Wer ist Banksy?
: Neue Biografie versucht, das Rätsel zu lösen

Wer ist Banksy? Ina Brzoska verfolgt in ihrer Biografie Spuren von Bristol bis London, beleuchtet Geo-Profiling, Manager Steve Lazarides und die Frage nach Kommerz und Rebellion.
Von
Welf Grombacher
Berlin
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Graffiti-Kunstwerk in London: 22.12.2025, Großbritannien, London: Ein Graffiti-Kunstwerk, das zwei Personen darstellt und möglicherweise vom Straßenkünstler Banksy stammen könnte, wurde unterhalb des Centre Point-Gebäudes in der Nähe der Tottenham Court Road im Zentrum Londons gemalt. Foto: Stefan Rousseau/PA Wire/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Graffiti-Kunstwerk, das zwei Personen darstellt und möglicherweise vom Straßenkünstler Banksy stammen könnte, wurde im Dezember 2026 kurz vor Weihnachten unterhalb des Centre Point-Gebäudes in der Nähe der Tottenham Court Road im Zentrum Londons gemalt. Zugeschrieben wird es Banksy.

Stefan Rousseau/PA Wire/dpa
  • Neue Biografie „Banksy. Unsichtbar.“ verfolgt Spuren von Bristol bis London.
  • Thematisiert Geo-Profiling, Manager Steve Lazarides, Kommerz vs. Rebellion.
  • Rückblick: „Operation Anderson“ am 20. März 1989 – Banksy entkam unter Kipplaster.
  • Stencil-Wende: Schablonen als Reaktion auf Risiko und Tempo beim Sprühen.
  • Fazit des Buchs: Identität bleibt unklar; größtes Werk ist das ungreifbare Phantom.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es war am 20. März 1989 als die „Operation Anderson“ im Vereinigten Königreich für Aufsehen sorgte. Bei diesem größten Polizeieinsatz gegen die Graffiti-Szene in der Geschichte Großbritanniens durchsuchten Einheiten der British Transport Police 72 Wohnungen in Bristol, Bath, Exeter und Cardiff. Auch der damals noch minderjährige Banksy geriet ins Visier und wurde beim Besprühen eines Bahnwaggons ertappt. Während seine Kumpels mit dem Auto fliehen konnten, musste er sich eine Stunde lang unter einem Kipplaster in der Kälte verstecken. Dort überlegte er, dass er in Zukunft schneller arbeiten müsse, um nicht erwischt zu werden, und weil er dabei gerade auf das schablonierte Bild eines Kraftstofftanks schaute, wurde ihm klar, dass Schablonen die Lösung seien.

Mittlerweile ist Banksy eine Legende in der Szene und der bekannteste Street-Artist der Welt. Wo immer ein neues Motiv von ihm auftaucht, setzt ein Medien-Hype ein und Journalisten und Influencer aus allen Ländern berichten darüber. Wer sich hinter dem Pseudonym versteckt, dass der Künstler angeblich bekommen hat, weil er als Kind im Fußballtor stand und so gut gehalten haben soll wie Gordon Banks, der Goalkeeper der englischen Weltmeisterelf von 1966, ist bis heute unklar. Verbirgt sich dahinter Robert „3D“ Del Naja, ehemaliger Graffitikünstler und Mitbegründer der Trip-Hop-Band „Massive Attack“? Oder der Künstler Robin Gunningham?, wie Kriminalisten durch Geo-Profiling herausgefunden haben wollen. Vielleicht handelt es sich auch gar nicht um eine einzelne Person, sondern um ein ganzes Künstlerkollektiv?

Die Autorin ist als Journalistin Recherche gewohnt

Eine Biografie über Banksy zu schreiben, ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Die 1976 geborene Ina Brzoska stellt sich ihr. Als Absolventin der Deutschen Journalistenschule und Redakteurin der ZEIT und beim SPIEGEL weiß sie, wie sie an eine Recherche herangehen muss und hat akribisch alle verfügbaren Fakten über diesen, wie sie ihn nennt, „berühmtesten Unbekannten der Welt“ zusammenzutragen. Wer alles über Bansky wissen will, ist mit diesem Buch gut beraten. Auch, wenn es ein paar ärgerliche Redundanzen enthält, die Annäherung vage bleibt und alles ein wenig unstrukturiert wirkt. Wie aber soll man ein Phantom auch zu greifen kriegen?

In episodischen Kapiteln nähert sich Brzoska diesem Visionär der Street-Art, der entweder 1973 in Yate oder 1974 in Bristol zur Welt gekommen sein soll. In Bristol wächst er auf, wo seine Identität in der Szene ein offenes Geheimnis ist. Trotzdem wird niemand seine Identität verraten, wie sein früherer Manager Steve Lazarides einmal zu Protokoll gab, der Banksy bei einer Mitfahrgelegenheit kennenlernte und sich die Fahrt von ihm mit Siebdrucken bezahlen ließ, die er gewinnbringend verkaufte. Lazarides war es, der dem jungen Mann eine Bühne baute und ihn zu einer globalen Marke machte. Keiner, mit Ausnahme vielleicht von Damien Hirst, spielt so geschickt mit der Doppelmoral des Kunstbetriebes und verdient dabei solche Summen.

Banksy inszeniert sich als Punk im Kunstbetrieb - und lebt gut davon

Egal, ob er seine Bilder in die Tate Gallery und ins MoMA schmuggelt und sie dort illegalerweise zwischen andere Meister hängt, oder seine Motive mit Stencils auf Fassaden in London oder L.A. sprüht: Banksy inszeniert sich als Punk gegen den Kunstbetrieb und lebt gut davon. „Wie viel Kommerz verträgt Rebellion?“, fragt auch Ina Brzoska. Trotzdem spricht aus jeder ihrer Zeilen die Bewunderung für diesen Künstler, der, wie sie einräumt, nicht „besonders stark in Freihand-Graffiti gewesen“ sei. Im Jugendclub fiel er als blasser Junge mit Basecap auf. Im Kunstunterricht hatte er ein E, was in Deutschland einer 5 entspricht. Heute sind seine Leinwände Millionen wert. Was ihm furchtbar peinlich sein soll.

Als Kind wollte er Feuerwehrmann werden und etwas Gutes tun. „Ich versuche auch mit Graffiti und Street Art, die Welt zu retten“, äußerte er einmal und zielte dabei auf Werke wie seine mit einer Schussweste bekleidete Friedenstaube oder sein Mädchen, das mit Ballons über die Grenzmauer in Betlehem zu schweben scheint. In Calais sprühte er im illegalen Flüchtlingscamp „Dschungel“ den Apple-Gründer Steve Jobs als Immigrant auf eine Mauer, um auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam zu machen (Ein Geflohener stellte daneben ein Zelt auf und kassierte Eintritt). Und in Port Talbot machte er mit einem Jungen im Ascheregen auf die Feinstaubbelastung der Industriestadt aufmerksam (bis ein Sammler die Wand kaufte und abtransportierte).

Das alles hat Ina Brzoska gewissenhaft zusammengetragen. Dass ihr Buch trotzdem nicht „Die Biografie“ geworden ist, wie es der Untertitel großspurig verspricht, mag zu ihrer Entschuldigung in der Natur der Sache liegen. Besteht doch Banksys vielleicht „größtes Werk“, wie sie am Ende konstatiert, darin, eine Identität zu erschaffen, die sich „nie ganz greifen lässt und gerade deshalb so viele Projektionen möglich macht.“

Ina Brzoska: „Banksy. Unsichtbar.“ Die Biografie. Yes Verlag, 224 Seiten, 22 Euro