Theater
: Kleist-Preisträgerin Magdalena Schrefel über ihre Liebe zu Karten

Mit dem Stück „Ein Berg, viele“ hat Magdalena Schrefel den diesjährigen Kleist-Förderpreis gewonnen.
Von
Antje Scherer
Frankfurt (Oder)
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Wahl-Berlinerin: Magdalena Schrefel, Gewinnerin des diesjährigen Kleist-Förderpreises

Patrick Pleul

Mit ihm verbindet Autorin Magdalena Schrefel eine Begeisterung für Karten. Den Gedanken, „dass man auf einem Stück Papier alles Wissen verorten kann“, finde sie faszinierend. Mit jedem neuen Text, den sie schreibe, erfasse sie „totale Euphorie“, dass ihr Ähnliches gelingen könne. Und wenn sie sich eingestehen müsse, dass sie das wieder nicht geschafft habe, folge „eine kleine Depression“.

Dabei hat man beim Lesen ihres Stücks, für das sie dieses Jahr den Kleist-Förderpreis erhält, sehr wohl das Gefühl, das sie eine ganze Welt beschreibt. Oder gleich mehrere. Auf gerade mal 68 Seiten erzählt sie mindestens die Geschichte von a) James Rennell (1742–1830), britischer Geograf, der ein fiktives Gebirge namens Kong aus dem Boden stampft, um den unsteten Flussverlauf des Niger in einem fernen Land zu erklären b) dessen Köchin, die ihn auf diese Idee bringt c) seinen Kindern, die Forschen und Kolonialisieren nachspielen d) diesen Kindern als Erwachsenen, die dem Vater eröffnen, dass sie seinen Schwindel nie geglaubt haben e) der zeitgenössischen Dokumentarfilmerin Pearl, die ein Königreich/Flüchtlingslager Kong bereist e) Ismael, Geflüchteter, den sie dort kennenlernt und f) uns, den Zuschauern.

Das ist sprachmächtig, poetisch, mehrdeutig, klug und voller Fantasie. Und atmet trotz der vielen Ebenen Klarheit. Die Jury lobt: Das Stück „erzählt mit den Mitteln des Theaters von inszenierten Wirklichkeiten und öffnet darin einen klaren Blick auf unsere Gegenwart.“

Schrefel ist keine Anfängerin. Sie ist 35, kurz vor der Altersgrenze für den „Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker“. Bereits ihr Stück "Sprengkörperballade“ wurde in Köln und Wien aufgeführt, „Die Bergung der Landschaft“ als Hörspiel produziert, für Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Geboren ist sie in Wien, nach Deutschland kam sie 2011 für das Studium am Literaturinstitut Leipzig. Drei Jahre später zog sie nach Berlin, wo viele Freunde leben, – und verliebte sich sofort in die Stadt. In ihrer ersten Woche habe sie jemand mit dem Satz begrüßt, „wie schön, jetzt bist du ja auch Berlinerin!“, erzählt sie. So etwas werde einem Zugezogenen in Wien selbst nach 20 Jahren nicht passieren. „Ich geh hier nicht mehr weg“, sagt sie und lacht. Das Schreiben sei eine einsame Tätigkeit und sie sei angewiesen auf ein soziales Gefüge, „dass das mittragen kann.“

Sie wohnt mit ihrem Freund in Neukölln und „lebt ein diszipliniertes Leben“. Im Brotberuf arbeitet sie als Lektorin bei einem Verlag, geht gern spazieren, und „vorher und nachher“ schreibt sie ihre eigenen Texte. Nicht abhängig zu sein vom Veröffentlichen, das habe auch sein Gutes. Sie könne die Texte solange behalten, bis sie wirklich zufrieden sei.

Zum Schreiben kam sie relativ spät – keine, die schon als Erstklässlerin Gedichte schrieb. Nach der Matura war sie länger im Ausland, erst in Kroatien, dann in Schweden ("Ich war eine Suchende"). Dann beginnt sie in Wien Europäische Ethnologie zu studieren. „Da ging es viel um Beobachtung und Grübeln darüber, was dem zugrunde liegen könnte“, sagt sie. Dinge, die sie beschäftigt haben, habe sie notiert. Und gemerkt, dass ihr das Spaß macht. Und ihr half, Dinge klarer zu sehen. Dass sie über das Schreiben denke, merke man auch ihren Texten an; „Es gibt immer sehr viele Fassungen der Stücke!“

Angefangen hat sie mit Prosa, aber erst über szenische Texte sei sie richtig ins Schreiben gekommen. „Die Figuren entwickeln ein Eigenleben, das macht es mir leichter, Geschichten zu erzählen“. Ihr preisgekröntes Stück wird jetzt vom Schauspiel Leipzig inszeniert: „Ich bin sehr gespannt“, sagt sie. Würde sie gerne selbst mal Regie führen? „Nee“, sagt sie. Eher finde sie es schön, ihren Text abzugeben und zu sehen, was Profis auf anderen Gebieten damit machen. Die Proben haben noch nicht begonnen, aber man sei zuversichtlich, so eine Sprecherin der Bühne in Leipzig, dass trotz der Corona-Pause alles pünktlich fertig wird.

Ins Theater, davon ist Magdalena Schrefel überzeugt, werden wir auch in Zukunft noch gehen: „Theater lebt von dieser wunderbaren Komplizenschaft zwischen Publikum und Schauspielern: man nimmt an, jemand ist jemand anderes. Ich glaube fest, dass das Bestand hat.“

Der Kleist-Förderpreis

Dass Magdalena Schrefel den 25. Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker erhält, wurde bereits im Januar bekanntgegeben. Die offizielle Preisverleihung findet zur Eröffnung der Kleist-Festtage am 1. Oktober in Frankfurt (Oder) statt; anschließend wird das Stück "Ein Berg, viele" aufgeführt. Die Uraufführungsgarantie ist Teil des mit 7500 Euro dotierten Preises, in diesem Jahr übernimmt sie das Schauspiel Leipzig. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Marius von Mayenburg und Marianna Salzmann.⇥as