Tätowierkünstler Christian Warlich
: Der Bildmacher von St. Pauli

Christian Warlich war einer der großen Innovatoren der Tätowierkunst. Das Museum für Hamburgische Geschichte würdigt ihn nun mit einer großen Ausstellung.
Von
Thomas Joerdens
Hamburg
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  • Entscheidung beim Bier: Christian Warlich zeigt Kunden sein Vorlagealbum, aufgenommen um 1936

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    Erich Andres/SHMH
  • "Streng reell": Geschäftskarte von Christian Warlich (1948)

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    SHMH
  • Boom-Branche: das Tätowierstudio von Chriss Dettmer heute

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    Frits Palmer
  • Präzisionsarbeit: Christian Warlich im Tätowierbereich seiner Gaststätte

    Präzisionsarbeit: Christian Warlich im Tätowierbereich seiner Gaststätte

    Erich Andres/SHMH
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Die weltweit erste Schau, die sich monografisch einem Tätowierer widmet, will nicht nur eine der einflussreichsten Figuren der Tattoo-Szene über Kennerkreise hinaus bekannt machen. Es geht in der Ausstellung mit mehr als 600 Exponaten auch um die historische Entwicklung eines modischen Trends, der ungebrochen anhält.

Die Zahl der Studios ist explodiert

Ein Viertel der Deutschen soll tätowiert sein, ergab eine Umfrage. Im vergangenen Jahrhundert trugen die Leute unter die Haut gestochenen Bilder, Symbole, Tribals, Buchstaben, Namen, Sprüchen überwiegend an Körperstellen, die von der Kleidung verdeckt waren. Dies hat sich augenscheinlich geändert. Unterarme, Hände, Finger, Hals und manchmal auch Gesichter sind heutzutage ebenfalls bunt oder einfarbig sowie häufig lebenslang verziert. Mit der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz explodierte die Zahl der Studios. Bundesweit sollen es aktuell circa 8000 sein. In Hamburg, schätzt der stadtbekannte Tätowierer Chriss Dettmer und Inhaber von „The Black Hole Tattoo“, seien es etwa 500. Genauer lässt sich das nicht sagen. Denn Tätowierer ist kein Lehrberuf, sondern eine Berufung für begeisterte Autodidakten. Jeder kann ein Studio aufmachen.

Und der erste war hierzulande Christian Warlich. Der gebürtige Hannoveraner eröffnete 1919 in einer Parallelstraße der Reeperbahn das „Atelier für moderne Tätowierungen“ im Hinterzimmer einer Kneipe, die er zugleich als Wirt betrieb. Natürlich gab es in der Hansestadt schon vor Christian Warlich Tätowierer, die jedoch mehrheitlich ambulant unterwegs waren und dort tätowierten, wo ihre Dienste gerade gefragt waren.

Als das Tattoo-Fieber zu Beginn des 20. Jahrhunderts die westliche Welt packte, war man in sämtlichen gesellschaftlichen Schichten angefixt. Vom Matrosen bis zum Fabrikanten. Vom Hafenarbeiter bis zum Bankier. Vom Hausmädchen bis zur Adeligen. Die Leute wollten ihren Körpern eine persönliche Note geben. Oder sie zeigten, welchem Berufsstand sie angehören, wo sie schon überall waren, an was sie glaubten. Das Vorurteil, dass Tattoo-Träger tendenziell aus dem Knast-, Drogen- und Rotlicht-Milieu stammen, ist eine Mär. Tätowierungen gehören vielmehr zu den ältesten Kulturtechniken. Schon Ötzi, die berühmte 5000 Jahre alte Gletschermumie aus Südtirol, trug ein Tattoo. Und der Steinzeit-Bewohner war nicht der erste Mensch mit farbigen Zeichen und Mustern auf der Haut.

Hafenstädte als Tattoo-Hochburgen

Als der Körperschmuck vor gut 100 Jahren schwer en vogue war, galten weltoffene Hafenstädte wie Hamburg mit dem quirligen Amüsierviertel St. Pauli als Tattoo-Hochburgen. Dies erkannte wohl auch Christian Warlich, der schon als Kind Freunde tätowiert haben will. So hat er es in einem Brief geschrieben. Zunächst tätowierte er in Dortmund, fuhr später einige Jahre als Heizer zur See und suchte Kontakt zu US-amerikanischen Tätowierern. Ab 1917 steht sein Name im Hamburger Adressbuch.

