Tucholsky-Museum Rheinsberg
: Neuer Mitarbeiter – was Verleger und Publizist Peter Graf vorhat

Seit 2024 wird über das Tucholsky-Museum in Rheinsberg gestritten. Nun gibt es mit Peter Graf wieder einen wissenschaftlichen Mitarbeiter. Was er dort vorhat.
Von
Christina Tilmann
Rheinsberg
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Peter Graf ist seit 15. Juli 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Tucholsky-Museum Rheinsberg - und hat viel vor.

Peter Graf ist seit dem 15. Juli 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Tucholsky-Museum Rheinsberg – und hat viel vor.

Christina Tilmann
  • Peter Graf ist seit Juli 2025 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Tucholsky-Museum Rheinsberg.
  • Fokus auf Sammlungsausbau, Drittmittelakquise und neue Präsentationstechniken geplant.
  • Museum seit 2024 von politischen Streitigkeiten um Trägerschaft und Finanzierung betroffen.
  • Stadtschreiber-Stipendium, Ausstellungen und Veranstaltungen bleiben bestehen.
  • Geplant: Ausstellung zur Zeitschrift „Die Weltbühne“ und Tucholskys politischem Wirken.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Inhaltlich ist er genau der richtige Mann: Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich Peter Graf als Lektor und Verleger mit der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts und der Weimarer Republik, der Epoche, in der auch Kurt Tucholsky (1890 bis 1935) publiziert hat. Außerdem hält er sich seit Jahren viel in Archiven auf, erzählt der neue wissenschaftliche Mitarbeiter beim Gespräch im Tucholsky-Museum Rheinsberg. „Dieses Arbeiten mit Original-Typoskripten, mit Materialien und Korrespondenzen, das ist mein tägliches Geschäft seit langer Zeit.“ Und fügt hinzu: „Wenn ich hier in der Ausstellung und im Depot die Artefakte sehe, dann geht mir das Herz auf.“

Für das Museum in Rheinsberg, das in einem Nebenflügel des Schlosses untergebracht ist, könnte die Besetzung der wissenschaftlichen Stelle ein Schritt in eine neue Normalität sein. Seit der langjährige Leiter und Gründungsdirektor Peter Böthig im Frühjahr 2024 in den Ruhestand ging, herrscht ein erbitterter kommunalpolitischer Streit um die Zukunft des 1993 eröffneten Hauses. Über eine Übernahme der Trägerschaft durch den Landkreis Ostprignitz-Ruppin soll noch im Juli entschieden werden. Zuletzt hatten eine Online-Petition und die Ansage der Berliner Akademie der Künste, die langjährige Kooperation aussetzen zu wollen, für zusätzliche Unruhe gesorgt.

Nicht unbedingt eine ruhige Situation zum Start in Rheinsberg

Auch Peter Graf gibt zu: „Ich bin nicht unbedingt in eine Situation gekommen, in der ich mich in Ruhe einarbeiten kann. Stattdessen gebe ich ständig Interviews“. Aber die politische Entscheidungslage ist nicht sein Thema, so Graf:  „Ich bin Angestellter der Stadt und vielleicht irgendwann Angestellter des Landkreises. Ich werde auf das reagieren, was auf mich zukommt.“ Immerhin: Das Haus sei handlungsfähig, das Budget bis 2026 gesichert, und auch der Vertrag des neuen Mitarbeiters läuft über zwei Jahre. Und: „Ich bin ja nicht die Leitung des Museums, sondern angestellt, um mich um die konzeptionelle Ausrichtung des Museums zu kümmern und programmatisch dem vielschichtigen Werk Tucholskys Gestalt zu verleihen“. Die Leitung des Museums hat Ellen Krukenberg, Amtsleiterin für Kultur, Tourismus und Wirtschaftsförderung der Stadt Rheinsberg, inne.

Und da gibt es genug zu tun: Die wissenschaftliche Weiterentwicklung von Haus und Sammlung war der Hauptpunkt in der Diskussion um die Museumsausrichtung. Dazu gehören auch Förderanträge und Drittmittelakquise, die das kommunal finanzierte Haus dringend benötigt. Peter Graf kennt das Thema gut: „Auch als Verleger habe ich Drittmittel beantragt.“ Außerdem habe er neben seiner verlegerischen Tätigkeit einen Masterstudiengang Kulturmanagement absolviert und weiß: „Vielleicht sind wir in zwei oder drei Jahren so weit, dass wir andere Zugänge schaffen können. Es geht darum zu schauen, wie man das Werk von Kurt Tucholsky in der Dauerausstellung anders sichtbar machen kann, mit jetzigen Möglichkeiten der Technik.“

Dafür hat er sich in anderen Literaturhäusern umgesehen, im Schiller-Museum in Marbach zum Beispiel, das er sehr schätzt. Auch audiovisuell kann er sich einiges vorstellen: Im Exilarchiv der Nationalbibliothek in Frankfurt am Main gebe es eine Raum-Klang-Installation, die er ganz großartig findet, erzählt Graf. Sie behandelt eines der Bücher, die er wiederentdeckt hat, „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, die erschütternde Geschichte des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann, der 1938 mit der Reichsbahn durchs Land fährt, weil ihm alle Fluchtwege versperrt sind. „Das Buch ist ein Welterfolg gewesen und in 34 Sprachen übersetzt worden“, ist Herausgeber Peter Graf stolz. Solche Wiederentdeckungen will er auch künftig betreuen, neben seiner Vier-Tages-Stelle im Museum.

Kontinuität und Weiterentwicklung

Ansonsten stehen die Zeichen zunächst auf Kontinuität: Das Stadtschreiber-Stipendium, das zweimal im Jahr Autorinnen und Autoren für drei Monate nach Rheinsberg einlädt, wird es weiter geben, genauso wie Ausstellungen regionaler Künstlerinnen und Künstler. Auch mit der Akademie, hofft Graf, wird man wieder ins Gespräch kommen. Und natürlich soll es weiter Veranstaltungen geben, vielleicht auch mal ein Festival über das Wochenende, dem es mit einem interessant und klug kuriertem Programm gelingt, Besucher auch aus dem weiteren Umkreis, aus Neuruppin oder Berlin, anlocken kann. Bis dahin will der Museumsmann, der seinen Wohnsitz zumindest teilweise von Berlin nach Rheinsberg verlegen wird, erst einmal von der Erfahrung der anderen Mitarbeiter profitieren und begreifen, was in der Stadt funktioniert und wie.

Auch eine erste Themenidee gibt es: Im vergangenen Jahr hat Peter Graf sich in einem Buchprojekt mit der Zeitschrift „Die Weltbühne“ beschäftigt und untersucht, was diese Zeitschrift in der Weimarer Republik in den Jahren 1918 bis 1933 abgebildet hat. „Das ist jetzt Zufall, aber es passt natürlich perfekt. Und ich könnte mir gut vorstellen, das in Veranstaltungen zu thematisieren und vielleicht irgendwann eine Ausstellung dazu zu machen.“ Den politischen Journalisten Kurt Tucholsky schätzt er in diesem Kontext als „überaus wichtig“ ein, mehr noch als den Lyriker und Satiriker. „In unserer Gegenwart ist der streitbare Autor besonders interessant.“ Über diese Streitbarkeit wird man aus Rheinsberg künftig hoffentlich mehr hören als über Kommunalstreitigkeiten.