Waldbühne: 20.000 lauschen den Barenboims

Der Vater dirigiert, der Sohn spielt Violine: Daniel und Michael Barenboim musizierten am Sonnabend in der Berliner Waldbühne mit dem West-Eastern Divan Orchestra.
Monika RittershausDas Konzert anlässlich des 20-jährigen Bestehens des West-Eastern Divan Orchestras in der Berliner Waldbühne beginnt am Sonnabend mit der Ouvertüre zu „Egmont op. 84“, eine Schauspielmusik, die Beethoven für Goethes Geschichte mit der historischen Figur des Grafen Egmont im Auftrag des Wiener Hoftheaters geschrieben hatte. Die Ouvertüre mit ihrer Sarabande-ähnlichen Einleitung sensibilisiert das Publikum für das, was kommt.
Der zweite Teil des Abendprogramms präsentiert das einzige Violinkonzert, das Beethoven komponiert hat. Beethoven war im Stress, weil er gerade mit sechs weiteren Werken – darunter auch „Fidelio“ – beschäftigt war. Doch mit dem Violinkonzert hat er es sich und vor allem den Musikern nicht leicht gemacht: Das Konzert gilt technisch als besonders herausfordernd. Viele Jahre haben Beethovens Zeitgenossen einen großen Bogen um diese Noten gemacht, ihnen erschien die Gefahr, sich mit diesem Stück mehr Schmach als Glanz einzuhandeln, zu groß.
Der Respekt vor den rasanten Tempi, den hohen Lagen und schwierigen Doppelgriffen ist Michael Barenboim, Sohn von Dirigent und Gründer des West-Eastern Divan Orchestras, Daniel Barenboim, im Vortrag zunächst kaum anzumerken. Der 34-jährige Violinist ist seit 19 Jahren Mitglied dieses Jugendorchesters, das Musikerinnen und Musiker aus Israel und mehreren arabischen Ländern zu gemeinsamen musikalischen Höchstleistungen vereint. Beim Spiel ist er hochkonzentriert, kneift die Lippen zusammen. Seinen Respekt vor dem technischen Niveau des Stücks ließ er die Fans in einem Video vorab wissen: „Ein Highlight der Geigenliteratur. Es ist das ultimative Violinkonzert, das, wofür man die meiste Reife mitbringen muss, um es überhaupt richtig zu spielen“.
Doch neben aller Bombastik gibt es gerade in diesem Violinkonzert so viele Momente der Zartheit und Stille, die der Solist in der Waldbühne besonders ausdrucksvoll gestaltet. Seine Geige erzählt, feiert, weint, steigt und steigt in die Höhen, das Griffbrett wird bis zum letzten Zentimeter ausgenutzt. Dann ist wieder so viel Bewegung und Tempo in diesem Spiel, dass man meint, es spielten drei oder vier Geigen miteinander und nicht nur ein einziges Instrument. Als die schwierigen Passagen vorüber sind, macht der Bogen plötzlich einen klitzekleinen Hüpfer. Michael Barenboim schaut selbst zuerst erstaunt in Publikum, lächelt verschmitzt, dreht den Kopf zum Vater am Dirigentenpult, der schräg links hinter ihm steht, und spielt weiter.
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Zum 20. Geburtstag des Klangkörpers beweist das Orchester in der Waldbühne wieder einmal seine ganz eigene, besondere Qualität. Gewiss: Eine international gemischte Besetzung ist in großen Ensembles nichts Besonderes mehr. Dennoch hat kaum eine künstlerische Institution die völkerverständigende Ebene der Musik so ins Zentrum gestellt wie das West-Eastern Divan Orchestra. Den Künstlern gelingt, was die Politiker nicht hinkriegen.
Viele sind gekommen, um Beethoven und Daniel Barenboim zu hören – die Sommerkonzerte in der Waldbühne sind in Berlin inzwischen schon Tradition, und auch an diesem spätsommerlichen Augustabend entfaltet der besondere Ort seine ganze Magie. Barenboim senior hatte sich bis zur Pause eher im Hintergrund gehalten. Nach der Pause ertönt die „Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92“ mit ihrem berühmten 2. Satz, der schon in mehreren Filmen, zum Beispiel „The King’s Speech“ mit Colin Firth, als Hintergrundmusik diente. Beethovens Siebte spricht so sehr eine eigene Sprache, dass selbst der Dirigent im2. Satz die Hände senkt und sekundenlang das Orchester ohne Anweisungen sich selbst überlässt. Barenboim vermittelt mit seinem ganzen Auftritt, dass es nicht um ihn geht, dieses Werk kann für sich allein sprechen.
Das überträgt sich auch ins Berliner Publikum und seinen Gästen. Es dankt den Künstlern für dieses Erlebnis mit einem ausführlichen Applaus und viel Bravo. Das Wetter zeigte sich genau richtig, es war weder zu warm noch zu kalt und blieb trocken. Zu solch einem Anlass treffen sich gern alle; der Durchschnittsberliner ebenso wie Schauspieler, Promis und Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, der mit seiner Frau in der Arena-Mitte Platz nimmt, um Barenboim zu genießen. Das ist wohl auch der Reiz dieses Ortes: In der Berliner Waldbühne steht der Bierbecher im Sand, daneben raschelt auch mal die Picknickschachtel eines jungen, turtelnden Paares. In der Waldbühne genießt man Musik einfach anders als in den heiligen Stätten der Hochkultur.
Geschichte eines ungewöhnlichen Orchesters
Das West-Eastern Divan Orchestra (Orchester des West-östlichen Divans) wurde 1999 in Weimar im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt von dem argentinisch-israelischen Dirigenten Daniel Barenboim, dem in Palästina geborenen US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said sowie dem damaligen Generalbeauftragten der Europäischen Kulturhauptstadt, Bernd Kauffmann, gegründet. Es setzt sich aus jungen Musikern im Alter von 14 bis 25 Jahren zusammen, die aus Ägypten, Syrien, Iran, dem Libanon, Jordanien, Tunesien, Israel, Palästina und Andalusien kommen und sich einmal im Jahr für eine Arbeits- und anschließende Aufführungsperiode treffen. Nach zwei Phasen in Weimar in den Jahren 1999 und 2000 ist der heutige Sitz des Orchesters in Sevilla. Die Gründer – Edward Said verstarb 2003 – teilten die Vision von einem friedlichen Zusammenleben der Völker im Nahen Osten.