Christian Warlichs Erfolg erklärt Kurator Ole Wittmann, der neben anderen Tätowierungen auch zwei Warlich-Motive am Körper trägt, mit dessen künstlerischen Fähigkeiten und einem breiten Angebot. Kult ist Warlichs Vorlagenalbum, in dem Hunderte sogenannte farbige Flashes, so nennen Tätowierer ihre Motive, abgebildet sind und das anlässlich der Ausstellung im Prestel Verlag teilweise neu aufgelegt wurde. Das Buch kenne quasi jeder Tätowierer, und die Mädchen, Cowboys, Segelschiffe, Schädel, Drachen, Tiger, Herzen, Anker, Schmetterlinge und zig anderen Bilder würden bis heute nachgefragt. Weltweit. Christian Warlich avancierte zu einer Leitfigur der globalen Tattoo-Kultur, weil er Zeichnungen anfertigte, die sich qualitativ von denen der Konkurrenten abhoben. Als Praktiker ragte er ebenfalls heraus. Christian Warlich, der mit Schablonen, Grafitpulver, unterschiedlich farbigen Tinten sowie selbst gebauten elektrischen Maschinen arbeitete, stach einfach die beeindruckenderen Ergebnisse.

Die Motive aus dem Vorlagenalbum wählten Interessierte bei einem Bier oder einem Grog. Die Seiten umblättern durfte nur der „König“ persönlich. Seinen Schatz gab Christian Warlich nicht aus der Hand, der sich inspirieren ließ von fernöstlichen Motiven, amerikanischer Pop-Kultur und europäischer Kunstgeschichte. Zahlreiche Motive und Schwarz-Weiß-Fotos Tätowierter zeigt die Ausstellung unter Vitrinen und an den Wänden. Es gibt außerdem zahlreiche Objekte und Filme. Einzelne Kapitel beschäftigen sich damit, wie Christian Warlich die Szene bis heute beeinflusst.

Der Meister suchte überdies den Austausch mit anderen Tätowierern, Volkskundlern oder Medizinern und galt wegen seines seriösen Auftretens bereits in den 1920er-Jahren als gefragter Fachmann. Überdies machte Christian Warlich Werbung für sein Geschäft und versprach „Wundervollste Muster, in sämtlichen Farben, streng reell!“ Er ließ Handzettel drucken und verteilen. Das Schaufenster seiner Kneipe nutzte er als Reklamefläche und vertrieb nebenbei Tätowier-Maschinen sowie -Utensilien. Christian Warlich war bald über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt, und der „König der Tätowierer“ bediente eine internationale Kundschaft. Die Gaststätte führte Warlich ohne Unterbrechung am selben Ort bis zu seinem Tod 1964. Dabei entwickelte sich die Kneipe mit ein bisschen Tätowierbetrieb im Laufe der Jahrzehnte zu einem Tattoo-Geschäft mit ein bisschen Kneipenbetrieb.

Pionier beim Entfernen von Tattoos

Ein weiterer Clou gelang Christian Warlich in den 30er-Jahren, als er auch Tattoos entfernte. Mit einer hautablösenden Tinktur, die unter anderem aus einer Mineralsäure und einem Lösungsmittel bestand. Zurück blieb ein konserviertes Hautstück. Lange galt das Rezept als verschollen, bis Warlich-Forscher Ole Wittmann es vor drei Jahren im Staatsarchiv Hamburg wiederentdeckt hat. Christian Warlich hatte es einst wegen einer Anzeige notiert. Einige der abgetrennten Hautlappen mit Tattoos sind in der Schau zu sehen. Diese Methode galt damals als so fortschrittlich, dass Patienten des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf zum Enttätowieren nach St. Pauli zu Christian Warlich geschickt wurden.

Tätowierer arbeiten immer noch so wie weiland Christian Warlich und Co. Beim Entfernen sind die Heutigen allerdings einen entscheidenden Schritt weiter. Statt einer selbst gemischten ätzenden Tinktur nutzen sie einen Laser. Noch leichter lassen sich die „Tätowierungen“ mit Warlich-Motiven entfernen, die sich Ausstellungsbesucher an der aufgebauten Tattoo-Station beibringen können. Die sind abwaschbar.

Info: „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ bis 25. Mai im Museum für Hamburgische Geschichte, Holstenwall 24, Hamburg. Geöffnet montags 10–17 Uhr, mittwochs bis freitags 10–17 Uhr sowie sonnabends und sonntags 10–18 Uhr. Telefon 040 428132100. Mit Katalog. Internet: https://shmh.de

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