„Es war eine schreckliche Zeit, mir ging es richtig schlecht damals. Zum Glück hatte ich den Hund – mit dem bin ich stundenlang im Wald spazieren gegangen.“ Mit dem Bekenntnis verblüfft Luise (80), die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, Sohn und Schwiegertochter beim Sonntagsbraten. Thema des Tischgesprächs: die bevorstehende Abiturfeier des Enkels – und anschließend der geplante Auszug fürs Studium.
Die robuste und gegen Wehleidigkeit allergische Mutter hatte gelitten, als er auszog? Eine überraschende Erkenntnis für den längst erwachsenen Sohn, der in den 90er-Jahren mit Anfang 20 aus dem Rheinland nach Berlin und später nach Erkner gezogen ist. Er hatte immer angenommen, die Mutter sei froh gewesen, dass nach der älteren Schwester nun auch er das Haus verließ und der Hausfrau mehr Zeit für eigene Interessen blieb. „All die Jahre hat man sich um euch gekümmert und dann geht ihr weg und das Haus ist leer“, erinnert die sich fast 30 Jahre später. „Das war so schlimm, ich war fast neidisch auf meine kinderlose Freundin, die das nicht durchmachen muss.“

Der Auszug der Kinder lässt keinen kalt

Das Thema Auszug der Kinder lässt wahrscheinlich kein Elternteil ganz kalt. Plötzlich ist das Kinderzimmer leer, keiner ist da, wenn man nach Hause kommt, man stellt nur noch zwei (oder einen) Teller auf den Tisch und hat plötzlich viel mehr Zeit! Ein Zustand, der ganz unterschiedliche Gefühle auslösen kann – Einsamkeit, Trauer, Verwirrung oder auch Aufatmen und Erleichterung, gerne auch alles gemischt. „Empty Nest“ (Leeres Nest) heißt diese Phase unter Therapeuten, erfasst unter dem klinischen Diagnose-Code „Z60.0“.
Nun muss natürlich nicht jeder in psychologische Behandlung, nur weil das letzte oder einzige Kind das Haus verlässt. In der Regel ist das keine Krankheit, sondern ein normales Lebensereignis. Die Krankenkasse AOK formuliert: „Die Trauerphasen nach dem Auszug sind zeitlich begrenzt und sollten auf keinen Fall dramatisiert werden. Eine Trennung im eigentlichen Sinne findet ja auch nicht statt, es ist mehr ein Abschied von der Selbstverständlichkeit, gemeinsam Zeit zu verbringen.“

Den Begriff erfand die Pharmaindustrie

Diese Einschätzung galt nicht immer – den Begriff „Empty-Nest-Syndrom“ erfand in den 1970er-Jahren die Pharmaindustrie in den USA, übertrieb die negativen Auswirkungen, und empfahl Müttern Psychopharmaka und Antidepressiva zur Bekämpfung von Symptomen wie Depressionen und Schlafstörungen; der Song der Rolling Stones „Mother‘s Little Helper“ (1966) spielt darauf an.
Heute wird dieses Phänomen in der psychologischen Praxis als „Anpassungsproblem an die Übergangsphasen im Lebenszyklus“ diagnostiziert. Das heißt konkret: Behandlungsbedürftig ist nicht, wer phasenweise traurig ist – das ist ganz normal – sondern nur, wer diese Veränderung seines Alltags nicht akzeptieren lernt. Zwischen Vätern und Müttern gibt es laut einer empirischen Studie der Universität Mannheim von 1997 keinen großen Unterschied – Männer sind genauso traurig, auch wenn sie es teilweise weniger zeigen.
Eine statistisch belegte Gefahr birgt diese Zeit aber tatsächlich: Der Eintritt in die „Empty Nest“-Phase erhöht das Trennungsrisiko der Eltern, das zeigt eine Studie der Universität Heidelberg.

