Weltmetropole über Nacht: Ausstellungen und Online-Portal dokumentieren Groß-Berlin-Gesetz
Nicht alle Parteien sind an diesem Dienstag im Abgeordnetenhaus an der Prinz-Albrecht-Straße (heute Niederkirchnerstraße) in Sollstärke vertreten. Von den 402 Abgeordneten fehlen 84, davon 67 unentschuldigt. Dann folgt die Auszählung: 165 Ja-Stimmen aufseiten der Sozialdemokraten, Sozialisten und Teilen der Linksliberalen, 148 mal Nein bei den Nationalkonservativen, Nationalliberalen und dem katholischen Zentrum, dazu fünf Enthaltungen.
Berlins Oberbürgermeister Adolf Wermuth (1855–1927), der wichtigste Architekt des kurz „Groß-Berlin-Gesetz“ genannten, 59 Paragraphen umfassenden Werkes kann zufrieden sein. Seit seinem Amtsantritt im September 1912 ist der parteilose Beamte unermüdlich dafür eingetreten, Ordnung in den wuchernden Moloch zu bringen. Gleichwohl weiß Wermuth, dass eine Verwaltungsreform, zumal in einer politisch extrem instabilen Zeit, nur ein Startschuss sein kann.
Zwischen Chaos und Aufbruch
Das „Groß-Berlin-Gesetz“ tritt am 1. Oktober 1920 in Kraft. Es macht die Stadt zwischen Havel und Spree über Nacht zu einer Weltmetropole. Per Gesetz und gegen erheblichen Widerstand aus den wohlhabenderen Kommunen werden die sieben bislang selbstständigen Städte Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf sowie aus den umliegenden Kreisen Niederbarnim, Osthavelland und Teltow 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke nach Berlin eingemeindet. Die Einwohnerzahl wächst ums Doppelte auf 3,8 Millionen, das nun in 20 Bezirke gegliederte Stadtgebiet verdreizehnfacht sich. Berlin wird neben New York und London zu einer bevölkerungsreichsten Städte der Welt.
100 Jahre liegt das „Groß-Berlin-Gesetz“ nun zurück – und hat doch Auswirkungen bis heute auf die deutsche Hauptstadt und ihr brandenburgisches Umland. Diesen Spagat zwischen Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft möchte ab 26. April eine große Sonderausstellung mit dem Titel „Chaos und Aufbruch“ auf zwei Etagen im Märkischen Museum in Berlin beleuchten. „Wir wollen darlegen, wie aus einem chaotischen Umbruch ein konstruktiver Aufbruch werden kann“, sagt Claudia Gemmeke, Beauftragte für institutionelle Beziehungen bei der Stiftung Stadtmuseum Berlin. "Unsere Kernfrage lautet: Wie kann Großstadt gelingen?“
Denn das Gesetz von 1920 habe erstmals eine abgestimmte Stadtplanung in den Ressorts Wohnen, Verkehr, Soziales, Verwaltung, Erholung und Umwelt ermöglicht. Eine historische und eine aktuelle Zeitebene in der Schau werden zu einer Entdeckungsreise einladen, die von den Problemen der Metropole über Lösungsansätze bis hin zu ihrem Zukunftspotenzial führe. Denn Themen wie eine aktive Wohnungs-, Verkehrs- und Gesundheitspolitik oder auch die Bekämpfung sozialer Ungleichheiten stehen bis heute auf der politischen Agenda.
Welche Vor- oder Nachteile hat eine Stadt wie Berlin mit ihrer dezentralen Verwaltung, den Bezirksämtern? Was lässt sich von damals mit heute vergleichen? Was nicht? Auch solche Punkte wolle die Ausstellung aufwerfen, fügt der Direktor des Stadtmuseums, der Niederländer Paul Spies, hinzu. Und wirft noch eine weitere – provokante – Frage in den Raum: „Muss Berlin weiter nach Brandenburg rein?“ Sicherlich auch ein Wink auf den gescheiterten Volksentscheid vom 5. Mai 1996, als die Brandenburger eine Fusion mit Berlin ablehnten, während die Hauptstädter knapp mehrheitlich dafür stimmten.
Immer wieder stünde auch die Identität im Fokus der Schau, betont Claudia Gemmeke: „Wir wollen zeigen, was die Berliner ganz konkret von dem Berlin-Gesetz hatten.“ Als Beispiele nennt sie den Ausbau des Strandbades Wannsee Ende der 20er-Jahre, den sozialen Wohnungsbau sowie die Gründung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) 1928.
Das Besondere im Vergleich zu anderen Großstädten sei, dass Berlin über viele Zentren und Kieze verfüge, betont Paul Spies. Deshalb gebe es unter der Überschrift „Großes B – dreizehn mal Stadt“ neben der Ausstellung im Märkischen Museum weitere Schauen in den zwölf Bezirksmuseen, die jeweils auf lokale Aspekte fokussieren würden.
Unterhaltsame Biografien
Die Dokumentation der Gebietsreform vor 100 Jahren und deren Folgen soll auch nach 2020 fortwirken. Deshalb starten die Museen das gemeinsame Online-Portal „1000 x Berlin“. 100 thematische Fotoserien mit 1000 zum Teil noch nie gezeigten Aufnahmen sollen reflektieren, wie sich das Bild Berlins von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart verändert hat. Welche sozialen, kulturellen und politischen Umbrüche die Menschen erlebt haben, würden zudem 50 unterhaltsam erzählte Biografien von Berlinern verdeutlichen, verrät der Leiter des Museums Neukölln, Udo Gößwald. Da komme Filiz Taskin, eine türkische Zuwanderin in den 60er-Jahren, ebenso zu Wort wie Jacky Spelter, Berlins erster Rock.’n’ Roller, und Melli Beese, die 1911 als erste Frau Deutschlands den Pilotenschein erwarb und in Johannisthal eine gut gehende Flugzeugfabrik und Flugschule betrieb.
Ausstellung „Chaos und Aufbruch. Berlin 1920/2020“, 26.4.2020–10.1.2021, Märkisches Museum, Berlin-Mitte, www.stadtmuseum.de, www.1000x.berlin, www.grossesb.berlin

