Kolumne: Die überfällige Wiederentdeckung der Scham

Demonstration der Klimaaktivisten Fridays For Future
Christophe GateauDie Jungen haben angefangen, sich zu wehren. Sie gehen auf die Straße. Hierzulande gegen die Untätigkeit in puncto Klimawandel oder die EU–Urheberrechtsreform; in den USA für schärfere Waffengesetze.
Endlich, könnte man hinzufügen. Sie haben anscheinend verstanden, dass die Generationen vor ihnen sie nach Strich und Faden verraten: Wenn sie erwachsen sind, wird der Rententopf leer sein und die Umwelt — wenn alles so weiterläuft — zerstört. Ihnen drohen katastrophale Dürreperioden, Wasserknappheit, Millionen Klimaflüchtlinge, von den sterbenden Insekten ganz zu schweigen.
Angesichts dessen sind die Unter–25–Jährigen allerdings auf sehr nette und höfliche Art wütend — sie verzichten bei ihren freitäglichen "Fridays For Future“-Demos lediglich auf ein kleines Stück ihrer eigenen Ausbildung (was die pragmatische und vernünftige Generation Z schmerzen dürfte) oder gehen gleich am Wochenende auf die Straße.
Trotzdem löst diese völlig gewaltfreie Form des Protestes bereits eine Menge Wut aus, dazu braucht man sich nur Leserbriefe oder Kommentare im Internet durchzulesen. Da werden den jungen Leuten gerne mal „Ohrfeigen“ oder „eine Tracht Prügel“ empfohlen; besonders der Vorstreiterin Greta Thunberg schlägt im Netz etliches an blanker Aggression entgegen. Diese inneren Abwehrprozesse sind wohl auch bitter nötig, müsste man doch — würde man die Botschaft der Schüler an sich heranlassen — auch das eigene Verhalten radikal ändern.
Vielleicht könnte unsere Ära rückblickend aber noch ein zweites — sehr konträres — Gefühl prägen: Scham. In Schweden gibt es bereits ein eigenes Wort für das moralische Dilemma von Flugreisen: „Flyg–skam“, also Flugscham. Auf Dauer wird — gerade wenn man selbst Kinder oder Enkel hat — das Verdrängen der ungelösten Fragen unserer Zeit immer anstrengender und schwieriger.
Der Theaterregisseur Roberto Ciulli, der am Montag 85 geworden ist, hat gerade in einem Interview beklagt, "dass die Menschen heute einen zentralen Wert verloren haben: Scham. Es muss wieder gelingen, dass Menschen sich schämen.“ Er bezieht das auf das Ertrinken Tausender Flüchtlinge im Mittelmeer — ein weiterer wunder Punkt, vor dem wir so fest wie möglich die Augen zukneifen. Eines Tages, so sagt er, würden die europäischen Staaten sich dafür verantworten müssen. „Und es wird schwierig sein zu behaupten: ‚Ich habe es nicht gewusst.‘“ Das ist genau unser Dilemma — wir wissen alles. Und tun fast nichts.
Vielleicht wird ja die Wiederentdeckung dieses sehr unangenehmen Gefühls bald vermehrt Erwachsene auf die Straße treiben. Dann könnten die Kinder wieder in Ruhe zur Schule gehen.