• Die Ernte der deutschen Apfelbauern wird gut. Es ist mit hohen Erträgen zu rechnen.
  • Welchen Einfluss hat das Wetter auf die Entwicklung der Äpfel, die Ernte und welche Sorten gedeihen besonders gut?
  • Apfelbauern geben Tipps und Hinweise, wie Kleingärtner mit ihren Apfelbäumen umgehen sollten.
Über Rosen lässt sich dichten / In die Äpfel muss man beißen“. Das Goethe-Zitat bringt Jörg Quast zum Schmunzeln. Doch Mitte September ist die Apfelernte in vollem Gange, und da hat der 53-jährige Obstbauer gerade nicht viel Sinn für Poesie. Wir sitzen in der stillen Stube seines reetgedeckten Elternhauses, während draußen der Landregen niedergeht, der in diesem Sommer 2022 so selten war.
Im Alten Land südwestlich von Hamburg und an der Niederelbe liegt das größte Anbaugebiet Deutschlands. Holländische Siedler – Landwirte und Deichbauer ­­– entwässerten das Marsch- und Moorland ab dem 12. Jahrhundert. Auf der Elbinsel Finkenwerder liegt der Hof von Jörg Quast. Im Jahre 2000 hat er ihn von seinem Vater Heinrich übernommen und bald zum Öko-Betrieb umgebaut.
Zusammen mit seinem Geschäftsführer Thorsten Büter prüft er heute die Qualität der ersten Holsteiner Cox, die vor ihm in der 300-Kilo-Kiste liegen. Sie sind zufrieden. „Wir haben dieses Jahr eine Vollernte erreicht, mit 100 Prozent Ertrag, wir rechnen mit etwa 400 Tonnen“, berichtet der Bioland-Erzeuger. Weil der diesjährige Sommer extrem trocken, heiß und sonnig war, sind die Früchte etwas kleiner als sonst geraten, dafür aber sehr süß. „Süße Äpfel verkaufen sich gut“, freut sich Quast. 30 Sorten baut er an, auch ein paar Veteranen haben überlebt.

Plantagenpflanzen in Reih und Glied

„Wenn Kinder Bäume malen, sehen die aber anders aus als unsere Obstbäume von heute“, sagt Quast und meint die langen, eng gepflanzten Baumreihen, die eher wie Fruchthecken aussehen, prall bestückt mit roten Elstar und Jonagold. Aber die Bäume dürfen nicht höher als drei Meter wachsen, damit sie ohne Leitern geerntet werden können, mit einem leichten Minitraktor, der durch die schnurgraden Reihen fährt und den Boden schont. Vor und nach der Ernte werden hier jeweils 20 Prozent der Äpfel aussortiert und zu Apfelsaft verarbeitet. Die saftigen Santana und die süß-säuerlichen Holsteiner Cox werden jetzt als Erste gepflückt und vermarktet.
Die optische Qualität entscheidet über den kommerziellen Erfolg. Die Einkäufer der Discounter und Lebensmittelketten fordern makellose Standardware, die Äpfel am besten alle gleich groß, mit mindestens 65 Millimeter Umfang. Dazu glatte Schalen ohne Flecken, Narben und Beulen. Dass auch kleinere Äpfel sehr gut schmecken, spielt hier keine Rolle.
Besuch bei Bauer Quast im Alten Land: Äpfel der Sorte Holsteiner Cox unmittelbar nach der Ernte
Besuch bei Bauer Quast im Alten Land: Äpfel der Sorte Holsteiner Cox unmittelbar nach der Ernte
© Foto: Stephan Clauss
Bestseller sind höchstens fünf verschiedene „global player“, allesamt nicht in Deutschland gezüchtet. Die Top Five der im Jahre 2020 hierzulande meistverkauften Apfelsorten, nämlich Elstar mit 16,8 Prozent, gefolgt von Braeburn, Gala, Jonagold/Jonagored und Pink Lady, erreichen zusammen 60 Prozent Marktanteil. Frühere Publikumslieblinge wie der Golden Delicious und der Cox Orange, sogar der bekannte Boskoop spielen keine Rolle mehr, sie muss man auf Bauernmärkten oder Hofläden suchen.

