Kommentar unserer Autorin Christina Tilmann: Eine mutige Entscheidung
Jetzt also der Literaturnobelpreis. Endlich! Der erste deutschsprachige Preisträger seit Herta Müller 2009. Mag mancher Kritiker auch raunen, weil Handke nach seiner "Winterlichen Reise" 1996 mit proserbischen Äußerungen und einer Rede am Grab von Slobodan Miloševic keine gute Figur abgab. Aber dieser Schriftsteller war immer ein Provokateur. Einer, der dagegen war. Gegen alles und jeden. Schon das Wort "Mehrzahl" fasst er als Reizwort auf. "Und wie erst Mehrheit!" Handke kennt nur das "Ich".
Er lebt zurückgezogen bei Paris
Schon 1972 sprach er es in einem seiner Titel aus: "Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes". Zurückgezogen lebt er im Vorort Chaville, nur ab und zu setzt er sich in den Zug nach Paris und kriegt dabei schon mal Ärger mit der Polizei, weil er die Füße aufs Polster legt. Als ob die nichts Besseres zu tun hätten. "Ich geh da sofort auf hundert hinauf!" Ein Beamter zog sogar die Pistole, wie Handke einmal erzählte. "Da ist viel Frustration bei diesen jungen Typen." Dabei hatte der Dichter extra eine Zeitung unter seine dreckigen Schuhe gelegt.
So kennen wir Handke. So lieben wir Handke. Wenn Journalisten anfragten, ob sie ihn zu einem Interview besuchen dürfen, sprach er von "Hausfriedensbuch". Seit dem Debüt 1966 mit "Die Hornissen" widmet dieser Einzelgänger sein Leben dem Schreiben. Aus Worten lässt er eine Welt entstehen. Sätze nehmen Gestalt an, werden zu Gestalten. Wie er es seit dem Theaterstück "Kaspar" (1967) immer wieder getan hat, setzt er die alte, in Österreich in Hugo von Hofmannsthal gipfelnde Tradition der sprachkritischen Literaturlinie fort und führt exemplarisch die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Worten vor. Im Kopf des Dichters entsteht ein Universum. Alles ist, wie er es setzt. Könnte aber auch ganz anders sein. Und das schreibt Handke in seinen Texten meistens auch gleich mit dazu, die sich selbst immerzu infrage stellen.
Am Nikolaustag 1942 in Griffen (Kärnten) geboren, nachdem seine Mutter sich von einem Soldaten hatte schwängern lassen und dann einen anderen geheiratet hatte, fehlte Handke von Kind an ein Rückhalt. Über den Selbstmord der Mutter schreibt er in "Wunschloses Unglück" (1972). Schon Ende der 50er-Jahre, als er noch in Klagenfurt aufs Gymnasium ging, beschwerte seine Schwester sich über seine schlechte Laune, wenn es mit dem Schreiben nicht so lief.
Ein paar Jahre später warf Handke zornig den gestandenen Autoren der Gruppe 47 bei ihrem Treffen 1966 in Princeton "Beschreibungsimpotenz" vor und sorgte mit seiner "Publikumsbeschimpfung" (1967) in Frankfurt am Main für einen Eklat. Während Schauspieler das Publikum diffamierten, saß er mit Pilzkopf und Sonnenbrille in der Premiere wie ein Popstar.
Schon die Titel seiner Bücher sind Kult und klingen wie ein Soundtrack. "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" (1969), die von Wim Wenders verfilmte "Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970), "Die linkshändige Frau" (1976), "Nachmittag eines Schriftstellers" (1987), "Versuch über die Jukebox" (1990), "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" (1992) und, und, und. Er hat Gedichte, Theaterstücke und Prosa geschrieben. Vor allem Prosa. Und in seinem 2010 erschienen Opus Magnum "Immer noch Sturm" vereinte er alle Genres miteinander.
Immer wieder hat er im Spätwerk sich selbst gesampelt. Im Grund hat sich nichts geändert. Handke ist bis heute der ewige Grantler. Jedes Wort stellte er auf den Kopf. Dass ausgerechnet Handke den Nobelpreis erhält, ist nach vielen Jahren, in denen die Entscheidungen der Jury politisch motiviert waren, ein starkes Signal für die Literatur.

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