„Ich wollte einen Haken dran machen“
: Wie ein Mann aus seinem Haarausfall eine Bewegung für Glatzenträger machte

InterviewBetter-Be-Bold-Gründer Dennis Baltzer spricht mit uns über Unsicherheit, den mutigen Schritt zur Glatze – und warum beim BOLD INK DAY in Berlin plötzlich Fremde ihre persönlichsten Geschichten teilen.
Von
Judith Müller
Köpenick
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Dennis Baltzer, Gründer von Better Be Bold, setzt sich dafür ein, dass Männer ihren Haarausfall nicht verstecken – sondern selbstbewusst zur Glatze stehen.

Dennis Baltzer, Gründer von Better Be Bold, setzt sich dafür ein, dass Männer ihren Haarausfall nicht verstecken – sondern selbstbewusst zur Glatze stehen.

Christian Irmler

Beim BOLD INK DAY in Berlin-Köpenick trafen sich am 7. März Glatzenträger aus ganz Deutschland – und sogar aus Österreich – um sich Tattoos stechen zu lassen, Geschichten zu teilen und ihre Glatze selbstbewusst zu zeigen. Hinter dem Event steht Dennis Baltzer, Gründer der Glatzenpflege-Marke Better Be Bold.

Vor Ort sprach er darüber, wie sein eigener Haarausfall zur Geschäftsidee wurde, warum viele Männer lange mit der Entscheidung zur Glatze kämpfen – und weshalb echte Begegnungen für ihn wichtiger sind als reine Social-Media-Reichweite.

Vom eigenen Haarausfall zur Geschäftsidee

Die Idee für Better Be Bold begann nicht mit einem Businessplan, sondern mit einem Blick in den Spiegel.

„Mein Ursprungsgedanke hat der Spiegel mir vorgegeben“, erzählt Dennis Baltzer. Wie bei vielen Männern begann auch bei ihm der Haarausfall früh. In seiner Familie war er erblich bedingt – trotzdem traf ihn der Moment, in dem er ihn wirklich bemerkte.

Ein Schlüsselerlebnis hatte er während eines Urlaubs auf Bali. „Ich lag am Strand, meine Haare waren nass, und ich habe ein Foto gesehen. Da habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass dieser Mensch mit Haarausfall auf dem Handtuch ich bin.“

Es folgten vier Jahre voller Unsicherheit. Eine Zeit, in der er überlegte, was sich noch retten lässt – und welche Möglichkeiten es gibt.

Besucher aus ganz Deutschland versammelten sich beim BOLD INK DAY vor dem Tattoo-Studio in Berlin-Köpenick, um kostenlose Tattoos, persönliche Geschichten und die Glatzen-Community zu feiern.

Besucher aus ganz Deutschland versammelten sich beim BOLD INK DAY vor dem Tattoo-Studio in Berlin-Köpenick, um kostenlose Tattoos, persönliche Geschichten und die Glatzen-Community zu feiern.

Christian Irmler

Der Moment, in dem alles anders wurde

Im März 2021 traf Baltzer schließlich eine Entscheidung: Die Haare mussten ab. „Das war eine mutige Entscheidung – aber gleichzeitig ein extrem befreiendes Gefühl.“

Mit der Glatze kam auch eine neue Perspektive auf das Thema Hautpflege. Denn plötzlich stellte er fest, dass die Kopfhaut ganz eigene Bedürfnisse hat.

„Die Kopfhaut ist viel sensibler. Irritationen, Rasurbrand, UV-Strahlung, Sonnenbrand – das sind alles Themen, die man mit Haaren vorher gar nicht so wahrnimmt.“

Genau hier entdeckte er eine Marktlücke. Zusammen mit seinem Team gründete er schließlich Better Be Bold, heute ein Familienunternehmen aus Iserlohn im Sauerland, das sich vollständig auf Pflegeprodukte für Glatzen spezialisiert hat.

Einige Besucher ließen sich sogar ein Tattoo auf die Glatze stechen.

Einige Besucher ließen sich sogar ein Tattoo auf die Glatze stechen.

Christian Irmler

Warum viele Männer über Haartransplantationen nachdenken

Bevor er sich endgültig für die Glatze entschied, beschäftigte sich Baltzer – wie viele Betroffene – auch mit anderen Optionen. „Ich glaube, jeder Glatzenträger hat sich irgendwann mal mit dem Thema Haartransplantation beschäftigt“, sagt er offen.

Auch er ließ sich Angebote erstellen und schickte Fotos an Anbieter, um mögliche Behandlungen berechnen zu lassen. Doch die langfristige Perspektive überzeugte ihn nicht.

„Der Haarausfallprozess ist oft erst mit Mitte oder Ende 40 abgeschlossen. Wenn du Anfang 30 transplantierst, kann es sein, dass hinten trotzdem weiter Haare ausfallen.“

Die Vorstellung, dauerhaft mit dieser Unsicherheit zu leben, passte für ihn nicht. „Ich wollte einfach eine Entscheidung treffen und einen Haken dran machen.“

Steht wirklich jedem eine Glatze?

Als Gründer einer Glatzenpflege-Marke könnte Baltzer natürlich behaupten, dass eine Glatze immer gut aussieht. Ganz so einfach macht er es sich aber nicht. „Es wäre romantisiert zu sagen: Jeder sieht mit Glatze toll aus.“

Faktoren wie Kopfform oder Bartwuchs können eine Rolle spielen. Ein etwas ovalerer Kopf oder ein Bart können das Gesamtbild harmonischer wirken lassen. Trotzdem betont er, dass es keine festen Regeln gibt.

„Ich kenne auch viele Leute mit rundem Kopf und ohne Bart, denen es trotzdem steht.“ Am Ende gehe es weniger um perfekte Proportionen – sondern um Selbstbewusstsein.

BOLD INK DAY: Wenn aus Online-Community echte Begegnungen werden

Unter anderem konnte man sich diese tollen Motive stechen lassen.

Unter anderem konnte man sich diese tollen Motive stechen lassen.

Christian Irmler

Der BOLD INK DAY entstand relativ spontan. Die Idee dazu kam erst wenige Monate vor dem Event. „Die Idee ist im Dezember entstanden“, erzählt Baltzer. Nach gemeinsamen Dreharbeiten in Berlin überlegte sein Team, welches Format als nächstes folgen könnte – und kam auf die Idee eines Tattoo-Events für die Community.

Die Resonanz war enorm. Über den Newsletter mit rund 40.000 Abonnenten konnten sich Interessierte für die kostenlosen Tattoos bewerben.

Viele schickten persönliche Geschichten mit – manche davon sehr emotional. „Da hatte man beim Lesen teilweise wirklich ein bisschen Pipi in den Augen.“

Am Ende wurden 50 Tattoo-Plätze vergeben: Ein Teil ging an ausgewählte Bewerber, der Rest wurde spontan vor Ort verteilt.

Gäste aus ganz Deutschland – und darüber hinaus

Dass das Event so viele Menschen anziehen würde, überraschte selbst die Veranstalter. „Es ist wirklich fifty-fifty“, sagt Baltzer. „Die Hälfte kommt aus Berlin, die andere Hälfte von überall.“

Teilnehmer reisten unter anderem aus Nürnberg, Stuttgart, dem Ruhrgebiet – und sogar aus Österreich an. Für ihn zeigt das, wie stark die Community rund um das Thema Glatze inzwischen geworden ist.

Warum echte Begegnungen wichtiger sind als Social Media

Better Be Bold ist stark digital aufgestellt. Viele Menschen kennen die Marke über Videos und Social Media. Gerade deshalb war der persönliche Austausch beim Event für Baltzer besonders.

„Viele Leute kommen hierher und sagen: Ich schaue deine Videos seit fünf Jahren.“ Doch erst im direkten Gespräch werden aus Followern echte Menschen mit Geschichten. „Das echte Leben findet hier statt. Es ist nicht alles nur Internet“, sagt Dennis Baltzer.

Für ihn war genau das der wichtigste Moment des Tages. „Allein dafür hat sich das Event schon gelohnt.“

Dennis Baltzer bekommt auch selbst ein Tattoo. Social-Media-Manager Chris Büchler hält ihm die Hand.

Dennis Baltzer bekommt auch selbst ein Tattoo. Social-Media-Manager Chris Büchler hält ihm die Hand.

Christian Irmler

Sein Rat an Männer mit Haarausfall

Zum Schluss hat Baltzer noch einen Tipp für alle, die gerade überlegen, ob sie ihre Haare rasieren sollen. „Vielleicht dem Ganzen einfach mal eine Chance geben.“

Heute gebe es sogar Apps und Filter, mit denen man ausprobieren kann, wie man mit Glatze aussehen könnte. Der bekannte Glatzen-Filter auf TikTok sei dafür überraschend realistisch.

Wichtig sei aber vor allem eines: sich nicht unter Druck setzen zu lassen. „Es gibt viele Optionen – Transplantation, Glatze oder einfach noch warten.“

Und selbst wenn man sich für die Rasur entscheidet, sei das kein endgültiger Schritt. „Glatze hat den Vorteil: Es wächst relativ schnell wieder nach.“ Oder wie er es mit einem Augenzwinkern formuliert: „Und wenn es gar nichts ist – Foot Locker verkauft auch ziemlich gute Kappen.“