Wettbewerb: Berlinale - Willem Dafoe in Abel Ferraras „Siberia“

Lonely Man: Willem Dafoe in "Siberia"
Vivo FilmAber zurück zum Anfang von dem Film „Siberia“. Ein Mann flieht vor der Welt in eine andere, fremde, kalte. Nach Sibirien. Er braucht Felle und Feuer zum Wärmen, eine Höhle als Behausung. Er ist ein gebrochener Mensch, will allein sein. Doch auch die Einsamkeit in Sibirien bringt ihm keinen Frieden.
Seine Unruhe lassen ihn reisen – in seine Psyche, zu seinen Erinnerungen. Er lebt seine Phantasien aus, insbesondere sexuell, und spricht mit seinen Visionen. Die wenigen Begegnungen mit anderen Menschen finden in anderen Sprachen statt, Sprachen, die Clint nicht versteht. Auch für den Zuschauer werden die Gespräche nicht untertitelt.
Clint kommt immer wieder in Kontakt mit Körpern, die ihn faszinieren – meistens nackte Frauenkörper – und mit sexuellen Liebespraktiken, die er gern ausprobieren würde. Seine Reise wird zum Tanz zwischen innen und außen, denn wer weiß schon, wo Realität anfängt und aufhört?
Abel Ferraras Frauen sind entweder schön oder entstellt
Gut. Was wäre eine Reise durch die männliche Psyche ohne nackte Frauen? Wahrscheinlich unglaubhaft. Nach der dritten entblößten Frau in „Siberia“ entsteht aber so langsam die Frage, wie viele da noch kommen – im doppelten Sinne des Wortes. So viel sei verraten: Es sind noch einige.
Abel Ferrara lässt seine Frauenfiguren begehrenswert und schwach wirken. Entweder sind sie wunderschön und das Objekt von Clints Begierde oder sie krank und entstellt. Die einen erobert Clint sexuell im Tanz, andere sprechen aus sicherer Entfernung im Rollstuhl sitzend aus einer Höhle zu ihm.
Abel Ferrara, der bereits in mehreren Filmen mit seinem Alter Ego Willem Dafoe zusammengearbeitet hat, zuletzt in Tommaso, kennt in der italienisch-deutsch-mexikanischen Produktion keine andere Darstellung der Frau. Schade, dass keine der Visionen, die mit Clint metaphorisch sprechen, von einer Darstellerin gespielt wird. Ist sie wirklich so eintönig, die männliche Psyche?
Als Clint auf seine Ex-Frau trifft, gibt sie ihm das vernichtende Urteil, dass er ihr Leben zerstört habe. In seiner Vorstellung hält sie das natürlich nicht davon ab, trotzdem mit ihm zu schlafen. Zu dem Klassiker „Runaway“ von Del Shannon singt und tanzt Willem Dafoe, dessen sehniger Körper in dieser Einstellung perfekt in Szene gesetzt ist, seine Energie heraus. Der Song steht nicht nur symbolisch für seine zerbrochene Liebe, sondern scheint auch eines der Lieder zu sein, die einem im Leben immer wieder begegnen und als Ohrwurm im Kopf hängen bleiben.
Traumbilder soweit das Auge reicht
„Siberia“ strotzt nur so vor Traumbildern und Metaphern. Fast in jeder Szene sind Bilder zu finden, die auf Clints verworrene Psyche schließen lassen. In einer Einstellung ist es ein Spielautomat, an dem er mithilfe eines Trappers den Jackpot knacken will. Wie in einem Traum gibt es natürlich einen Schnitt bevor die letzte Zahl zu sehen ist. In einer anderen Szene sucht er seine schwangere Geliebte in einem Keller und findet schließlich eine alte Frau, deren Innereien zwischen ihren Beinen liegen. Liebevoll umschließt er ihren sterbenden Körper.
Blut, Sex, Tod, Krankheit, Liebe, Kinder, Vater, Mutter, Tanz, Kampf, ein Skalpell, Fische, eine Kiste, ein Wachturm – die Liste der Traumbilder in Siberia scheint endlos.
Wer in dem metaphysisch-geheimnisvollen Film landschaftlich nur Schnee und Eis erwartet, wird überrascht. Abel Ferrara bringt Clints Unterbewusstsein von Höhlen über Wüsten und Wiesen bis hin in einen erfrischend grünen Wald. Gedreht wurde unter anderem im Bayrischen Wald.
Nicht immer ist klar, was innen ist und was außen. Die einsame Schneelandschaft und die treuen Huskys, die Clint mit seinem Schlitten begleiten, könnten ein Hinweis für die echte Welt sein. Aber wer weiß das schon? Am Ende scheint die Schneelandschaft grünlich, so wie Clint auch. Er ist verbraucht von seinen Visionen.
Zuschauer brauchen starke Nerven
Sind die Szenen das Ergebnis einer kreativen Odyssee? Waren berauschende Mittel im Spiel? Beides ist gut möglich. Rationales und strukturelles Denken hat Filmemacher Abel Ferrara in „Siberia“ jedenfalls ausgesetzt. Der Film, der bei der Berlinale im Wettbewerb antritt, ist eine Tour de France für den Zuschauer. Sitzfleisch und starke Nerven sind gefragt. Die Szenenwechsel, die tiefsinnigen Gespräche, die zur Deutung anregen, der Einsatz von Heavy-Metall-Musik und die 60er-Jahre-Nummer von Del Shannon strengen an. Lars-von-Trier-Fans werden auf ihre Kosten kommen, denn am Ende sind es nicht nur die menschlichen Visionen, die mit Clint sprechen.
Abel Ferrara | mit Willem Dafoe, Dounia Sichov, Simon McBurney, Cristina Chiriac | Italien, Deutschland, Mexiko | 92 min. | Mo 22.2. (22 Uhr, Berlinale-Palast), Di 25.2. (15.45 Uhr, Friedrichstadt-Palast), Mi 26.2. (20.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele), Do 27.2. (12.15 Uhr, Haus der Berliner Festspiele), So 1.3. (9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast)