Driver“ (1976) heißt der Film, den er für Martin Scorsese geschrieben hat und der dem ästhetisch–revolutionären New Hollywood zugerechnet wird. Die Geschichte des Vietnam–Veteranen Travis Bickle, dessen Aggressionsstau ihn in den gewalttätigen Irrsinn treibt, ist auf eine faszinierende Weise geeignet, die USA, gerade auch in ihrer heutigen Polarisierung, zu verstehen.
11. „Körper und Seele“
Natürlich ist mir bei meinen zehn Filmen aufgefallen, dass die Kontinente Lateinamerika, Asien und Afrika nicht dabei sind. Und auch nicht die wunderbaren kleinen Filmländer Belgien, Niederlande, Dänemark. Und das gegenwärtige Kino? Da will und muss ich einen letzten Film erwähnen, den schönsten Liebesfilm, den ich kenne und der — noch einmal dieses kleine Land — aus Ungarn kommt: „Körper und Seele“ (2017, Drehbuch und Regie: Ildikó Enyedi). Von diesem Film darf man nichts, aber auch gar nichts verraten. Wer sich auf ihn einlässt, wird verzaubert. Versprochen!

Maria (Alexandra Borbely) in einer Szene des ungarischen Films „Körper und Seele“ (undatierte Filmszene).
Alamode Film/dpa

