Unter dem Titel "Germania" hatRegisseurin Claudia Bauer "Germania Tod in Berlin", uraufgeführt 1978 in München, und "Germania 3 Gespenster am toten Mann", uraufgeführt 1996 in Bochum, "nach Heiner Müller" inszeniert, angereichert mit kurzen Anleihen bei anderen seiner Dramen. Der Aufwand der knapp dreistündigen Aufführung ist enorm: Ein Live-Orchester samt Harfe, ein Chor mit 13 Männern, drei Sängerinnen, drei Puppenspieler, ein achtköpfiges Schauspielensemble. Dazu höchst aufwändige Soundeffekte von Roman Kanonik und ausgefeilte Videos von Rebecca Riedel, natürlich die Live-Kamera, um Dinge auf eine Leinwand zu bringen, die sich unsichtbar im Inneren des Bühnenbildes von Andreas Auerbach verbergen.
Kommunismus mit Bier
Schon der schwere blaue Samtvorhang zu Beginn der Vorstellung signalisiert, dass man es hier mit dem Theater und mit Heiner Müller ernst meint. Dessen Höllenritte durch die deutsche Geschichte werden bei Claudia Bauer zu einer so schrillen wie spektakulären Breitwand-Revue. Die mal marschmäßigen, mal unheilvollen, mal eher sentimentalen Kompositionen von Mark Scheibe, der das Orchester auch leitet, erinnern an Hanns Eisler, Richard Wagner oder Hans Zimmer. Formal ebenso vielschichtig ist das Geschehen auf der Bühne, die sich immer wieder dreht und neue Einblicke eröffnet, ob Hitler und Stalin sich in ihren Badezimmern als Helden des Absurden aufplustern, ob in einer Kneipe der Kommunismus heftig mit Bier gefeiert oder verdammt wird.
Entsprechend zu Müllers inhaltlicher Spannweite – von der Varusschlacht bis in die Zeit nach dem Fall der Berliner Mauer – geht es meistens laut, grell und multimedial opulent zu. Es wird viel erzählt und das Grauen – Krieg, Mord, Klassenkampf – verfremdet beschrieben, nicht gezeigt. Da geraten Figuren wie Friedrich der Große oder Walter Ulbricht zu Hampelmännern, die Nibelungen zu Rabauken mit Wallemähnen, die Prostituierten in Ost-Berlin zu barock aufgedonnerten Kurtisanen.
Für Müllers desillusionierten Blick auf die historischen Entwicklungen und die ernüchternde Praxis der schönsten utopischen Theorien findet Claudia Bauer alptraumhaft böse Bilder, in denen Uniformierte mit riesigen Totenköpfen die innerdeutsche Grenze bewachen oder ein Held der Arbeit, von Neonazis mit Ziegeln erschlagen, wie ein erstarrtes "Arbeiterdenkmal" in die Kamera ragt.
Manches ist zum Lachen, etwa wenn zwei Clowns den König von Preußen und den Müller von Potsdam, außerdem des einen Schloss und des anderen Mühle darstellen. Oder wenn nach einer kleinen Szene zum "Krieg der Viren" eine aufgeblasene sächsische Partygesellschaft in adäquat aufgeblasenen grünen Schutzanzügen über den Turm von Babel und den DDR-Wohnungsbau ("Arbeiterschließfächer") lästert.
Claudia Bauer hat den langen Atem und die szenische Phantasie für diese Schreckenschronik. Mit der Erweiterung zur Musiktragödie lässt sie diese noch abgründiger erscheinen, um sie dem Publikum klar und in aller Komplexität vorzuführen. Aber sie doziert nicht, sie amüsiert und provoziert lieber. So gelingt es ihr, Heiner Müllers Historiendramen als Herausforderung für das Theater wiederzubeleben: Staubfrei und anregend, klug und begeisternd.
Vorstellungen 31.10. / 16.11., 19 Uhr, 10.11., 18 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin, Tel. 030 24065777