Urlaub in Estland 2024: Von Berlin nach Tallinn in den Ferien – warum sich ein Besuch lohnt
In ganz Estland leben weniger als die Hälfte der Einwohner, die Berlin hat. Viel wissen die meisten nicht über das nordeuropäische Land, das im Osten an Russland grenzt und von dem aus man per Fähre in zwei Stunden Finnland erreicht. Vielleicht noch, dass Estland seit Jahren vorne mitmischt bei der Pisa-Studie.
Und dass Skype und das Mobilitätsunternehmen Bolt aus Estland kommen, Digitalisierung ohnehin eine große Rolle in dem Land spielt – nicht nur in der Schule, sondern auch in der Verwaltung. Selbst den 20-Cent-Toilettenbesuch kann man in der Hauptstadt Tallinn mit Karte zahlen. Estland hat oft eine Vorbildfunktion in Europa. Aber ist es auch ein geeignetes Reiseland?
Lohnt es sich, nach Estland zu reisen?
Diese Frage lässt sich einfach beantworten: Ja. Sowohl als Städtetrip als auch, um die Natur zu bewundern. Die Hauptstadt Tallinn mit rund 400.000 Einwohnern ist genauso sehenswert wie die mit gut 97.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes: Tartu. Beides liegt mit Zug, Auto oder Bus rund zweieinhalb Stunden voneinander entfernt.
Ist man einmal im Süden des Landes, lohnt auch die Erkundung dieser Gegend und eine Fahrt zum Peipussee. Der See, durch den die EU-Außengrenze verläuft, ist der fünftgrößte Europas – er hat etwa die siebenfache Größe des Bodensees. Interessanterweise ist das Gebiet rund um den See kaum touristisch erschlossen. Man kann dort, bei passenden Temperaturen, dennoch schwimmen (wegen der Grenze nur im Hellen erlaubt!), angeln, mit dem Boot fahren und im Winter wohl sogar Schlittschuh laufen.
Zwiebelroute und Schloss Alatskivi im Süden von Estland
Auf dem Weg von Tartu an den Peipussee liegt Alatskivi mit dem gleichnamigen Schloss. Auch wenn die Ähnlichkeit nicht gerade bestechend ist, ließ der Deutsch-Balte Arved von Nolcken ab 1880 das Schloss nach dem Vorbild des Balmoral Castle in Schottland umbauen – Sommerresidenz der britischen Königsfamilie und der Ort, an dem Queen Elizabeth II 2022 starb. Von Nolckens Frau habe sich ein weißes Haus gewünscht, erzählt die Reiseführerin – das Ergebnis: fünf Jahre Bauzeit, 400 involvierte Bauarbeiter und 74 Räume für eine fünfköpfige Familie.
Auch heute wird das Schloss noch genutzt: Während der Führung stehen schon die Einwohner aus Alatskivi an, die zum Schlosskino kommen, Beamer und Leinwand sind bereits aufgestellt. Auf Dinner-Partys werden sechs Weine zu sechs Gängen serviert. Am 25. Januar ist in Schottland Burns Night, zu Ehren des Dichters Robert Burns – aufgrund der schottischen Verbindung auch in Alatskivi ein Event.

