Kleine rote Kreuzstiche sammeln sich auf hellem Leinen. Unzählige sind sie, die sich verbinden zu traditionellen, belarusischen Stickmustern. In regelmäßigen Quadraten, in übersichtlicher Symmetrie. Erst auf den zweiten Blick werden sie sichtbar, die Panzer, die knüppelnden Polizisten, die fliehenden Menschenmassen. Oder auch die erstarrten Gesichter jener, die das belarusische Diktator-Regime festsetzte und nach und nach zu horrenden Haftstrafen von mehr als zehn Jahren verurteilt. Laut der Menschenrechtsorganisation Viasna sitzen aktuell 1329 politische Gefangene in belarusischen Haftanstalten.
Nach den gefälschten Präsidentschaftswahlen 2020 in Belarus nahmen Hunderttausende all ihre Hoffnungen und Mut zusammen und gingen gegen den illegitimen Staatschef Lukaschenko auf die Straße. Kurz darauf antwortete dessen Staatsapparat mit Brutalität und Repressionen: Demonstrierende wurden verprügelt, festgenommen, gefoltert. Seitdem werden Zivilgesellschaft, freie Medien und Kulturschaffende verfolgt und mundtot gemacht: Galerien, Verlage und Redaktionen schließen. Tausende Menschen flohen ins Exil in EU-Staaten.

Geschichten erzählen in Kreuzstich-Technik

Rufina Bazlova aus Grodno war zu diesem Zeitpunkt schon im Ausland. Sie studierte im südtschechischen Pilsen Grafikdesign und Illustration, später in Prag Theater-Szenografie. Als sie 2011 die Aufgabe bekam, ein freies Buchprojekt zu gestalten, griff sie auf die folkloristische belarusische Stickereitradition zurück, gestaltete Szenen mithilfe der Symbolkraft einzelner Elemente und erarbeitete eine Art Wörterbuch: Welches Motiv bedeutet was? Sonne, Vogel, spezielle Muster. „Am Ende hat mein Dozent das Buch sogar selbst gekauft!”, erinnert sie sich lachend bei einem Spaziergang in Berlin.
Seitdem hatte sie zahlreiche Einzel- und Gruppen-Ausstellungen in Tschechien, Polen, der Ukraine, Deutschland und anderen Ländern. Spätestens seit ihrem Workshop beim Karlspreis 2022 in Aachen ist sie gefragt in Deutschland. Gerade eröffnete ihre Solo-Schau „Outposted” in Dresden, in Berlin zeigen sich mehrere Galerien interessiert. Am 24. September soll eine große Banner-Arbeit in Potsdam gezeigt werden − ganz passend, zur Eröffnung des Kulturhauses „Minsk”.
Im Gespräch scheint sie selbst noch ganz überrascht zu sein über das große Interesse an ihrer Arbeit. „Das Sticken habe ich eigentlich auch nur, wie alle Mädchen damals in Belarus, im Handarbeitsunterricht in der Schule gelernt”, sagt sie. „Die Stickerei war immer auch Frauenarbeit. In den Mustern konnten sie sich ausdrücken und ihre Geschichten erzählen.” Ein explizit feministisches Projekt hatte sie auch geplant.

Emotionale Reaktionen aus Belarus und Ukraine

Doch dann kam der belarusische Sommer 2020, den sie persönlich zwar aus der Ferne mitverfolgte. Aber ihre Familie vor Ort. Bazlova verfolgte die Ereignisse. Und griff wieder zu Nadel und Faden. Nun waren Rot und Weiß nicht mehr nur die folkloristischen Farben der belarusischen Stickerei. Sondern plötzlich ein politisches Statement: die Farben der Opposition. Ebenso veränderten sich ihre Motive. Nun war eine Swastika-Form kein Zufall mehr, der bei symmetrischem Kreuzsticken schnell passiert. Sondern ein Statement, dass die brutale Staatsgewalt bewusst mit dem Faschismus des 20. Jahrhunderts vergleichen sollte. Protest- und Gewaltszenen entstehen. Und eine Sammlung von bereits mehreren hundert Stick-Vorlagen, die Porträts und Biografie-Elemente von aktuell politisch Inhaftierten zeigen. Wer will, kann die Schablonen bestellen, selbst sticken. Am Ende sollen all die Arbeiten verbunden werden. Eine riesige Decke mit den Geschichten Repressierter würde entstehen. Die Message des Projektes „Framed in Belarus”: die Gefangenen nicht vergessen.
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„Oft habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit vielen Menschen jetzt in Belarus, aber auch in der Ukraine, besonders viel bedeutet. Eben weil sie da für ihre Freiheit kämpfen”, sagt Bazlova. „Sie nehmen alles viel intensiver wahr, sind sehr berührt von meinen Bildern, weinen oft.”
Der ukrainische Präsident Selenskyi trägt zum Unabhängigkeitstag eines von Bazlovas Hemd-Designs.
Der ukrainische Präsident Selenskyi trägt zum Unabhängigkeitstag eines von Bazlovas Hemd-Designs.
© Foto: Bilderbuchfestival
Bazlovas modernen, politischen Stickereien sind ein neues Format, das in dieser Form noch niemand gemacht hat. Gleichzeitig steht es im Kontext einer größeren Rückbesinnung auf lokale Traditionen und belarusische Kultur, bevor Russland und die Sowjetunion sie veränderten. Noch sichtbarer wird dieses Interesse, das bewusst hinter die offensichtlichen Narrative und Bilder der russisch-sowjetischen Kolonisierung blickt, in den letzten Jahren in der Ukraine. Nicht nur zum Wyschywanka-Tag werden dort immer öfter die liebevoll bestickten Hemden und Kleider getragen.

„Ein Symbol gegen Feindschaft”

Eines von Rufina Bazlovas Stick-Hemden hatte denn auch das ukrainische Herrenmoden-Geschäft Indposhiv aus Kyjiw aufgekauft. Indposhiv kleidet seit Längerem auch den Präsidenten Selenskyj ein. Am 24. August, dem Unabhängigkeitstag der Ukraine, meldete sich dann ein Freund bei Bazlova, sie solle doch mal aktuelle Videos aus Kyjiw anschauen. „Da trug Selenskyj mein Hemd! Das war toll”, lacht die junge Designerin. Zumal Belarus aktuell Co-Aggressor in Russlands Krieg gegen die Ukraine ist, von Beginn an sein Territorium für Angriffe zur Verfügung stellte. „Das Hemd war dann so ein Symbol gegen Feindschaft zwischen uns, es gibt ja auch belarusische Einheiten innerhalb der ukrainischen Armee, die sie mit gegen Russland verteidigen.”
All diese großen politischen Themen finden sich plötzlich wieder in den kleinen Kreuzstichen in Bazlovas Stickerei. Mitte Oktober bringt sie diese in ihrem filigranen Handwerk mit zu zwei Stick-Workshops zur 10. Auflage des Bilderbuchfestivals in Müncheberg.

Das Internationale Kinderbuchfestival in Müncheberg

Das Festival hat sich seit seiner Gründung zur einem wichtigsten Treffpunkt für die zeitgenössische Bilderbuchszene Osteuropas entwickelt. Das Jubiläum vom 16. September bis 20. November 2022 steht unter der Überschrift „Janusz Korczaks Kinderrechte“. Auf dem Programm stehen u.a.: Vernissage am 15. September mit Führungen und Musik, der hybride Jubi-Illu Slam#10, ein Live-Zeichnen aus Arbeitszimmern in Müncheberg und Osteuropa, und Grafik-Workshops am 12. bis 14. Oktober.