Theater gegen Rechts: Was steuern die Theater in Brandenburg zu den Demos bei?

Luisa Maria Bruer im Schwedter Jugendstück „3 Helden. Stadt, Land, Traum“
Udo KrauseDer Publizist Max Czollek hat das böse Wort vom „Versöhnungstheater“ geprägt, wo es um das rituelle Gedenken an den Holocaust in Deutschland geht. Die Vielzahl der Veranstaltungen, mit denen auch Brandenburgs Theater und Kulturinstituionen am heutigen 27. Januar der Schrecken des Holocaust gedenken, haben mit diesem rituellen Pflichtübungen wenig zu tun, sie sind in diesem Jahr gespeist von der ganz aktuellen Angst und Sorge vor dem erstarkendem Rechtsradikalismus in Deutschland.
Die (fehlenden) Reaktionen auf den Hamas-Terroranschlag auf Israel, die schwierige Positionierung im eskalierenden Gaza-Konflikt und die neuesten Erkenntnisse, die aus den Correctiv-Recherchen über das Potdamer Treffen mit Martin Sellner bekannt wurden, treiben nicht nur Tausende auch in Brandenburg zu Demonstrationen auf die Straße. Auch die Theater öffnen ihre Räume für Diskussionen und Lesungen.
Konzertierte Aktion in Cottbus, Potsdam, Schwedt und Senftenberg
Für die Veranstaltungen in Cottbus, Potsdam, Schwedt und Senftenberg wurde als Termin bewusst der 27. Januar gewählt – es ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. „Es ist ein starkes Zeichen gegen Rechts, dass sich die kommunalen Theater des Landes Brandenburg in so kurzer Zeit auf eine konzertierte Aktion verständigt haben“, erklärt Bettina Jahnke, Intendantin des Hans Otto Theaters, die den gemeinsamen Auftritt angeregt hatte. Das Hans-Otto-Theater in Cottbus hatte schon früh eine Lesung aus den Correctiv-Recherchen für den heutigen Sonnabend angesetzt. An der anschließenden Diskussion teilnehmen werden die Politikwissenschaftlerin und SPD-Politikerin Gesine Schwan, der Aussteiger aus der Neonazi-Szene Christian Weißgerber und die Investigativjournalistin Antonie Rietzschel (Leipziger Volkszeitung).
Lesung im Hans Otto Theater Potsdam: 27.1., 21 Uhr, Eintritt frei.
„Nie wieder“ an der Neuen Bühne Senftenberg

Lesen am Samstag, 27. Januar, gegen Rechts: Christina Dom, Matthias Manz, Cassandra Emilienne, Friedrich Rößiger (v.l.n,r.) von der Neuen Bühne Senftenberg.
Steffen RascheAuch in Senftenberg gibt im Anschluss an die zweite Vorstellung der „Comedian Harmonists“ eine Lesung „Nie wieder!“ mit anschließender Gesprächsrunde auf der Hauptbühne. Das ist insofern passend, als die Gruppe der Comedian Harmonists selbst unter dem Druck der NS-Verfolgung 1935 auseinanderbrach. Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie unmittelbar Kultur durch die NS-Verfolgung beschädigt wurde. In einer Lesung will das Theater „mit Stimmen verschiedener Menschen aus dem Kulturbereich aus der Vergangenheit und Gegenwart einstimmen“, heißt es in einer Erklärung. Unter anderem werden Auszüge aus dem Dokument „Geheimplan gegen Deutschland“ des Recherchekollektivs CORRECTIV präsentiert. Der Eintritt ist frei. Die Veranstaltung ist auch für Personen geöffnet, die nicht vorher in der Vorstellung waren. Es moderieren Karoline Felsmann und Daniel Ris. Lesen werden Christina Dom (Lesungskonzept), Cassandra Emilienne, Matthias Manz und Friedrich Rößiger.
„Nie wieder!“, Neue Bühne Senftenberg, 27.1., ca. 21.45 Uhr, Eintritt frei
Kunst und Lesung in Cottbus
In Cottbus lesen im Dieselkraftwerk um 16 Uhr Ariadne Pabst und Johannes Scheidweiler Auszüge aus den Correctiv-Berichten. Flankiert wird die Lesung von Bilder- und Videoprojektionen, die Kunstwerke aus der Sammlung des Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst zeigen. „Bernhard Heisig, Lea Grundig, Hans Ticha, Ludwig Rauch, Jakob Ganslmeier und Ana Zibelnik schaffen einen kritischen Reflexionsraum zu historischen faschistischen Ideologien und aktuellen neofaschistischen Tendenzen“, so das Museum.
Lesung: Dieselkraftwerk Cottbus, 27.1., 16 Uhr, Eintritt frei
Klare Kante in Schwedt

Luisa Maria Bruer im Schwedter Jugendstück „3 Helden. Stadt, Land, Traum“
Udo KrauseIn Schwedt wird das Jugendstück „3 Helden: Stadt. Land. Traum“ gezeigt, ein leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz und gegen Rassismus. Anschließend lesen die ubs-Ensemblemitglieder David Alonso und Fabian Ranglack unter dem Motto „Nie wieder ist Jetzt“ Texte, die einen zeitgeschichtlichen Kontext zu den Correctiv-Recherchen herstellen: aus dem Gedächtnisprotokoll zum Streitgespräch Nationale oder internationale Kunst? zwischen dem Theatermacher Erwin Piscator und Joseph Goebbels im Berliner Rundfunk 1933 und aus „Bitte konkret! Ein Streitgespräch zwischen dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie und Marc Jongen, dem kulturpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion“, erschienen in Theater der Zeit, Ausg. 4/2019. Anschließend gibt es die Möglichkeit zum Gespräch.
Vorstellung von „3 Helden: Stadt. Land. Traum“ mit Luisa Maria Bruer, Anschließend szenische Lesung mit Fabian Ranglack und David Alonso sowie Publikumsgespräch, 27.1., 18 Uhr, Foyer Großes Haus, Eintritt frei
Gedenken in Neuendorf im Sande
Ein besonders eindringliches Gedenken hat auch das Gut Neuendorf im Sande angesetzt, das zusammen mit dem Fürstenwalder Pfarrer Kevin Jessa zu einer Gedenkzeremonie am Denkmal für Jutta Baumwol am Eingang zum Gutshof einlädt. Anschließend geht es in die Neuendorfer Dorfkirche, wo man bei Heißgetränken nach einer kleinen Lesung miteinander ins Gespräch kommen kann. „Versöhnungstheater“: Keineswegs. Sondern die dringend nötige Gelegenheit, miteinander zu sprechen und zu diskutieren. Das ist die beste Demonstration.
Gedenken: 18 Uhr am Eingang zum Gutshof Neuendorf im Sande, im Anschluss Diskussion in der Dorfkirche

