Von Paris bis Moskau: Mit den Ohren die Welt sehen

Auch in Neuruppin hat das Staatsorchester gespielt
Peter GeislerTag an der Seine
Mit abgestuften Klangfarbenspielen bei seinen Beobachtungen eines nächtlich beginnenden und endenden Tagesablaufs überrascht der Engländer Frederick Delius mit seiner „Paris“-Hommage, bei der man sogar mit den Ohren sehen kann. Dabei erweist sich der Dirigent als ein präziser und eleganter Zeichengeber, der die schlafende Stadt sich räkelnd und streckend erwachen, ihre Bewohner beschwingt über die Boulevards flanieren lässt und ihre zunehmende nervöse Gespanntheit immer wieder ins Fortissimo steigert. Pastellzauberische Malerei eines Edgar Degas wechselt dabei abrupt mit detailreicher fotografischer Konturenschärfe.
Krach am Alex
Total zerrissene Stimmungsvielfalt von hart und schnoddrig bis laut, grell und aggressiv einzufangen, hat sich Enjott Schneider in seinem „Berlin Punk“-Konzert für Saxophonquartett und Orchester vorgenommen und es dem Clair–Obscur–Quartett gewidmet, die den Solopart auch an diesem Abend mit durchdringendem Furor spielen. Im „Moon over Alexanderplatz“-Satz gibt es besinnliche Töne, wobei jeder Saxophonist mit solistischen Auftritten brillieren kann. Dann wieder wuchert hektisch–grelle Maschinenmusik, an der sich das Orchester nach Leibeskräften beteiligt.
Volksfest in Moskau
Dieser ermüdenden Collage folgt das sinfonische Gemälde „Der Kreml“ von Alexander Glasunow, klangopulent und mit viel Seele vorgezeigt. Mächtiges Gewusel bei einem Volksfest, gefolgt von weihrauchorthodoxen Gesängen im Kloster und schließlich das grandiose Bild einer feierlichen Krönungszeremonie. In der parodistischen, vor Witz und Energie berstenden Offenbach–Tradition steht dagegen die viersätzige Suite aus Dmitri Schostakowitschs musikalischer Komödie „Moskau–Tscherjomuschki“, die mit satirisch–grotesken Widerhaken auf sowjetische Wohnungsbaubürokratie nicht spart. Entsprechend aufgekratzt gehen die Musiker zu Werke.