Es muss ein besonderer Stoff sein, dieses Udopium, das Udo Lindenberg an diesem Abend reichlich austeilt und selbst konsumiert. „Drei echt schweineharte Jahre“ habe er hinter sich, erzählt der 76-jährige Sänger, es sei wie härtester Entzug gewesen. Allein in den langen Gängen des Hambuger Hotel Atlantic (wo Lindenberg bekanntermaßen wohnt), das habe sich angefühlt wie in Stanley Kubricks Horrorfilm „Shining“ oder eben „Udo allein zuhaus“. Was ihn beisammen gehalten habe, seien die Rauchzeichen, Brieftauben und sonstigen Lebenszeichen seines geschätzten Publikums gewesen. Und ihm zum Dank singt er nun in der restlos ausverkauften Waldbühne „Ich trag dich durch die schweren Zeiten“. Da lässt sich jeder gern mittragen.

Kritik an katholischer Kirche

Er braucht allerdings ein bisschen, bis er ankommt. Die ersten Ansagen auf der im Mai in Schwerin begonnenen Tour klingen noch austauschbar, „Berlin, die geile Stadt“, das wird er auch in Hamburg, Hannover, Stuttgart und wo er noch alles war, gesagt haben. Und auch wenn die Fans gleich beim zweiten Lied, „Ich mach mein Ding“, auf Betriebstemperatur sind, bis die Show so richtig zündet, dauert es, trotz strippenden Nonnen und Priesterehe und gesalzener Kritik an den „Ochsenköpfen“, die die schöne bunte Republik Deutschland und insbesondere die bunte Stadt Berlin nicht akzeptieren wollen.
Bunt sind zu Beginn höchstens so einige grüne Socken und die Kostüme und Projektionen auf der Bühne, das Publikum ist Bürgertum auf Familienausflug, mit Udos Songs groß und mit ihm älter geworden. Udo selbst, schwarze Jacke, schwarzer Hut, nuschelt sich durch seine Ansagen, schlenkert das Mikrophon im Kreis, wenn er mit „Cello“ einsetzt. Natürlich wäre Udo nicht Udo, wenn er nicht auch ein paar Botschaften im Gepäck hätte: Zwischendurch wird Artikel 3 des Grundgesetzes verlesen, der Kinderchor übernimmt mit „Wozu sind Kriege da?“ den so tagesaktuellen Klassiker, und zu „Immer noch hier“ leuchten unzählige Handylampen wie Sterne im weiten Rund.
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Dass sich die deutsche Kulturszene gerade mal wieder eine Antikriegsdebatte rund um diverse Offene Briefe leistet, schwingt im Hinterkopf mit, wenn Udo Lindenberg fordert, Utopien niemals aufzugeben – „auch wenn viele sagen, Pazifismus ist naiv“. Und auch die Ansage, dass die „neuen Nazischweine“ heute nicht mehr in brauner Uniform aufträten, sondern im smarten Anzug im Parlament sitzen, wird mit der Replik gekontert: „Aber wir sind viele“. Weniger programmatisch, aber sehr selbstverständlich zeitgenössisch divers ist die Besetzung der Show, zu der Lindenberg sich mit Nathalie Dorra und Ina Bredehorn zwei starke Sängerinnen an seine Seite holt, die die Annäherungsversuche ihres Frontman so cool wie selbstbewusst entgegennehmen. Und auch der große Soloauftritt gehört mit Carola Kretschmer an der Rockgitarre einer Frau.

Wiedersehen zum Konzert im Jahr 2046

Doch nach einigen Liedern kickt das Udopium richtig rein, und Sänger, Panikorchester, Kinderchor und die gesamten 22.000 textsicher mitsingenden Fans heben ab, Luftschlangen fliegen durch die Waldbühne, vorn tauchen Flamingos und andere Kostüme auf, die Kamera fängt zu „Hinterm Horizont geht‘s weiter“ sich glücklich küssende Paare ein, und am Ende leuchtet passend ein Regenbogen zu dem Versprechen: „Keine Panik. Wir sehen uns sehr bald wieder“. Nein, wir wollen keineswegs so lange warten, bis die „Nachtigall“ im Jahr 2046 seinen 100. Geburtstag mit einem großen Konzert feiert – „Jetzt schon mal Tickets besorgen“, witzelt Udo Lindenberg angesichts der Tatsache, dass seine aktuelle Tournee „Udopium Live 2022“ in Windeseile ausverkauft war. An mehreren Orten, so auch in Berlin, wurde ein Zusatzkonzert angesetzt, das am Sonnabend dann auch mit schönster Sommer-Open Air-Atmosphäre belohnte, und einem Star, der zweieinhalb Stunden locker und immer besser absolviert, fit wie ein Turnschuh.
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Nachdem dann Otto Waalkes, Lindenbergs Uralt-Kumpel und einstiger WG-Genosse, als „Friesenjung“ noch einen Gastauftritt hinlegen durfte, geht die Show mit dem „Sonderzug nach Pankow“, „Reeperbahn“ und „Andrea Doria“ in die Endrunde der Evergreens. Eine wuchtige Lichtshow samt Brandenburger Tor kracht in den inzwischen nachtblauen Himmel – doch der stille anrührende Schlusspunkt ist Udos Hommage an seine verstorbenen Freunde zu „Goodbye, Sailor“. Und obwohl Udo verspricht: „Unsere Füße müssen weiter, unsere Herzen bleiben hier“: Komm bald wieder, Sailor.