Weihnachten in Sachsen: Das Räuchermännchen bekommt eine Frau

Dr. Melanie Hühn von der Technischen Universität Chemnitz präsentiert die Räucherfiguren „Burning Gender“ (l) und „Empowerella“. Das vom Kulturhauptstadt-Fonds der TU Chemnitz geförderte Projekt „The Smoking Chemnitzer:in“ erforschte unter ihrer Leitung die Tradition von Räuchermännchen aus dem Erzgebirge und rückte gleichzeitig neue Räucherfiguren aus Sachsen in den Fokus.
Hendrik Schmidt/dpaFür Chemnitzer Studenten ist das ganze Jahr Weihnachten. Bei der Kultfigur Räuchermännchen mischen sie jetzt Gepflogenheiten des Erzgebirges auf, schicken sich an, mit einer rebellischen Rockerin und einer Regenbogenfahne die Dominanz qualmender Räuchermänner im Adventsregal zu brechen. Können sie Erfolg haben, eine Lanze brechen – für eine adäquate Frauenquote, für Diversität und Vielfalt im traditionellen Handwerk?
Prototypen der von ihnen völlig neu gedachten Räucherfiguren sind fertig und werden als Ergebnis eines einjährigen Forschungsseminars des Masterstudiengangs Interkulturelle Kommunikation/Kompetenz der Öffentlichkeit präsentiert, bestätigt Dr. Melanie Hühn von der Technischen Universität (TU) Chemnitz auf Nachfrage.
Studenten entdecken in Chemnitz Vorbilder für neue Figuren
Einige Studierende, informiert Hühn, haben sich in der angehenden europäischen Kulturhauptstadt 2025, in der Universitätsstadt Chemnitz, aufmerksam umgeschaut und erkannt: Viele Bewohner haben höhere Lebensjahre erreicht, weshalb viel Pflegepersonal im Ort unterwegs sei.
„Meine Studenten haben gesehen, dass vor allem junge Frauen aus Vietnam nach Chemnitz kommen, um den Beruf zu erlernen und dann bei Pflegediensten zu arbeiten.“ Die Stadt habe dafür auch Kooperationen mit dem asiatischen Land geschlossen. Grund genug, so Hühn, eine „vietnamesische Pflegefachfrau“ in die Räucher-Kollektion aufzunehmen.

Melanie Hühn von der Technischen Universität Chemnitz präsentiert „Die vietnamesische Pflegefachfrau“, eine von Studenten neu entwickelte Räucherfigur.
Hendrik Schmidt/dpaRegenbogenfahne als Accessoire
Eine andere Gruppe Studierender brachte eine „kritische Professorin“ aufs Tableau – als Verweis auf noch immer unterrepräsentierte Wissenschaftlerinnen in der Bildungslandschaft, ein drittes Team widmete sich queeren Personen. Und erkannte: Homosexuelle und Transsexuelle sind in Chemnitz massiven Anfeindungen ausgesetzt. In der Öffentlichkeit kursieren zudem teils verstörende Bilder von ihnen. Um diesen diskriminierenden Vorstellungen etwas entgegenzusetzen, wurde eine Figur entworfen, der man das Geschlecht nicht ansieht, „Burning Gender“ getauft.

Die Räucherfigur „Burning Gender“ wurde bereits in Chemnitz präsentiert und gehört zu dem vom Kulturhauptstadt-Fonds der TU Chemnitz geförderte Projekt „The Smoking Chemnitzer:in“ .
Hendrik Schmidt/dpaBei ersten öffentlichen Präsentationen erwies sich „Empowerella“ als Hingucker: Eine blonde Musikerin mit Gitarre auf dem Rücken, an einem bunten Schornstein lehnend. Die Figur nimmt Bezug auf Sängerin Nina Kummer von der Indie-Pop-Band „Blond“. Sie steht als Symbol dafür, dass Chemnitz deutschlandweit für seine junge Musikszene bekannt ist. Und greift auf, dass Bands der Sachsenmetropole besingen, wie Frauen in der Musikwelt diskriminiert werden und mit sexueller Belästigung kämpfen.

