Die Wirklichkeit hat uns eingeholt, sagt Florian Vogel, Hausherr im Kleist-Forum, zur Begrüßung. Als die Jury sich im Dezember 2021 für Amir Gudarzi als Kleist-Förderpreisträger entschied, war vieles noch nicht abzusehen: der Krieg in der Ukraine, die weltweite Energiekrise, die Proteste vor allem der Frauen im Iran. Und, mag man es prophetisch nennen oder gespenstisch: Von all dem handelt das Stück „Wonderwomb“, das in der Inszenierung des Hessischen Landestheaters Marburg am Donnerstag Abend die diesjährigen Kleist-Festtage eröffnete. Von all dem, und noch von viel mehr.
Eröffnung der Kleist-Festtage und Verleihung des Kleist-Foerderpreises fuer junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2021 an Amir Gudarzi. Dezernentin Melina Manns überreicht den Kleist-Förderpreis an Amir Gudarzi, rechts der Künstlerische Leiter des Kleist-Forums, Florian Vogel.
Eröffnung der Kleist-Festtage und Verleihung des Kleist-Foerderpreises fuer junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2021 an Amir Gudarzi. Dezernentin Melina Manns überreicht den Kleist-Förderpreis an Amir Gudarzi, rechts der Künstlerische Leiter des Kleist-Forums, Florian Vogel.
© Foto: Winfried Mausolf
Statt des Wunderschoßes (“Wonderwomb“) scheint das Drama eher eine Wundertüte, in die der in Wien lebende Dramatiker alles gepackt hat, was ihn umtreibt und beschäftigt. Und wie ein Netz verknüpft er die globalen Probleme mit den alltäglichen Fragen, zum Beispiel, wie viel Öl in den Kleidern, die wir tragen, und den Matratzen, auf denen wir schlafen, steckt. Öl ist überhaupt das Generalthema, der schwarze Stoff, der alles verbindet, im Werden und Vergehen. Nicht umsonst treten, im vielfältigen Figurenreigen, ein Chor der toten Tiere, die zu Öl geworden sind auf, und die Stimmen der Dollars, die ein Fass Öl kostet.
Die Inszenierung von Eva Lange, Ko-Intendantin des Marburger Theaters, schlägt beherzt drei Schneisen durch die wuchernden Assoziationsräume, schickt drei Erzähler*innen in goldenen Paillettenanzügen in die Spur, die wie ein griechischer Chor die Szenen verbinden, lässt die Öl-Geschöpfe in schwarz-weiß gefleckten Kostümen über die Bühne wusen und sich zu einem Haufen verklumpen. Und sie führt die Hauptstränge der persönlichen Geschichten in durchaus spannender Parallelführung aufeinander zu: Die Irakerin, die in Deutschland lebt und nur per Skype Operation und Beerdigung ihrer Mutter zuhause miterleben kann, die syrische Putzfrau in Sidney, die ihren Sohn in Wien nicht besuchen kann, der Architekt und die Tierärztin aus Deutschland, die in Doha oder Dubai Bauprojekte betreuen oder am Strand liegen, und der Börsenmakler in New York, der alles auf eine Karte setzt und bei einem Unfall stirbt, bevor er seine durch eine Ölkrise hervorgerufenen Gewinne einstreichen kann.

Vom Asphalt bis zur Tupperdose - alles aus Öl

Im rasenden Wechsel tauschen die in Disney- oder Marvel-Kostüme gekleideten Darsteller die Rollen und die Länder, machen deutlich, wie sehr alles mit allem zusammenhängt, und mischen noch ein Attentat auf den iranischen Revolutionsoffizier Qasem Soleimani dazu, das der „orangeköpfige Präsident“ in den USA befohlen hat, Ölbohrungen in Tschatschikistan und einen rassistischen österreichischen Polizisten hinzu. Spätestens als dieser in Moskau an der brutalen Verhaftung Oppositioneller, wird es vielleicht etwas viel Aktualität. Und auch nicht alle ölbasierten Produkte, die auf der Bühne abgehandelt werden, von Kosmetik über Kaugummi und Asphalt bis zur Tupperdose hätte man wirklich gebraucht.

Frankfurt (Oder)

Gudarzi selbst, der auch schon beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und den Autorentheatertagen eingeladen war, hat derzeit andere Sorgen: Gerade hat er den Offenen Brief der Kulturschaffenden in Deutschland zur Unterstützung der Proteste im Iran unterschrieben und beschwört auch in Frankfurt (Oder) die Solidarität mit der iranischen Bevölkerung und der feministischen Bewegung: „Was dort passiert, ist etwas Historisches“. Sein großer „Weltzusammenhangsversuch“, den er mit „Wonderwomb“ unternimmt, macht auch an der Oder nicht Halt. Und sei es in dem schwachen Trost, dass wir, wenn wir in einer überhitzten Erde, auf der man nicht mehr leben kann, zu Öl geworden sind, irgendwann, vielleicht in einer Million Jahren, wieder auferstehen. Wir sehen uns wieder.

Die 32. Kleist-Festtage in Frankfurt (Oder)

Zu weiteren Veranstaltungen der Kleist-Festtage werden unter anderem die Schauspieler Alexander Scheer, Thomas Thieme und Jens Harzer sowie die Schauspielerinnen Sandra Hüller und Fanny Staffa erwartet. Am heutigen Sonnabend wird im Rahmen des Theater- und Literaturfestes die Ausstellung „Kleist romantisch“ eröffnet.