Schloss Alatskivi wurde von einem Deutsch-Balten für seine Frau umgebaut.
Lisa MahlkeWer sich beim Schlossbesuch (im Winter) aufgewärmt oder (im Sommer) abgekühlt hat, kann im Anschluss die sogenannte Zwiebelroute erkunden. Die kunstvoll zusammengebundenen Zwiebeln – sowie geräucherter Fisch und eingelegte Gurken – werden an den Straßenecken verkauft. Auf der Internetseite der Zwiebelroute werden neben der deutschbaltischen Gutskultur um Schloss Alatskivi auch die russisch-altgläubige Kultur und die estnische Bauernkultur angepriesen. Route und See können bei passendem Wetter im Übrigen auch gut mit dem Fahrrad erkundet werden.
Wer sich stärken will, bekommt unter anderem auf Kostja’s Zwiebelfarm Tee aus dem Samowar und Zwiebelkuchen sowie eine Führung zum Zwiebelanbau der Altgläubigen – Anmeldung unter konstantin.avvo@gmail.com
Reise nach Tartu im Jahr der Kulturhauptstadt 2024
Tartu ist die älteste Stadt in den baltischen Staaten. Sie ist relativ klein und doch lässt sich dort eine Menge entdecken – zumal die Stadt 2024 eine der drei Kulturhauptstädte Europas sein wird. Wer in dem Jahr reist, sollte mehr als nur einen eintägigen Städtetrip planen. Von der Eröffnungszeremonie am 26. Januar bis Ende Dezember 2024 ist immer etwas los.
Unabhängig davon sollten Besucher unbedingt das Estnische Nationalmuseum besuchen. Es steht auf einem ehemaligen Militärübungsplatz und schon die Architektur ist sehr spannend: Das Gebäude „wächst“ aus der ehemaligen Startbahn des damaligen Militärflughafens.
Tief eintauchen kann man dort in die Geschichte des Landes, und zwar auf abwechslungsreiche Art und mit genauso vielen digitalen Elementen, wie man sie in Estland erwartet würde.
Was ist 2024 in Tartu los?
■ Tartu ist die zweitgrößte Stadt Estlands und trägt nach Tallinn (2011) im kommenden Jahr nun auch den Titel Kulturhauptstadt.
■ Tartu 2024 beginnt am 26. Januar 2024 und läuft bis 30. November.
■ Geplant sind 350 Projekte mit fast 1000 Events.
■ Das künstlerische Konzept heißt „Art of Survial“, auf Deutsch „Künste des Überlebens“. Laut künstlerischer Leiterin Kati Torp ist es „das Handwerkszeug, das uns dabei hilft, in Zukunft ein gutes Leben zu führen“.
■ Zu den Programmpunkten gehören unter anderem:
● Street-Art-Ausstellung mit Stickern
● Open-Air-Ausstellung, bei der Natur und Technik zusammenkommen
● Performances und Cafés zum Thema seelische Gesundheit
● internationaler BMX-Extremsport-Wettkampf
● Ehrung 100 Jahre Surrealismus
● Kuss-Performance, bei der sich alle (auch auf nicht-romantische Weise) küssen; mit musikalischer Unterstützung von Conchita Wurst
● Sauna-Debatten-Festival (Estland hat eine Sauna- und auch eine Diskussionskultur)
● Galerie für die erste Kunsterfahrung von Neugeborenen
● Literaturfestival
● Sing- und Tanzfestival
■ Das komplette Programm auf Englisch gibt es hier.
■ Weitere Kulturhauptstädte sind 2024 Bodø in Norwegen sowie Bad Ischl und das Salzkammergut in Österreich.
■ Von Berlin nach Tallinn im Norden Estlands fliegen Air Baltic und Ryanair ohne Zwischenstopp. Von der Hauptstadt sind es knapp 200 Kilometer in den Süden nach Tartu, es gibt eine Zug- und Busverbindung.
Wer aus dem Museum kommt und einen Perspektivwechsel braucht: Dort steht ein Haus auf dem Kopf – vor allem für Kinder eine Attraktion, man kann gegen Eintritt auch hinein.
Ab 2026 soll in der Innenstadt von Tartu ein neues Kulturcenter gebaut werden, das dann Kunstmuseum und Bibliothek vereint – eine Art geistiges Erbe von Tartu 2024, wie die künstlerische Leiterin Kati Torp erklärt.
Kommunizieren kann man in Estland übrigens nicht nur auf Estnisch und Englisch, viele Menschen sprechen auch Deutsch. Russisch – obwohl etwa ein Viertel der Bevölkerung russische Wurzeln hat – wird von vielen nicht gerne gesprochen, wegen der sowjetischen Vergangenheit und des Krieges in der Ukraine.
Universität, Dom und Wunschbrücke
Die Universität Tartu von 1632 ist die älteste Uni Estlands. Sie und die Dom-Ruine sollten Besucher mindestens fotografieren. Auf dem Weg zum Dom unbedingt über die Engelsbrücke gehen: Eine Legende besagt, dass man von einem Ende der Brücke bis zum anderen die Luft anhalten und sich dabei etwas wünschen soll (schnell gehen ist empfehlenswert).