Melanie Hühn von der TU Chemnitz lässt einen regenbogenbunten Schornstein neben der Räucherfrau „Empowerella“ rauchen. Die lebensbejahende Figur hat die Musikerin Nina Kummer von der Indie-Pop-Band „Blond“ als Vorbild.
Hendrik Schmidt/dpaUnd was soll aus den neu entworfenen Teilen werden? „Vielleicht findet sich ja eine Manufaktur im Erzgebirge, die Interesse hat, sie in Serie zu produzieren“, wünscht sich Hühn. Dann könnten sie nächstes Jahr, – wenn Chemnitz und die Region als Kulturhauptstadt Europas Gäste aus dem In- und Ausland anlockt – Besuchern als Andenken dienen, so die Hoffnung.
Das Interesse an den Figuren ist zumindest schon mal groß. Präsentationen zogen reichlich Besucher an. Melanie Hühn resümiert: „Unser Publikum ist sehr durchmischt: Junge Menschen, Familien, ältere Besucher, internationale Studierende, die so das erste Mal mit dem regionalen Kunsthandwerk in Berührung kommen und Räucherfiguren davor gar nicht kannten.“
Räuchermänner als Studienthema? Ja, betont Melanie Hühn und erklärt: Interkulturelle Kommunikation als kulturwissenschaftlicher Studiengang setze sich eben auch mit regionaler Kultur auseinander. In ihrem Masterseminar an der TU Chemnitz verknüpft sie mit ihren Studenten Tradition, Gender, Stereotype. Die neuen Räucherfiguren entstanden peu à peu in Lehrveranstaltungen, auch außerhalb von Hörsälen und Seminarräumen: bei Exkursionen zu Kunsthandwerkern, in Werkstätten und Museen.
Klimakleber und Kiffer im Repertoire
Vor Ort lösten die Gedankengänge der jungen Leute auch Nachdenken aus: Queere Räucherfiguren seien ihm bisher nicht bekannt, gesteht Frederic Günther, Geschäftsführer des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller. Doch sei es für Verbandsmitglieder en vogue, gesellschaftliche Veränderungen aufzugreifen, sich augenzwinkernd mit Autoritäten auseinanderzusetzen: Chefvirologe Christian Drosten beispielsweise entstand in Coronazeiten als dampfendes Holzmännlein. Aktuell seien Klimakleber und Kiffer im Repertoire.

Ein Räuchermann aus der Werkstatt Tino Günther in Seiffen zeigt den Charité-Virologen Christian Drosten, dem der Kopf raucht.
Hendrik Schmidt/dpaDoch warum gibt es eigentlich weniger Räucherfrauen als -männer? Viele Figuren stellen männerdominierte Berufe dar – Förster, Jäger oder Bergmann, antwortet Melanie Hühn. Und Pfeife rauchen, ist eben typisch männlich. Frederic Günther kennt noch einen weiteren – wirtschaftlichen – Grund: Räuchermänner sind noch immer stärker nachgefragt als deren weibliches Pendant.

Traditionelles Räucherfiguren-Paar aus dem Erzgebirge. Der Mann trägt eine Chefkoch-Mütze und die Frau steht - wie anno dunnemals - mit Kopftuch und Kittelschürze am Kochtopf.
Kerstin SchreiberRäuchermann: Tradition mit praktischem Zweck
Das Räuchermännchen, das um 1830 entstand, wurde ein fester Bestandteil der vorweihnachtlichen Bräuche im Erzgebirge. Anfangs diente die Holzfigur dazu, Räucherwerk wie Weihrauch abzudecken. Dieses Räucherharz erinnerte an die Gaben der Heiligen Drei Könige, die dem Jesuskind wertvollen Duft als Geschenk brachten.


