Torsten Schulz: Zehn Bücher, die mein Leben verändert haben

Liest gern, schreibt gern: Autor Torsten Schulz lebt in und bei Berlin. Zuletzt erschienen von ihm der Roman "Skandinavisches Viertel" und das Dokumentarbuch "Mein Skandinavisches Viertel".
Tim Brakemeier1 Wer liest heute noch Heinrich Böll? "Der Geschmack des Brotes“, eine Sammlung seiner frühen Erzählungen, traf mich in meiner Pubertät, die angefüllt war von Melancholie und hilfloser Hybris. Die banale Sinnlosigkeit des Krieges, den die Alten in meiner Umgebung, unzufrieden und übel gelaunt wie sie waren, oftmals als eine Art Abenteuerspielplatz erscheinen ließen, wühlte mich auf und bewahrte mich davor, in der eigenen gefühlten Banalität unterzugehen.
2 Günter Grass war 31 Jahre alt, als sein Debütroman "Die Blechtrommel“ publiziert wurde. Ein fulminant barocker Schelmenroman, neben der nachfolgenden Novelle „Katz und Maus“ sein stärkstes Werk. Am meisten beeindruckte mich die erzähltechnische Vielfalt, gepaart mit einer Chuzpe, die einem jungen ungebärdigen Mann eigen war, der nicht weniger als die Welt erobern wollte. Dass ein Teil der Figuren in Kaschubisch reden, gab mir später den Mut, in meinen Romanen „Boxhagener Platz“ und „Nilowsky“ das Berlinerisch meiner Kindheit zu verwenden.
3 Das Berlinerisch der 1920er Jahre begeisterte mich an Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Schon als Jugendlicher konnte ich manche Passagen mit Franz, Reinhold und Mieze nahezu auswendig. Stellenweise sind sie übrigens von sich aus bereits großartige Drehbuchtexte, die mich an die expressionistischen Filmvorlagen von Carl Mayer erinnern
4 Auch von der Literatur aus der DDR muss einiges erwähnt werden: Günter de Bruyns „Märkische Forschungen“, Wolfgang Kohlhaases und Siegfried Pitschmanns Erzählungen und allem voran "Der Boxer“ von Jurek Becker. Die Unausweichlichkeit der Lebenswege von Vater und Sohn; die Sehnsucht nach Zusammensein, die umso größer wird, je mehr man dazu nicht in der Lage ist; die traurige Lakonie der Darstellung, jüdischer Witz… auch hier wieder die unverwechselbare Tonalität, die mir den Autor nahebrachte.
5 Die größte Unterstützung, ja Rückgratstärkung für mein Leben in der DDR war Albert Camus‘ Essay "Der Mythos von Sisyphos“. Er arbeitet mit der existentiellen Grundtatsache des Absurden, die die Frage aller Fragen aufwirft: Selbstmord oder Trotzdem-Leben? Ich wollte und ich habe mich auf das Trotzdem-Leben eingelassen. Diese Entscheidung hat mir geholfen, mit vielen Absurditäten im sogenannten real existierenden Sozialismus klarzukommen, ohne im Zynismus oder Opportunismus umzukommen. Mittlerweile, da ich mich, optimistisch gedacht, am Anfang des letzten Drittels meines Lebens befinde, ist es der Tod, das von Camus hauptsächlich Gemeinte, der keine wie auch immer geartete Erklärung mit sich bringt und ein großes Trotzdem herausfordert.
6 Das Absurde, aufs Historisch-Konkrete heruntergebrochen, findet sich für mich in keinem Roman so intensiv dargestellt wie in Curzio Malapartes "Die Haut“. Italienische Soldaten als lebende Leichen in den Uniformen englischer Gefallener, die Heilige Jungfrau als One-Dollar-Prostituierte … Ich bin kein Freund von auffälligen Metaphern in der Literatur, hier aber glänzen sie auf einem schmalen Grat zwischen Kitsch und Grauen, und dieser Grat ist großartige Kunst.
7 Da mich von allen Literaturen keine bislang so sehr begeistert hat wie die US-amerikanische, muss unbedingt auch James Baldwin ("Eine andere Welt") genannt werden, ebenso wie Ernest Hemingway ("49 stories"), Jack Kerouac ("Tristana"), John Steinbeck ("Tortilla Flat"), Bernhard Malamud ("Die Mieter"), Truman Capote ("Die Grasharfe") oder Richard Ford, der mit "Rock Springs“ den wuchtigsten Erzählungsband geschrieben hat, den ich kenne. Die Texte sind von atavistischer Kraft und Tiefe. Große menschliche Dramen auf kleiner Fläche, sehr amerikanisch und universell zugleich.
