Tucholsky-Museum und Gerhart-Hauptmann-Haus: Brandenburgs Erinnerungsorte in Gefahr

Im Zentrum eines Streits, der hohe Wellen schlägt: das Kurt Tucholsky Literaturmuseum im Schloss Rheinsberg
Soeren Stache/dpa- Brandenburgs Dichterhäuser stehen wegen Einsparungen unter Druck.
- Streitfälle: Rheinsberg (Tucholsky) und Erkner (Gerhart Hauptmann).
- In Rheinsberg soll die Leitungsstelle gestrichen und mit Tourismus fusioniert werden.
- Lösung in Aussicht: 2024 übernimmt Landkreis Ostprignitz-Ruppin das Museum.
- Kulturrat setzte das Museum auf die Rote Liste; Claudia Roth betont Tucholskys Bedeutung.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Erst Fontane und Chamisso, jetzt Tucholsky und Hauptmann. In Brandenburg vereint die Schriftsteller ein Problem. Ihre Erinnerungsorte sind gefährdet. Und man fragt sich: Wen trifft es als nächstes? Schließlich verfügt die märkische Literaturlandschaft über eine Vielzahl bedeutender Dichterhäuser.
Auf den ersten Blick handelt es sich um Einzelfälle: Hier wird ein Zuschuss verweigert, dort soll eine Leitungsstelle gestrichen werden. Die Bedrohungslage ist jedoch immer die gleiche. An den Literaturmuseen soll gespart werden. Rührt sich dann Protest, zieht sich ein unwürdiges Gerangel um die Zuwendungen meist wochenlang hin. Aber es geht nicht mehr nur ums Geld.
Finanzielle Engpässe und fehlende Einsicht in Notwendigkeiten
Es scheint, als würde der jahrzehntelange Konsens, dass kulturelles Erbe eines besonderen Schutzes bedarf, in Brandenburg nicht mehr gelten. Finanzielle Engpässe der Kommunen und fehlende Einsicht in die Notwendigkeit einer professionellen Betreibung stellen zunehmend die Finanzierung der Dichterhäuser in Frage, die nur Defizite „erwirtschaften“. Literaturmuseen dürfen jedoch keinen marktwirtschaftlichen Maßstäben unterliegen.

Das Gerhart-Hauptmann-Museum in Erkner zeigt original eingerichtete Wohnräume und eine ständige Ausstellung zu Leben und Werk von Gerhart Hauptmann.
Bernd Settnik/dpaEs sollte keine Rolle spielen, wie viele zahlende Besucher kommen und ob Ehrenamtliche das Haus am Laufen halten können. Um eine erfolgreiche und nachhaltige Museumsarbeit zu gewährleisten, bedarf es qualifiziertem Personal, das angemessen bezahlt werden muss. Es organisiert nicht nur Führungen und verwaltet Eintrittsgelder, sondern öffnet die Museen mit wissenschaftlichem Know-how und kreativen Veranstaltungsideen für ein breiteres Publikum.
Werden Kultur und Bildung gegeneinander ausgespielt?
Im Streit um die Finanzierung der Dichterhäuser fällt eine weitere Parallele auf. Bei der Priorisierung von kommunalen Haushaltsausgaben geraten diese in Konkurrenz zu Bildungseinrichtungen. Dass dabei der Eindruck entsteht, Kultur und Bildung würden gegeneinander ausgespielt, ist besonders fatal. Das bestreiten jedoch die verantwortlichen Kommunalpolitiker. Im Streit um das Gerhart-Hauptmann-Forum betonte die SPD-Fraktionschefin der Stadtverordnetenversammlung Erkner sogar, dass Bildung und Kultur „nicht gegeneinander“, sondern „zusammenstehen“ sollten.
Ausgerechnet Erkner vermittelt genau das Gegenteil. Hier wurde Anfang Dezember 2023 eine Prioritätenliste verabschiedet, in der der geplante Neubau („schwarze Scheune“) der Erweiterung der Löcknitz-Grundschule zum Opfer fällt. Und in Rheinsberg wurde im Oktober 2023 ein Haushaltssicherungskonzept beschlossen, das zugunsten einer Sanierung der Grund- und Oberschule („Bildungscampus-Rheinsberg“) eine Streichung von anderen Ausgaben vorsieht. Davon betroffen ist auch die Leitungsstelle für das Kurt-Tucholsky-Museum, die mit dem Tourismusmanagement zusammengelegt werden soll. Zumindest in diesem Fall zeichnet sich nun eine Lösung ab. Die Leitungsstelle wird gesichert, indem das Literaturmuseum 2024 vom Landkreis Ostprignitz-Ruppin übernommen werden soll.
Kulturstaatsministerin Claudia Roth meldet sich zu Wort
Der Streit um das Rheinsberger Literaturmuseum schlägt hohe Wellen. Sogar Kulturstaatsministerin Claudia Roth meldete sich zu Wort und erinnerte an den „außergewöhnlichen“ Schriftsteller Kurt Tucholsky, „der bis heute stilprägend“ sei. Bereits Anfang November hatte der Deutsche Kulturrat das Museum auf die Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen gesetzt.
Diese öffentliche Aufmerksamkeit zeigt aber auch, welche Schätze die märkische Literaturlandschaft zu bieten hat. Die Museen haben sich zu kulturellen Leuchttürmen entwickelt, die über die Grenzen Brandenburgs hinaus strahlen. Denn sie sind längst keine musealen Orte mehr, die mit langen Texttafeln und verstaubten Objekten langweilen, sondern moderne Foren, die ihr Angebot mit interaktiven Formaten erweitert und mit digitalen Vermittlungsprojekten modernisiert haben.
Weltweit einzigartige Dichterhäuser
Wenn aber die Kommunen nicht mehr willens oder in der Lage sind, die märkischen Dichterhäuser zu finanzieren, muss die Landesregierung an ihren selbst formulierten Anspruch erinnert werden: Weil Brandenburg „ein Land mit einer reichen Literaturgeschichte“ sei, hebt das Kulturministerium auf seiner Website hervor, widme es der Pflege des literarischen Erbes „große Aufmerksamkeit“. Konkret sehe das Ministerium „seine Aufgabe vor allem darin, das Wirken überregional bedeutsamer Literaturmuseen und -gedenkstätten zu stärken“. Das gilt beispielsweise für das Rheinsberger Tucholsky-Museum oder das Chamisso Museum im Musenhof Kunersdorf. Beide Dichterhäuser sind weltweit sogar einzigartig. Und dennoch sind sie bedroht.
Gabriele Radecke leitet das Literaturarchiv der Akademie der Künste Berlin und ist Herausgeberin zahlreicher Fontane-Editionen. Robert Rauh ist Historiker und Publizist. Beide setzten sich unter anderem vor drei Jahren für den Erhalt des Fontanehauses in Schiffmühle ein.