Druck auf den Obstbauern

Diese Verengung des Sortiments hat zu einer Verarmung beim Anbau geführt. Was geschieht, bestimmt der Großhandel. Neuerdings werden auch schon die Anbauer von Bio-Obst dazu gedrängt, doch endlich mehr Braeburn anzupflanzen, weil der robust, lagerstabil und leicht zu händeln ist. „Im Anbau sind die aber eine Katastrophe, weil sehr schorfanfällig“, weiß Quast aus Erfahrung.
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Zwar erobere die Bioware mehr Regalmeter in den Obsttheken, doch das geschehe vor allem, weil die Kunden lieber schadstofffreie Äpfel essen wollen und keine mit Pestiziden in der Haut. Zudem brauche jeder Handelspartner, egal ob Aldi, Edeka, Lidl oder Rewe, das gesunde Bio-Label für das eigene Image. Aber das heißt nicht, dass die Erzeuger von Obst besser behandelt werden als etwa Milchbauern und Schweinezüchter. „Die, die sagen, wie sehr sie Lebensmittel lieben, sind oft die härtesten Preisdrücker. Wer als Erzeuger die Preisvorgabe nicht akzeptiert, muss damit rechnen, dass der Einkäufer dann einfach keine regionalen Erzeugnisse kauft, sondern sein Obst aus Polen oder aus Übersee holt.“

Die Kunden wollen viel Aroma und wenig Säure

„Die wichtigste Frage ist immer: Wie schmeckt der Apfel? Da hat der Kunde klare Vorstellungen: wenig Säure, viel Aroma“, stellt Quast fest. Das erkläre auch den Erfolg der Aufsteigersorte „Wellant“. Die sei beliebter als der Rote Boskoop, der mehr Säure und Charakter hat. Aber die meisten mögen’s mild. Dazu kommt offenbar, dass es immer weniger Menschen gibt, die noch bereit sind, selber Apfelkuchen zu backen oder mit Äpfeln zu kochen. Kochshows gibt es viele, doch das Know-how in den Familien geht verloren, vor allem in der Stadt.
Seinen sortenreinen Apfelsaft verkauft Quast auch direkt ab Hof, naturtrüb und rein ohne Zusätze. Schmeckt intensiv und köstlich. „Doch seit Jahren versucht uns die Ernährungs-Mafia dieses gesunde Getränk abzugewöhnen. Da wird ausgerechnet, wie viel Zucker in einem Apfel steckt. Und dann kaufen die Leute Coca-Cola in Zwei-Liter-Flaschen …“
Doch Quast sieht sich und seine ökologisch wirtschaftenden Kollegen auf dem richtigen Weg. „Ich bin gern in der Natur. Ich glaube, die Art, wie wir Lebensmittel herstellen, entscheiden Einfluss darauf hat, wie wir denken. Ich hoffe, dass wir auch langfristig von dem leben können, was wir hier produzieren.“

Quantität statt Streuobstwiesen

Auch am Bodensee herrscht derzeit Hochbetrieb in den Obstgärten. Und es wird eine überdurchschnittliche Ernte erwartet, in Menge und Qualität. Manfred Büchele, Direktor des Kompetenzzentrums Obstbau Bodensee in Bavendorf bei Ravensburg, ist ein viel gefragter Experte. Er leitet diese gemeinnützige Stiftung, die den Obstbau am Bodensee verbessern hilft, ihn effizienter und umweltfreundlicher zugleich machen soll. 120 Mitarbeiter sind damit beschäftigt.
Manfred Büchele, Obstbau-Experte aus der Bodenseeregion
Manfred Büchele, Obstbau-Experte aus der Bodenseeregion
© Foto: privat
Er stammt aus dem Linzgau, dem lieblichen Hinterland des Bodensees, von einem Obstbauernhof, den sein Bruder Hubert jetzt führt. Wir sprechen mit dem 61-Jährigen darüber, was sich in Baden-Württemberg seit den Sechzigerjahren verändert hat. Büchele hat seine Kindheit noch unter alten, hohen Apfelbäumen verbracht, es gab Goldparmänen und Boskoop und Cox Orange und den berühmten Berlepsch, süß-säuerlich, mit besonders viel Vitamin C.
Als Büchele noch als Bub auf dem Trecker sitzen durfte, wurde der Generalobstbauplan von 1954 umgesetzt, der intensive Obstbau wurde mit Subventionen gefördert und verdrängte die alten Streuobstwiesen, allein in seinem Bundesland wurden 16.000 Hektar dem Fortschritt geopfert. Dafür zogen die ersten Golden Delicious ins Land, in der DDR hieß die Sorte „Gelber Köstlicher“.

Eine Apfelzüchtung von 1972 steht immer noch an der Spitze

Büchele trauert den alten Sorten nicht nach. „Ich liebe die Vielfalt. Ich mag einen Berlepsch zu seiner Zeit, ich esse gern mal eine alte Sorte, doch für den Alltag werden die neuen Sorten gebraucht, sie sind keine Verschwörung gegen den Geschmack von früher“, meint Büchele. „Der Elstar ist gegenwärtig noch die Nummer 1 der meistgekauften Äpfel, weil er den Geschmack der Deutschen am besten trifft.“ Die populäre, knackig-aromatische Apfelsorte wurde 1972 in den Markt eingeführt. „Doch heute würde sie die strenge Sortenprüfung nicht mehr bestehen, denn sie ist etwas zu frohwüchsig und zickig, auch verträgt sie die Hitze schlechter als andere.“ Es werde auch in Süddeutschland intensiv nach Sorten gesucht, die mit dem Klimawandel besser klar kommen.
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Der Erzeuger soll seinen fairen Ertrag erhalten, aber auch die Familien sollen Zugang zu preiswertem Obst erhalten. Auf einem 20 Hektar großen Versuchsgut werden Biodiversität und ökologischer Anbau getestet. „Die Supermärkte wollen genau wissen, was gut ankommt. So weiß man, dass rot besonders positiv wahrgenommen wird, je leuchtender, je besser, das bringt ein paar Cent mehr.“ Bei einem Apfel-Umfang von 70 bis 80 Millimeter greife der Kunde am liebsten zu. Wie ein neuer Apfel schmeckt, wird nicht nur im Labor analysiert, wo Glukosegehalt und Säuregrad gemessen werden. Auch Haushalte werden nach Optik und Geschmack befragt.

Standardisierte Produkte oder Ringen um Qualität?

Manfred Büchele kommen die regionalen Verkaufsargumente allerdings viel zu kurz. „Ich finde es eher erstaunlich, dass wir in den Supermärkten noch mehr als drei Sorten in den Ladentheken haben. Es würde ja auch reichen: rot, gelb, grün“. Das klingt leicht sarkastisch. Die Erfahrung: Die Qualität der Ware werde im Supermarkt meist eher verschlechtert.
Die Farbe kann den Ausschlag geben: Zwei pralle rote Äpfel hängen kurz vor der Ernte am Baum. Früchte in leuchtenden, kräftigen Farben werden von der Kundschaft besonders gerne ausgewählt.
Die Farbe kann den Ausschlag geben: Zwei pralle rote Äpfel hängen kurz vor der Ernte am Baum. Früchte in leuchtenden, kräftigen Farben werden von der Kundschaft besonders gerne ausgewählt.
© Foto: Stephan Clauss
Sehr gute Ware sollte schnell verkauft werden. Doch auch ein mit modernster Technik gelagerter Apfel müsse noch bis ins nächste Frühjahr genießbar sein. Das Kompetenzzentrum liefert ein Drittel der Pausenäpfel an die Schulen im Ländle. 120.000 Kinder bekommen also Äpfel vom Bodensee. Doch Büchele ärgert sich darüber, dass Eltern viel Geld für ungesunde Süßigkeiten ausgeben, anstatt ihren Kindern täglich einen gescheiten Apfel zu geben. „Kinder essen von Natur aus gern Äpfel, wenn man sie ihnen oft und regelmäßig anbietet. Es wird ihnen aber leider immer mehr abgewöhnt.“

Vom Liebling zum Sorgenkind

Auch im Norden gibt es seit 75 Jahren ein großes Obstbauzentrum, die Esteburg in Jork im Alten Land. Hier werden 1400 norddeutsche Obstbetriebe in Theorie und Praxis betreut. Strategien, wie man mit angewandter Forschung auf den spürbaren Klimawandel reagieren kann, werden hier entwickelt. Hausherr Karsten Klopp, Diplom-Agraringenieur, nimmt sich Zeit für einen Rundgang über das weitläufige Gelände. Zwar sei die lange Trockenheit am Ufer der Elbe noch gut kompensiert worden, zu wenig Wasser sei also bisher nicht das Problem. Im Frühjahr können Blüten damit vor Frost geschützt werden, im Sommer auch die Bäume beregnet.
Doch der Holsteiner Cox wird zum norddeutschen Sorgenkind, erzählt Klopp. Er fängt seit ein paar Jahren schon bis zu drei Wochen früher zu blühen an, wird in der Hitze zu schnell reif und kann dann nur kurze Zeit gelagert werden. Der Anbau sei bereits auf unter fünf Prozent gesunken, und die Sorte werde langfristig vom Markt verschwinden.