8 Wenn ich an die Novelle denke, ist meine Nummer Eins "Die Ballade vom traurigen Café“ von Carson McCullers. Der böse Vetter Lymon, ein buckliger Zwerg, der die emotionale Zuwendung der einsamen, mürrischen, riesengroßen Miss Evans gewinnt, die ihm aber am Ende nichts bedeutet. Der traurige Süden der Staaten: Felder über Felder, eine Baumwollfabrik, vor den Toren des Städtchens eine Gruppe von Strafgefangenen, die mit Fußketten aneinandergefesselt sind, den ganzen Tag Lehm hacken und inbrünstig Lieder singen.
9 Carson McCullers ist nicht die einzige Frau in dieser Runde. Jennifer Egan (Jahrgang 1962) ist die Jüngste unter den hier Versammelten und erschafft mit ihrem Roman "Der größere Teil der Welt“ einen Figuren-Reigen, der um die halbe Welt führt und von der Hippie-Ära bis ins Internetzeitalter. Und wer über Textsorten reden möchte: Das zwölfte von dreizehn Kapiteln ist ein Tagebuch in Form von Powerpoint-Folien. Trotz seiner Postmodernität hat mich der Roman durch die Vielschichtigkeit und Tiefe seiner Figuren nicht nur intellektuell, sondern auch emotional fasziniert.
10 Schließlich kann man von amerikanischer Literatur nicht reden, ohne von Philip Roth zu reden. Für mich ist "Sabbath Theater“ sein größter Roman. Künstlerbiografie, das Drama des alternden Mannes, jüdisches Leben … ein wildes, unfassbar eindringliches Buch. Ein Berserkerstück. Mit dem Porträt einer Frau (Drenka), so liebevoll, verzweifelt, lebenshungrig, wie ich es sonst nirgendwo gelesen habe.
X Natürlich müsste ich von den US-Autoren und -Autorinnen zu den Lateinamerikanern weitergehen. Marquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Oder „Tante Julia und der Kunstschreiber“ von Mario Vargas Llosa, der vielleicht komischste Roman, den ich je gelesen habe. Und natürlich die Iren: die Erzählungen von Frank O’Connor oder „Die See“ von John Banville. Oder die Polen: Marek Hlasko, Pawel Huelle… Oder Dürrenmatt, Pasolini, Javier Tomeo… Oder, oder, oder… Doch leider, die Zahl zehn ist erreicht. Und dennoch: Was ist mit den Russen? Wussten Sie, dass Anton Tschechow einen Roman geschrieben hat, einen einzigen? Und der ist nicht weniger stark als seine großartigen Stücke. "Ein Drama auf der Jagd“ ist ein raffinierter Kriminalroman, in dem ein Untersuchungsrichter a.D. als Erzähler von sich als Täter ablenkt. Wodurch er überführt wird, sei hier nicht verraten.
Der Autor
Torsten Schulz, geboren 1959, wuchs in einer Arbeiterfamilie im Ostberliner Bezirk Friedrichshain auf. Von 1982 bis 1986 studierte er an der HFF Babelsberg Film- und Fernsehwissenschaften.
Ab 1992 schrieb er Drehbücher für Kino- und Fernsehfilme (u. a. "Raus aus der Haut , Regie und Co-Autor: Andreas Dresen, "Im Namen der Unschuld", Regie: Andreas Kleinert oder "Dicke Freunde", Regie: Horst Königstein).
2004 debütierte er mit "Boxhagener Platz als Romanautor. Der gleichnamige Spielfilm (Regie: Matti Geschonneck), für den Schulz das Drehbuch schrieb, feierte 2010 auf der Berlinale Premiere. Mit "Nilowsky" legte Schulz 2013 seinen zweiten Roman vor. Sein dritter Roman, "Skandinavisches Viertel" erschien 2018.
Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit wirkt er seit 2002 als Professor für Praktische Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg. Schulz lebt in und bei Berlin. Er war mit der Schauspielerin Katja Weitzenböck liiert, mit der er zwei Kinder hat. Seit 2017 ist er mit der Schriftstellerin Angelika Klüssendorf verheiratet. ⇥red