zu Fridays for Future
: …und schwer haftet die Schuld am Designer-Sakko

Auch in Deutschland, nicht nur im Süden Brandenburgs, verbindet sich der jugendliche Zorn mit dem Frust der Kohlegegner.
Von
Thomas Klatt
Frankfurt (Oder)
Jetzt in der App anhören

Thomas Klatt

MMH

Aber darf man ihnen wegen der Schulschwänzerei, die sie mit ihren Freitagsdemos betreiben, mit Sanktionen und Zeugniseinträgen drohen? Man darf, aber man muss nicht. Schule, Eltern und Jugendliche könnten einen Kompromiss finden. Aber gerade Kompromisse sind unbeliebt, die Kinder von „Friday for future“ mögen sie ebenso wenig wie wie manch’ Schulleiter. Kompromisse beim Klima seien schon zu viele gemacht. Denn darin haben sie recht: Die Situation ist ernst – weniger in Westeuropa, wo alle auf eine Wiederholung des großen Sommers 2018 hoffen. In Regionen der Welt, wo die Lebensgrundlagen von Millionen Menschen austrocknen, versalzen oder im Meer versinken, ist die Lage weniger romantisch.

Doch auch in Deutschland, nicht nur im Süden Brandenburgs, verbindet sich der jugendliche Zorn mit dem Frust der Kohlegegner, die auch gern mal eine Förderbrücke besetzen. Es ist das Recht der Jugend, spontan, laut und frech zu sein. Wo liegen die Quellen für die künftige Energieversorgung Deutschlands? Russisches Gas über Nordstream II? Gas aus den USA, in riesigen Diesel-Tankern angefahren oder lieber französischer Atomstrom? Oder doch Braunkohle-Strom aus dem Nachbarland Polen? Und was passiert, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint? Schüler müssen das nicht wirtschaftswissenschaftlich analysieren. Schon deshalb nicht, weil es die Politik selbst nicht tut. Aber das Problem lautstark benennen, ohne Gewalt anzuwenden, das dürfen Schüler wohl.

In diesen Wochen ist eine Saat gelegt, die zu einem ungewöhnlichen zivilen Ungehorsam führt. Aus einer Solo-Aktion eines 16-jährigen schwedischen Mädchens entsteht gerade eine Massenbewegung. Am vergangenen Freitag, so Schätzungen, hätten Schüler in 120 Ländern der Welt demonstriert, allein in Deutschland seien an diesem Tag 300 000 Menschen auf den Straßen gewesen. Wer heute unverständlich auf die jungen Menschen blickt, könnte sich an seine eigenen Sturm- und Drang-Jahre erinnern. Nun war die Widerborstigkeit im Osten eine andere als die im Westen, zumindest war sie leiser und vorsichtiger. Doch für viele mündete sie in der friedlichen Revolution des Jahres 1989.

Mancher der alten, weißen Männer, denen schon jetzt der zugewiesene Schuld-Button schwer wie Steinkohle das Designer-Sakko nach unten zieht, könnte sich an einen Satz des Dramatikers Friedrich Hebbel erinnern: „Es ist die Strafe unserer eigenen Jugendsünden, dass wir gegen die unserer Kinder nachsichtig sein müssen.“