Corona-Krise: Isolation durch Corona-Maßnahmen belastet vor allem Singles

Eine Frau sitzt alleine auf einer Treppe vor dem Kölner Dom. Für junge Singles ist die Isolation nicht einfach.
Roberto Pfeil/dpaEinigen jungen Singles geht es wie der Bauingenieurin. Im Homeoffice kreisen die Gedanken: Was hab ich falsch gemacht? Was tut er/sie gerade? Warum hat es nicht mit uns geklappt? Andere fragen sich: Warum finde ich keine Partner/in? Zu dem Gefühl der Einsamkeit mischt sich der Eindruck, in der Isolation den Ängsten und Zweifeln ausgeliefert zu sein. Denn nun ist es eben nicht so leicht, mal eben eine Freundin aufzusuchen und sich eine Umarmung abzuholen. Körperliche Nähe ist Mangelware
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Jeder Mensch braucht Nähe
„Nähe ist ein Grundbedürfnis von Menschen“, sagt die Psychologin Sophia Terwiel von der Ruhr-Universität Bochum. Zusammen mit ihren Institutskollegen arbeitet sie derzeit an einer Studie darüber, wie sich Corona auf die Psyche der Daheimgebliebenen auswirkt. Besonders für Menschen, die alleine wohnen, sei die derzeitige Situation eine große Herausforderung. Einer Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship unter 1000 Bundesbürgern zufolge haben vor allem die Jungen Angst vor der dem Alleinsein. 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen fürchten sich davor zu vereinsamen, bei den 50- bis 69-Jährigen sind es hingegen 33 Prozent.
Wie sich die Isolation auf den Einzelnen auswirke, hänge stark von Persönlichkeit ab, sagt Wissenschaftlerin Terwiel. Während es bei dem einen zu Angst bis hin zu Depressionen kommen kann, erhöhe die Isolation bei anderen Singles die Motivation, sich mit Freunden zu vernetzen. Diejenigen, die durch psychische Vorerkrankungen gefährdet sind, werden derzeit von ihren Psychologen auf die besondere Situation eingestellt. Für all jene, die nicht in Behandlung sind und Ängste verspüren, gibt es eine Hotline der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Terwiel beobachtet jedoch, dass die meisten Betroffenen gut mit der Isolation umgehen können. Einer der möglichen Gründe: „Sie sehen einen Sinn darin.“ Den Sinn nämlich, dem Allgemeinwohl durch die Abschottung von der Umwelt zu helfen.
Diesen sieht auch die Berlinerin Maria. Die Frauenärztin nutzt Dating-Apps wie Tinder und OkCupid. Damit ist sie in guter Gesellschaft: Beide Plattformen berichten, dass die Nutzungszahlen seit einigen Wochen steigen. In jenen Tagen der Isolation chattet Maria mehr denn je. Sie vermisst allerdings den persönlichen Kontakt. Zwar ist es nicht verboten, sich mit einer Person allein zu treffen, doch sie ist vorsichtig. „Du weiß nicht, wen der Mann schon alles getroffen hat und ob er nicht infiziert ist“, sagt sie. Außerdem bestünde ja noch das Problem des Treffortes. „Was essen gehen oder auf ein Bier treffen, geht gerade nicht.“ Zu den Männern nach Hause geht sie bei der ersten Begegnung nicht – also bleibt häufig nur Schreiben. „Noch ist es okay. Aber ich merke, wie ich mehr und mehr vereinsame“, sagt die 30-Jährige.
Kann der virtuelle Kontakt die körperliche Nähe ersetzen? „Nein“, sagt Sophia Terwiel von der Ruhr-Universität Bochum. „Der Videochat kann aber emotionale Nähe herstellen.“ Sie empfiehlt Singles nicht nur, Chats zu veranstalten oder Kontakte per Telefon zu reaktivieren. „Man kann die Zeit auch für sich nutzen, um Neues auszuprobieren. Eine Sprache zu lernen oder zu Hause Sportübungen zu machen“, sagt sie.
Aktiv zu sein, sei enorm wichtig. Singles sollten sich aber auch nicht zu viel zumuten. Wer einen Abend mal auf der Couch rumhängen und einen Serienmarathon veranstalten will, solle sich nicht davor scheuen. Auch Pläne zu schmieden, was man nach dem Shutdown unternehmen könnte, können helfen, mit Einsamkeit klar zu kommen.
Einigen Singles hilft auch zu wissen, dass sie Leidensgenossen haben. Die Bloggerin Louisa Dellert beispielsweise spricht auf Youtube in ihrem täglichen Podcast über Themen wie Einsamkeit. Unter ihren Beiträgen finden sich Kommentare wie: „Ich würde jetzt auch gerne mal wieder meine Mädels in den Arm schließen.“ Oder: „Du sprichst mir aus der Seele.“
Für einige Kommentatorinnen ist aber auch klar: Wenn der Shutdown vorbei ist, wird das Leben ein anderes sein. Vielleicht ein weniger einsames.
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Alleinstehende in Deutschland
18,5 Millionen Singles leben in Deutschland. Mehr als 8,9 Millionen davon sind Männer, knapp 9,5 Millionen Frauen. Der überwiegende Teil der Alleinstehenden lebt auch allein (16,8 Millionen). Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit den meisten Singles (3,8 Millionen). Unangefochtene Single-Hochburg bei den Stadtstaaten ist Berlin mit rund 1,1 Millionen Menschen. ⇥dot
