EU-Vergleich: Geber- und Nehmer-Länder der EU – Die Nettozahlungen im großen Europavergleich

Welches Land zahlt mehr in die EU-Kassen ein als es bekommt? Und bei welchen Nationen ist es andersherum? Die Nettozahlungen im EU-Vergleich.
Jan Woitas/dpaWährend die einen skandieren, dass die Mitgliedschaft aufgrund der Beitragszahlungen für Deutschland einen Nachteil darstellen, sehen andere einen Vorteil. Und dabei ist es doch eindeutig: Deutschland zahlte 2021 laut der Bundeszentrale für Politische Bildung 21,4 Milliarden Euro mehr ein, als es von der Europäischen Union (EU) erhielt (Netto). Das ist doppelt so viel wie Frankreich abführte und damit ist Deutschland absolut gesehen mit Abstand der größte Nettozahler der Europäischen Union (EU). Wie kann man aufgrund dieser Zahlen dennoch zu unterschiedlichen Ansichten kommen?
Die Bestimmung der absoluten Nettozahler und Nettoempfänger im europäischen Vergleich
Bei allen in diesem Artikel behandelten Statistiken wird der Saldo angegeben, also die Einzahlungen minus der Auszahlungen. Auch wenn Deutschland 2021 netto am meisten Geld an die EU abgeführt hat, gibt es jedoch unterschiedliche Weisen, wie diese Zahlen betrachtet werden können. Zum einen gibt es den eingangs angeführten absoluten Vergleich. Hierbei kommt man auf das folgende Ranking: Polen ist mit 12,9 Milliarden auf mit weitem Abstand Platz eins der Nettoempfänger 2021. Mit weniger als die Hälfte der Zuwendungen und 4,7 Milliarden aus dem EU-Haushalt kommt Griechenland auf Platz zwei. Ungarn und Rumänien folgen mit 4,3 und 4,2 Milliarden Euro. Spanien belegt Platz fünf mit 3,4 Milliarden Euro. Bei den Geber-Ländern ist Deutschland mit einem Saldo von 21,4 Milliarden Euro weit vor Frankreich mit 10,9 Milliarden Euro auf Platz eins. Auf Platz drei folgen die Niederlande mit 4,1 Milliarde Euro. Schweden liegt mit 2,5 Milliarden Euro auf Platz vier und Dänemark mit 1,5 Milliarden Euro auf Platz fünf.
Die Nettozahlungen im Vergleich zum BIP
Das Ranking ändert sich jedoch, wenn man die Ein- und Auszahlungen mit der Wirtschaftsleistung eines Landes vergleicht. Die Länder der EU sind sehr unterschiedlich groß. Insofern sollte dies in die Betrachtung ebenfalls mit einfließen. Zwar liegt Deutschland dann immer noch auf Platz eins der Geber-Länder mit 0,59% des BIP. Auf Platz zwei folgen dann aber die Niederlande mit 0,48% des BIP. Auch Schweden und Dänemark liegen in dieser Betrachtung noch vor Frankreich und zahlen insofern gemessen an der Wirtschaftsleitung des Landes netto mehr ein. Auch die Nehmer-Seite verändert sich. In absteigender Reihenfolge sieht die Top 5 der Netto-Empfänger in der EU wie folgt aus: 1. Kroatien (3,03%), Litauen (2,92%), Ungarn (2,79%), Lettland (2,7%), Bulgarien (2,63%).
Die Nettoempfänger und –Zahler der EU im pro Kopf Vergleich
Eine weitere Möglichkeit die Ein- und Auszahlungen zu vergleichen ist der pro Kopf Vergleich. In dieser Betrachtung zahlen Deutsche mit 257 Euro netto gerade mal 4 Euro mehr ein als die Dänen. Schweden liegt mit 240 Euro noch vor den Niederlanden mit 233 Euro und Finnland mit 175 Euro. Das größte Nehmer-Land ist nun Litauen mit 586 Euro pro Kopf. Estland (563 Euro), Lettland (478 Euro), Ungarn (443 Euro) und Griechenland (438 Euro) folgen darauf. Der erstmal unverständliche Abstand zwischen den absoluten Einzahlungen verringert sich in der Detailbetrachtung demnach stark. Es gibt jedoch noch eine Reihe weiterer Argumente, die angeführt werden können, wenn man die Nettoempfänger mit den Nettozahlern, beziehungsweise diese jeweils untereinander vergleicht.
Fazit: Wer profitiert am meisten von der EU? Wer hat den größten Nachteil?
Wie die Bundeszentrale für Politische Bildung hervorhebt, werden die Ausgaben und Einnahmen der Staaten durch eine Vielzahl von Faktoren ungleichmäßig beeinflusst. Beispielsweise führen Küstenländer mit internationalen Häfen, wie die Niederlande, beträchtliche Zolleinnahmen aus importierten Gütern ab, die dann in andere Mitgliedstaaten weitergeleitet werden. Andererseits erhalten Länder wie Belgien Kostenerstattungen für den Sitz großer EU-Organe. Weiterhin handelt es sich bei den betrachteten Zahlen um eine rein buchhalterische Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben bezogen auf den EU-Haushalt. Über die gemeinsame Währungsunion können jedoch unterschiedliche Vorteile aus dem Wechselkurs für die Länder entstehen,- je nachdem, ob sie stärker ex- oder importieren. Deutschland als Exportland profitiert beispielsweise stark von einem schwächeren Eurokurs. Ob über die EU-Mitgliedschaft für einen Staat wie Deutschland mehr Vor- oder Nachteile entstehen, lässt sich mit den reinen Zahlen zu den Nettoempfängern und Geberländern nicht beantworten. So werden in dieser Betrachtung die unterschiedlichen Profite aus dem Euro als Leitwährung, aber auch andere Werte wie die politische Stabilität und Sicherheit, der Binnenmarkt oder der freie Personenverkehr an dieser Stelle außer Acht gelassen. Diese müssen aber unweigerlich in die quantitative, aber auch politische Diskussion miteinbezogen werden, wenn erörtert werden soll, wer den größten Vor- oder Nachteil durch die EU-Mitgliedschaft erhält.
Der große Europa-Vergleich
In unserer Serie vergleichen wir verschiedene europäische Länder hinsichtlich ihrer Lebenserwartung, Durchschnittseinkommen, Geburtenrate, Anzahl der Ferientage und vieles mehr. Im Folgenden finden Sie die bisher veröffentlichten Beiträge unseres umfangreichen Europa-Vergleichs:


