„Tatort“ aus Berlin
: Wie ist der zweite Fall von Waschke und Harfouch?

Bonard und Karow ermitteln wieder. Der neue „Tatort“ aus der Hauptstadt führt in die vietnamesische Lebenswelt von Berlin. Interessante Kulisse, aber sonst?
Von
Michael Heider
Berlin
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Susanne Bonard (Corinna Harfouch, Mitte) und Robert Karow (Mark Waschke, l.) mit Bui Thi Vien (Hanh Mai Thi Tran) in der Pagode in Lichtenberg: Der „Tatort: Am Tag der wandernden Seelen", den das Erste am 5. Mai 2024 zeigt, führt in die vietnamesische Community Berlins.

Susanne Bonard (Corinna Harfouch, Mitte) und Robert Karow (Mark Waschke, l.) mit Bui Thi Vien (Hanh Mai Thi Tran) in der Pagode in Lichtenberg: Der „Tatort: Am Tag der wandernden Seelen“, den das Erste am 5. Mai 2024 zeigt, führt in die vietnamesische Community von Berlin.

rbb/PROVOBIS/Gordon Muehle

Es ist ein grausiger Fund. In Berlin-Lichtenberg, inmitten piefiger Terrassenidylle mit Gardena-Vollausstattung, wird ein Mann tot in seinem Haus entdeckt. Selbst der rote Teppichboden kaschiert die Blutlache nicht, die rund 20 Messerstiche in den Oberkörper hinterließen. Doch für Ermittler-Duo Susanne Bonard (Corinna Harfouch) und Robert Karow (Mark Waschke) ist es business as usual. Totes Opfer, flüchtiger Täter. Die Sache scheint klar.

Nur, ganz so einfach ist der Fall wohl doch nicht. Es fehlen nicht nur Einbruchsspuren. Auch Hinweise auf einen Raubmord gibt es nicht. Schließlich entdeckt Karow in diesem Hort der Spießbürgerlichkeit mit 70er-Jahre Einrichtung einen schaurigen Hinweis: ein versteckter Raum. Dessen Wände sind bedeckt mit schallschluckendem Schaumstoff, Fliegenfänger hängen von der Decke. Über allem liegt das konstante Zischen einer Duftmaschine.

Karow stößt auf eine menschengemachte Hölle in Berlin

Es ist eine menschengemachte Hölle, auf die der Kommissar stößt. „Ich bin durchaus noch in der Lage, fassungslos zu sein‟, muss selbst der Profi-Stoiker Karow zugeben. Kabelbinder, Heizkolben, diverse Messer ‒ Folterwerkzeuge so weit das Auge reicht. Plötzlich steht der Fall kopf. Das Opfer, so scheint es, war selbst Täter. Und der Täter? Wie sich herausstellt, handelt es sich wohl um eine junge Frau. Offenbar war sie ein Opfer, das dem sicheren Foltertod nur durch Zufall entkam. „Ich hätte ihn auch umgebracht“, sagt die von den schrecklichen Funden stark mitgenommene Bonard.

„Am Tag der wandernden Seelen“ von Regisseurin Mira Thiel, die das Buch zusammen Josefine Scheffler in einem Writer's Room ausarbeitete, erinnert in seiner Anfangssequenz an jüngere True-Crime-Formate. Ob auf Streamingdiensten oder öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, allzu häufig folgt darin einem grausigen Fund die detailreiche Inszenierung kreativer Mordmethoden von Serienkillern. Doch der neue „Tatort“ aus Berlin, der zweite Fall des Duos Bonard und Karow, legt eine Finte. Denn anders als Serien wie „Dahmer“ verliert sich der Film nicht in drastischer Darstellung von Morden. Ein Glück! Nur leider verliert er sich an anderer Stelle.

„Tatort“ aus Berlin: Ermittler brauchen interkulturelle Dolmetscherin

Hinweise führen Bonard und Karow in die vietnamesische Community der Hauptstadt. Kein einfaches Terrain für die Ermittler, denn dort traut man der Polizei nicht über den Weg. Helfen soll LKA-Beamtin Pham Thi Mai (Trang Le Hong). Sie dient Bonard und Karow nicht nur als interkulturelle Dolmetscherin, sondern bringt sie auch auf die Spur einer jungen Vietnamesin, die womöglich die flüchtige Person ist, nach der sie suchen.

Insbesondere Karow taucht tief in die fremde Kultur ein. Seine Ermittlungen führen ihn in eine Pagode in Lichtenberg, einem vietnamesischen Glaubensort. Will er in diesem tief religiösen Umfeld an Informationen gelangen, braucht es respektvolles Vorgehen. Für den zwischenmenschlich sonst eher defizitären Kommissar keine leichte Aufgabe. Doch Karow kommt nicht nur an Erkenntnisse ermittlungstechnischer Art, der kühle Rationalist entdeckt sogar seine verletzlich-spirituelle Seite.

Robert Karow (Mark Waschke, l.) und seine Kollegin Pham Thi Mai (Trang Le Hong, r.) in der Pagode: diesmal entdeckt der kühle Kommissar seine spirituelle Seite

„Tatort“ aus Berlin: Robert Karow (Mark Waschke, l.) und seine Kollegin Pham Thi Mai (Trang Le Hong, r.) in der Pagode: Diesmal entdeckt der kühle Kommissar seine spirituelle Seite.

rbb/PROVOBIS/Gordon Muehle

Das Drehbuch-Team des neuen Berlin-„Tatorts“ beweist viel Einfühlsamkeit beim Darstellen vietnamesischer Lebenswelten. Ob nun Vertragsarbeiter in der DDR oder sogenannte „Boatpeople“, also vor dem Vietnamkrieg Geflüchtete ‒ die Spuren, die Vorurteile und Verletzungen in Deutschland hinterließen, sind eindrucksvoll zwischen den Zeilen verpackt. Auch die Besetzung ist äußerst gelungen: Die Rolle von Tierärztin Dr. Lê Müllermit spielt etwa Mai-Phuong Kollath, einst selbst DDR-Vertragsarbeiterin und Zeugin der rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992.

Keine falschen Fährten oder verblüffende Wendungen im neuen „Tatort“ aus Berlin

Und dennoch ist es genau dieser gut recherchierte kulturelle Kontext, an dem „Am Tag der wandernden Seelen“ krankt. Er mag für einen guten, erkenntnisfördernden Film sorgen, nur leider nicht für einen spannenden Krimi. Verdächtigen hinterherjagen, falsche Fährten, verblüffende Wendungen, kurz: ein spannender Handlungsverlauf - all das scheint im Writer’s Room der Huldigung eines (sicher lohnenswerten) Settings zum Opfer gefallen zu sein. Immerhin: Ein Zoom in einer Videoaufnahme, die der Ermordete von seinen Taten anfertigte, führt Karow auf die Spur eines Komplizen. Spannender wird es nicht.

Susanne Bonard und Robert Karow müssen sich angesichts der schaurigen Entdeckungen gegenseitig mehr denn je emotionale Stütze sein. Zuschauerinnen und Zuschauer des neuen  „Tatorts“ aus Berlin können auf eine solche getrost verzichten. Ein schreckliches Verbrechen und ein interessantes Setting allein machen eben noch keinen spannenden Krimi.

„Tatort: Am Tag der wandernden Seelen“

„Am Tag der wandernden Seelen“ wird am Sonntag, dem 5. Mai 2024, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. Der Film ist im Anschluss sechs Monate in der ARD Mediathek abrufbar.

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