Dom-Ruine in Tartu
Lisa MahlkeWer abends essen gehen und eine besondere Atmosphäre erleben will, ist im Püssirohukelder („Schießpulverkeller“) richtig. Danach empfiehlt sich Barlova, eine kleine, gemütliche Bar mit großer Craftbier-Auswahl.
Tipps zur Reise nach Estland
■ Anreise
- Flug: Ryanair fliegt zwei- bis dreimal pro Woche von Berlin nach Tallinn; Alternative: Airbaltic
- Bus: vom BER oder aus Frankfurt (Oder) mit dem Flixbus – Fahrt dauert aber einen ganzen Tag
- Über Lettland: Flug nach Riga, Bus nach Tallinn (Busfahrt per Luxexpress: rund viereinhalb Stunden, zwischen 10 und 28 Euro)
- Flug nach Helsinki, dann mit der Fähre (Dauer Fahrt mit der Fähre: zwei Stunden, sechsmal am Tag)
- Tallinn – Tartu: Dauer rund zweieinhalb Stunden, Bus (10 bis 17 Euro), Zug (ab 8 Euro – am besten einen Sitzplatz dazu buchen, Zug kann voll werden)
■ Unterkünfte in Tallinn:
- Iglupark am Meer: Unterkunft und Sauna mit direktem Ostseezugang; oder eins der Hotels mit privater Sauna im Zimmer (zum Beispiel Ibis Tallin Center). Achtung: Estland hat eine andere Saunakultur: Man geht mit Schwimmsachen in die Sauna.
- Wenn es uriger sein soll: Holzhütte wie zum Beispiel im Resort Nelijärve Puhkekeskus zwischen Tartu und Tallin oder das renovierte Marta Guesthouse von 1901
Welche Sehenswürdigkeiten Tallinn zu bieten hat
Auch Estlands Hauptstadt Tallinn ist nicht besonders groß, das meiste lässt sich gut zu Fuß erkunden. Auffällig sind die Spielplätze, die man bei einem Spaziergang durch die Stadt an jeder Ecke sieht – so eine Runde lohnt sich auch, um die besondere Architektur irgendwo zwischen Postsozialismus, Bullerbü-Ästhetik und moderner Architektur, bis hin zu brutalistischer Betonarchitektur, zu bestaunen.
Tallinn ist perfekt geeignet, um Reisende mit ganz unterschiedlichen Interessen allesamt glücklich zu machen: Die gut erhaltene mittelalterliche Altstadt fasziniert, vom Kanonenturm „Kiek in de Kök“ aus dem Jahr 1475 hat man einen guten Blick über diese (wegen Erneuerung der Ausstellung voraussichtlich erst wieder ab Mai 2024 geöffnet). Die unterirdischen Bastionsgänge dienten der Verteidigung, als Lager sowie Wohnstätte für Obdachlose und Punks.

Tallinn bei Nacht
Lisa MahlkeKultur neben Relikten aus der Vergangenheit
Am Eingang zum Markt hinter dem Bahnhof (Balti Jaama Turg) sitzen Senioren und verkaufen Obst, Eingelegtes, selbstgestrickte Socken und Mützen. Innen geht es weiter mit solchen Angeboten, es gibt Essen auf die Hand und Second-Hand-Kleidung.

Markt hinter dem Bahnhof in Tallinn
Lisa MahlkeNur ein Stück weiter befindet sich das ehemalige Industrieviertel Telliskivi, das heute mit Restaurants, kleinen Läden und vor allem tollen Graffiti-Fotomotiven lockt. Neben Street-Art findet sich auf einem angrenzenden Parkplatz aber auch ein Markt, auf dem Schwerter, Gasmasken, Stahlhelme und andere Dinge, die man besser nicht über die Grenze bringen sollte, ganz unverblümt verkauft werden.
Die Ästhetik setzt sich am Meer fort: Patarei – gebaut als russische Marine-Festung im 19. Jahrhundert, später in verschiedenen Epochen genutzt als Gefängnis und Arbeitslager, heute mit Bars und Bühnen, aber nur übergangsweise. Bis 2026 soll aus dem Betonklotz ein Museum über die Verbrechen des Kommunismus und Forschungsinstitut werden. Vorerst kommt man deshalb nicht ins Gebäude.
Wer schon einmal am Meer ist, kann einen Abstecher zum Meeresmuseum machen und zur alten Tallinner Stadthalle (früher Lenin-Palast für Kultur und Sport) gehen. Das imposante Architekturdenkmal steht seit über 20 Jahren leer, ist aber zum Abschluss der Rundreise ein guter Punkt, um vom Meer aus auf Tallinn zurückzublicken.

Tallinner Stadthalle
Lisa MahlkeDieser Text entstand im Rahmen einer Journalisteninformationsreise des Deutschen Kulturforums östliches Europa zu Tartu2024. Den Inhalt des Textes hat dies nicht beeinflusst.