Regalmeter Abräumen mit „Pink Lady“

Im Geschäft mit der Deutschen liebstem Obst gibt es viele Konkurrenten. Ein französisches Konsortium eroberte etwa mit der rosafarbenen Sorte „Pink Lady“ schnell mal zehn Prozent der Regalfläche. „Damit haben die gleich bei zwei Generationen Barbie abgeräumt, genial“, meint Klopp. Eine neue Sorte, die vor sechs Jahren in der Hildesheimer Börde erfunden wurde und von PR-Leuten auf den Namen „Fräulein“ getauft wurde, löst erwartungsgemäß nicht nur Freude aus. „Fräulein ist sowas von sexy bei der einen Hälfte der Bevölkerung und sowas von unsexy bei der anderen Hälfte“, sagt Klopp und lacht.
Dem Apfel ein Gesicht geben: Der Agraringenieur Karsten Klopp vom Esteburg Obstbauzentrum in Jork beobachtet die Entwicklung seit Jahren.
Dem Apfel ein Gesicht geben: Der Agraringenieur Karsten Klopp vom Esteburg Obstbauzentrum in Jork beobachtet die Entwicklung seit Jahren.
© Foto: Stephan Clauss
Aber dann wird er gleich wieder ernst, denn im Herbst 2022 treiben die hohen Energiepreise auch die Obsterzeuger um. Viele von ihnen wollen schnell ihre als erste gepflückten Sorten verkaufen, um damit Lagerkosten einzusparen. Doch auf dem Lebensmittelmarkt sitzen sie nicht am längeren Hebel und müssen froh sein, wenn sie ihre Gestehungskosten decken können. Obwohl die eigentliche Inflation nicht beim frischen Obst stattfinde.
Nicht gut zu sprechen ist Klopp auf die staatlichen Schulen, die wenig bis kein Interesse daran hätten, Schüler mit dem Thema regionale Lebensmittel zu behelligen. „Dabei haben Äpfel und Kartoffeln die beste Klimabilanz. Und wie man damit kochen und backen kann, ließe sich schon im Kindergarten lernen.“ Karsten Klopp sieht aber auch eine Chance: „Ich bin der Hoffnung, dass wir durch diese ganzen Krisen wieder auf den Boden kommen und lernen, unsere heimischen Lebensmittel wertzuschätzen, zu denen der Apfel unbedingt gehört.“

Kleine Renaissance der alten Sorten

Die hohen Obstbäume aus früheren Zeiten, wie sie Ludwig Uhlands in seinem Gedicht vom „Wirte wundermild“ besungen hat, die mit den ausladenden Kronen, die Schatten spenden und deren Früchte nur mit langen Leitern zu ernten waren, verschwinden aus den Gärten und Wiesen. Doch die alten Sorten gehören zum lebendigen Kulturerbe. Und wer das betrauert, muss kein Romantiker oder Feinschmecker sein. Es gibt auch handfeste Gründe, die für den Erhalt der Tradition sprechen. Denn die Spezialisierung auf immer weniger Anbausorten hat auch die genetische Vielfalt stark reduziert hat.
Sortenvielfalt: diverse Äpfel, präsentiert vom Pomologen in Brandenburg an der Havel
Sortenvielfalt: diverse Äpfel, präsentiert vom Pomologen in Brandenburg an der Havel
© Foto: Stephan Clauss
Apfelland – abgebrannt? Noch lange nicht. Denn abseits der großen Handelswege erlebt der zum uniformierten Massenprodukt degenerierte Apfel eine Renaissance. Immer mehr Menschen suchen hartnäckig nach alten Sorten. Sie wollen keine giftgrünen oder knallroten 0815-Modeäpfel, sondern welche mit altmodisch klingenden Namen. Mit Aroma und Charakter, mit Beulen und Schrunden. Sie lieben auch die plattrunden, die glockenförmigen, die kegel-, walzen- oder eiförmigen. Und manch ältere Dame treibt die Kindheitserinnerung an die vergessene Sorte Signe Tillisch um, weil die mit ihrem Rosenduft eine ganze Vierzimmerwohnung ausfüllen konnte.

