Wettbewerb: Berlinale-Beitrag aus Taiwan – Tsai Ming-Liangs „Rizi“

Lee Kang-Sheng (l) als Kang und Anong Houngheuangsy als Non in "Rizi". Regisseur Tsai Ming-Liang zelebriert die Entschleunigung – und erzählt von den Folgen einer Massage.
Homegreen Films / BerlinaleTsai Ming-Liangs sorgsam choreografierter Film, der im Wettbewerb der Berlinale läuft, handelt von Einsamkeit, Begegnungen, Alter und Schmerz. Und er zelebriert die Entschleunigung. Die langen Einstellungen fordern heraus, aber belohnen die Geduld. Es ist ein Werk, das man auf möglichst großer Leinwand anschauen sollte. „Ich möchte, dass meine Bilder gesehen werden. Dafür braucht man Zeit“, sagt Tsai Ming-Liang. Manchmal sind es nur winzige Regungen – oder Augen, die langsam feucht werden. Jede Bewegung seiner Schauspieler solle betrachtet werden können, betont er.
Was den Protagonisten Kong (Lee Kang-Sheng) bewegt, wird nur langsam deutlich. Denn viel passiert nicht – zumindest nicht im Außen. Ein bewegtes Foto folgt auf das nächste. Obwohl im Film kaum gesprochen wird, spielt der Ton eine große Rolle. Bilder von Natur, prasselndem Regen und Insektengeräusche wechseln sich mit fast stummen Szenen ab – und solchen, in denen der Lärm der Stadt das Hintergrundrauschen bildet.
Langsam folgt der Film einer Dramaturgie, die sich erst im Rückblick erschließt. In einer Szene dehnt Kong langsam seinen Nacken, in einer anderen bekommt er eine schmerzhafte Akupunkturbehaundlung mit brennenden Kegeln auf seinem Rücke. Er zeigt er seine Gefühle auf subtile Art. Doch der Schmerz ist präsent.
Dem gegenüber stehen Bilder von dem jungen Non (Anong Houngheuangsy), der in einem spartanischen Zimmer mit fleckiger Tapete und kaputter Tür wohnt. Die Kamera beobachtet Non, wie er sorgsam Salat und Fisch wäscht. Quasi in Echtzeit sieht man ihn beim Kochen zu.
Farben, Bilder und Ton sind sorgsam inszeniert.
Langsam tastet sich der Film an die Kernszene heran, in der sich die beiden Männer treffen. Kong liegt nackt auf dem Bauch in einem Hotelbett und lässt sich massieren. Das Publikum erlebt diese langsame Massage, bei der sich Kong zusehends entspannt, mit all ihren Handbewegungen mit. So akkurat sich Non dem Salat widmete, so sicher und geduldig bearbeitet er Songs Körper.
Die intensive Szene berührt in ihrer ruhigen, langsamen Art. Sex als Dienstleistung wird häufig als etwas Anrüchiges dargestellt. Tsai Ming-Liang schafft es, diesen Akt als einen Moment der Nähe und Reinheit zu inszenieren. Die erotische Massage wirkt ähnlich der Akupunktur als körperliche Therapie gegen die Schmerzen. Aber sie dringt bis in tiefere Schichten hervor. Am Ende schenkt Kong dem jungen Mann eine Spieluhr, die eine Melodie aus dem Charlie Chaplin Film Limelight spielt.
Er liebe diese Musik, berichtet Tsai Ming-Liang. „Charlie Chaplin war wie von einem anderen Planeten. Der 1957 in Malaysia geborene Regisseur ist seit Jahrzehnten immer wieder Gast auf der Berlinale. 1992 feierte dort sein erster Langfilm „Rebels of the Neon God“ Premiere.
Bei „Rizi“ arbeitet er mit seinem bewährten Partner, dem taiwanesischen Schauspieler Lee Kang-Sheng zusammen – und thematisiert dessen tatsächliches Leiden. Denn der Nackenschmerz sei echt, erzählt Lee Kang-Sheng. „Als Filmstar habe ich mich gefragt: Will ich in diesem Zustand im Film auftauchen?“ Glücklicherweise hat er sich dafür entschieden, sich in die Hände des Regisseurs zu begeben – ohne zu wissen, was dieser vorhat.
Neu ist die Zusammenarbeit mit dem wunderbaren Anong Houngheuangsy, den Tsai Ming-Liang in Bangkok kennengelernt hat. Der junge Laote hatte dort verschiedene Jobs, berichtet der Regisseur. Durch ihn sei er auf die Idee gekommen, den Film in Bangkok anzusiedeln.
Darüber, ob er die homoerotische Geschichte ein heikles Thema sei, habe er nicht nachgedacht. „Das ist Teil der künstlerischen Wahrheit“, sagt er. Teil der Wahrheit ist auch, dass Anong Houngheuangsy das Leben kennt, das er verkörpert. „Laoten, die in Bangkok leben, haben nicht viel“, erzählt er. Für ihn sei das „Rizi“ kein Film. „Das ist die Realität meines Lebens.“
„Rizi“: Wettbewerb, 29.2., 13.15 HdBF, 21.30 FSP