Plötzlich ist ein Zimmer übrig

Auf jeden Fall eine bewegte Zeit mit vielen Gefühlen; „ein großer struktureller Einschnitt in der Familie, der Eltern stark beschäftigen kann“, so die AOK. Intensiv mit dieser Phase beschäftigt sich das Sachbuch „Empty Nest. Wenn die Kinder ausziehen“ von Adelheid Müller-Lissner. Die Berliner Journalistin und Autorin mehrerer Bücher über Pädagogik hat dafür mit Psychologen und Paartherapeuten gesprochen, Mütter und Väter – Paare wie Alleinerziehende – befragt und lässt zudem Fachleute ganz unterschiedlicher Disziplinen zu Wort kommen: von Soziologen, Ethnologen und Philosophen bis zu einer Vogelkundlerin. Und sie hat auch eine eigene Geschichte zu dem Thema: drei Töchter, sechs Enkelkinder.

Das Thema hat viele Ebenen

Es geht mal um den weiten Blick aufs Leben, wenn der Philosoph (und Vater) Wilhelm Schmid konstatiert: „Es ist die Leistung der Eltern, zwischen den Kindern und dem Tod zu stehen“. Aber auch ganz konkret um den Umgang mit dem frei werdenden Platz – die Autorin erzählt von einer Mutter, die auszog und den erwachsenen Kindern das Haus überließ, also selbst das Nest räumte. Und von anderen Eltern, die das Zimmer erst mal unangetastet lassen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen; in einem Extremfall gar jahrzehntelang. Der Mix aus Interviews mit ganz unterschiedlichen Elterntypen, Auszügen aus Studien und Gesprächen mit Wissenschaftlern ist gut lesbar, sehr interessant und begleitet Betroffene von den ersten Vorboten der Ablösung bis das kinderfreie Leben zur Gewohnheit geworden ist.

Psychologin rät: Etwas Eigenes finden!

Auch die Potsdamer Psychologin Regina Riedel hat neben einer beruflichen auch eine private Perspektive auf das Thema. Ihr Rat: Sich um etwas Eigenes kümmern. Die Paar-Beziehung pflegen (wenn man eine hat). Und früh anfangen! Sie erwischte es eines Tages zufällig, als sie berufsbedingt einen Fragebogen ausfüllte, der die Spalte „Hobbys“ enthielt. Ihre Kinder waren noch kleiner und sie habe gar keine Zeit für ein Hobby gehabt, erinnert sie sich. „Aber die Frage ließ mir keine Ruhe“, erzählt sie – und sie habe schließlich angefangen, ein Musikinstrument zu lernen.
Insgesamt decken sich ihre Erfahrungen mit dem Tenor des Sammelbands „Empty Nest“: Vielen heutigen Eltern wird die Umstellung eher leichter fallen als der 80-jährigen Luise. Frauen haben vermehrt eine berufliche Identität, man antizipiert das Thema im Voraus, auch helfen Handy, Laptop & Co. beim Kontakt-Halten mit den großen Kindern. Wer in dieser Phase Unterstützung sucht: Es gibt etliche Ratgeber zum Thema und in Berlin auch eine Selbsthilfegruppe, allerdings nur für Mütter („Empty Nest Moms“).
Familien aufgepasst! Der Countdown läuft... Jetzt noch bis zum 10.7.2022 mitmachen.Was zählt, ist Ihre Meinung! Wie familienfreundlich ist Brandenburg? Wie gut sind die Schulen, wie kindersicher die Straßen? Und wie sehen die Brandenburgerinnen und Brandenburger die Zukunftschancen ihrer Kinder in der Region? Zum Dank für die Teilnahme haben Sie die Möglichkeit, an einer Verlosung teilzunehmen.

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Worum geht es? Der Familienkompass ist eine landesweite Umfrage zur Kinder- und Familienfreundlichkeit in Brandenburg. Er ist ein gemeinsames Projekt von Märkischer Oderzeitung, Lausitzer Rundschau und Märkischer Allgemeine in Kooperation mit der Evangelischen Hochschule Dresden.
Warum mitmachen? Mit jedem beantworteten Fragebogen helfen Sie mit, die Familien- und Kinderfreundlichkeit in Ihrem Wohnort zu verbessern. Wir konfrontieren Politik und Verwaltung mit den Ergebnissen und berichten detailliert zur Situation in den Kommunen.
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Buchtipp

Buch zum Thema: Adelheid Müller-Lissner, „Empty Nest“, Ch. Links Verlag, 208 Seiten, 18 Euro
Selbsthilfegruppe Berlin: enmoms.de