Sortenschutz in der Nische

Dennoch gibt es Menschen, die sich mit Fleiß und Ausdauer gegen diese Entwicklung stemmen. Es sind die Pomologen, die in allen Bundesländern ihr Bestes geben, damit dieser Verlust gestoppt wird. Sie tragen zu einer Renaissance der alten Sorten bei. Einer von ihnen ist Hans-Georg Kosel aus Oranienburg. Wir trafen den langjährigen Landessprecher des Pomologen-Vereins Brandenburg-Berlin Mitte September auf dem Regionalmarkt der Stadt Brandenburg an der Havel. Im schattigen Innenhof des alten Pauliklosters präsentieren die Experten eine große Auswahl der alten Sorten auf Papptellern. Das lockt Neugierige an.
Apfel-Enthusiast: Hans-Georg Kosel auf dem Wochenmarkt in Brandenburg an der Havel
Apfel-Enthusiast: Hans-Georg Kosel auf dem Wochenmarkt in Brandenburg an der Havel
© Foto: Stephan Clauss
Kosel hat immer viel zu tun. Am meisten im Herbst, wenn die Äpfel und Birnen auch in den Schrebergärten reifen. Sein Rat ist sehr gefragt. Und der 63-Jährige kann Antworten geben zu allem, was Gartenbesitzer und Apfelfreunde wissen wollen. Er ist seit zehn Jahren in Theorie und Praxis daran beteiligt, alte Obstsorten vor dem Aussterben zu bewahren und jungen Menschen das Handwerk zu lehren, wie Bäume zu schützen und zu pflegen sind. Kosel ist von Haus aus Ökonom, betreibt seinen neuen Zweitberuf aber mit großer Leidenschaft. Die Revitalisierung alter Obstbauanlagen in Brandenburg ist sein Geschäft. Er hat schon 45 Obstbaumwarte ausgebildet. Aktuell gibt es zehn davon im Dienst des Landes, es müssten aber 160 sein, schätzt Kosel. Und der Mann hat schon viele Bäume gerettet, die jetzt wieder Früchte tragen. „Mein ältester Baum, mein Methusalem, wurde 1826 gepflanzt“, sagt er stolz.

Gartenbesitzer suchen Rat beim Experten

Als Pomologe hat er sich das Wissen angeeignet, das alle benötigen, die im eigenen Garten einen Apfelbaum pflanzen möchten oder nicht wissen, wie die Äpfel heißen, die in dem alten Baum in Großvaters Garten hängen. Jetzt stehen sie Schlange, um dem Experten ihre Fragen zu stellen. „Können Sie mir sagen, ob das ein Ontario ist?“ – „Können Sie bald mal nach Mecklenburg kommen, um die alten Apfelbäume in unserem Hof zu retten?“ – „Wo kann ich lernen, Obstschutzwärtin zu werden?“ Da sind sie bei Kosel und seinen Mitstreitern richtig.
Ein Apfel mit "Gesicht" in der Plantage von Bauer Jörg Quast
Ein Apfel mit "Gesicht" in der Plantage von Bauer Jörg Quast
© Foto: Stephan Clauss
„Durch den Bio-Boom, die Krisen wie Corona und Energiekrise und zuletzt den Krieg in der Ukraine sind Obstbäume zur Saison regelmäßig ausverkauft“, stellt Kosel fest. Der Wissensdurst nach alten Sorten im Nutzgarten sei seit zehn Jahren rasant gestiegen. „Wir Pomologen müssen das nur auffangen und fördern“.
Goethe hatte recht: Gute Äpfel sind nicht schwer zu finden, weder für Gärtnerinnen noch für Liebhaber. Und alle Menschen, die lieber in diverse Äpfel beißen und für den Duft eines frisch gepflückten Gravensteiners aus Nachbars Garten die „Pink Lady“ im Sixpack unbeachtet links liegen lassen, tragen letzten Ende dazu bei, dass die regionale Vielfalt kein hohles Verspre-chen bleibt, sondern von September bis Ostern ein echtes Glück.