Klimawandel: In Zukunft noch heißer
Aller Voraussicht nach wird Mittwoch der bislang wärmste Tag des Jahres, Werte bis zu 40 Grad könnte Hoch „Ulla“ Deutschland bescheren. Nachts seien sogar 23 bis 25 Grad möglich, sagt der Deutsche Wetterdienst (DWD) voraus.
Während sich Experten sonst gerne zurückhalten, was den Einfluss des Klimawandels auf Extremwetter angeht, sind sich diesmal viele Forscher sicher, dass die Hitzewelle nicht ohne den Einfluss der Klimakatastrophe betrachtet werden kann. „Die heißesten Sommer in Europa seit dem Jahr 1500 ereigneten sich alle seit der Jahrhundertwende“, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung: 2018, 2016, 2010, 2003 und 2002. „Diese Zunahme der Hitzeextreme entspricht genau dem, was von der Klimawissenschaft als eine Folge der Erdewärmung vorhersagt wurde“, sagt er.
So sind die Temperaturen für diesen frühen Zeitpunkt im Sommer ungewöhnlich hoch. Nicht nur der 1947 in Frankfurt am Main gemessene Junirekord von 38,2 Grad wird heute höchstwahrscheinlich eingestellt. Sogar der Allzeit-Hitzerekord in Deutschland könnte geknackt werden. Den hält Kitzingen in Bayern: Sowohl am 5. Juli als auch am 7. August 2015 registrierte der DWD dort 40,3 Grad. „Es liegt im Bereich des Möglichen, dass auch dieser Rekord übertroffen wird“, sagt der DWD-Meteorologe Andreas Friedrich.
Verantwortlich für die Hitze ist ein Zusammenspiel des Hochs „Ulla“ über der Ostsee mit dem Atlantiktief „Nasir“. Nasir saugt Luft über der Sahara an und schiebt diese über Spanien nach Norden, wo dann Ulla ins Spiel kommt. Durch die Luftdruckunterschiede zwischen den beiden entsteht eine überdimensionale Autobahn für heiße Wüstenluft. Aber was hat das nun mit dem Klimawandel zu tun?
Häufigeres „Blockadewetter“
„Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Hitzewellen viel intensiver und heißer werden, einfach dadurch, dass die Temperatur generell angestiegen ist“, erklärt Klimaforscher Christian Franzke von der Uni Hamburg. Das ist jedoch nicht alles. Durch die Erderwärmung könnten die für das Wetter zentralen Luftströme wie der Jetstream gestört werden. Dadurch könnte häufiger „Blockadewetter“ herrschen, das sich über längere Zeit hinweg nicht ändert. Schon der Dürresommer des vergangenen Sommers kam dadurch zustande, und auch derzeit herrscht laut DWD wieder eine solch eingefahrene Wetterlage.
Die entsteht dadurch, dass sich die Arktis seit längerem stärker aufheizt als der Rest der Erde. Das senkt die Temperaturdifferenzen zwischen Nordpol und Tropen, die den Jetstream eigentlich antreiben. Der normalerweise etwa 500 Stundenkilometer schnelle Luftstrom wird dadurch langsamer und treibt Wetterlagen nicht mehr weiter voran.
Hinzu kommt der vielerorts trockene Boden. „Für die Intensität von Hitzewellen ist auch der Feuchtegehalt des Bodens von großer Bedeutung“, sagt Franzke. „Sehr trockene Böden führen zu viel stärkeren Hitzewellen.“
Deutschland zweigeteilt
Tatsächlich ist Deutschland in Sachen Trockenheit momentan zweigeteilt. Während es in der Südhälfte nur wenig Probleme damit gibt, fehlt im Norden Wasser im Boden, geht aus einer aktuellen Untersuchung des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) hervor. Bauernpräsident Joachim Ruckwied äußerte sich deswegen bereits besorgt über das „Wasserdefizit“ in deutschen Böden, das vielerorts im Winter nicht aufgefüllt wurde. Bis zu 25 Zentimeter tief herrscht Trockenheit. „Sollte jetzt eine längere Hitzeperiode eintreten, trifft es uns hart“, so Ruckwied.
Wird nichts gegen die Erderwärmung unternommen, spricht allerdings vieles dafür, dass die Bauern sich in Zukunft öfter auf längere Hitzephasen einstellen müssen. „Wenn Bodenfeuchte-Rückkopplungen wirklich relevant sind, könnte ich mir gut vorstellen, dass dadurch Hitzewellen von diesem Typ in Zukunft länger werden“, sagt Douglas Maraun, Klimaforscher der Uni Graz voraus. Auf lange Sicht würden die zudem noch heißer werden. „Sollten wir jetzt die 40-Grad-Marke knacken, würden wir in 100 Jahren vielleicht die 45- oder die 46-Grad-Marke knacken“, so Maraun.
"Von Ort zu Ort verschieden"
Ist dasjetzt Wetter oder Klimawandel? Die deutsche Oxford-Physikerin Friederike Otto hat sich auf die Frage spezialisiert, ob Extremwetter durch die Erderwärmung wahrscheinlicher werden. Als Kopf einer neuen Forschungsrichtung findet sie damit weltweit Beachtung.
Frau Otto, diese Woche könnten die Temperaturen mancherorts 40 Grad erreichen. Ein gewöhnliches Wetterphänomen oder der Klimawandel? Friederike Otto: Extremereignisse haben immer mehr als eine Ursache. Aber bei Hitzewellen spielt in Europa der Klimawandel inzwischen immer eine Rolle. Wie groß diese ist, ist je nach Ort unterschiedlich. Für diese Woche arbeiten wir an einer Studie, die kommenden Montag veröffentlicht wird.
Wie können sie das berechnen?Anhand von Beobachtungsdaten und Computersimulationen untersuchen wir, welches Wetter wir am jeweiligen Ort in einer Welt mit und einer ohne Treibhausgase in der Atmosphäre hätten. Wir konnten zum Beispiel herausfinden, dass mit einer Hitzewelle wie im vergangenen Jahr in Kopenhagen etwa alle sieben Jahre gerechnet werden muss, während sie in einer Welt ohne Klimawandel nur einmal in 35 Jahren zu erwarten war.
Was ist neu an diesem Ansatz?Wir wissen bereits, dass sich mit einem Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur die Wahrscheinlichkeit extremer Hitzewellen und starker Regenfälle im Schnitt erhöht. Was wir aber erst langsam herausfinden ist, was das jeweils vor Ort bedeutet. So hat die Wahrscheinlichkeit, dass im mediterranen Raum Hitzewellen auftreten, seit Beginn der Industrialisierung sogar um das Hundertfache zugenommen, wohingegen sie sich anderswo in Europa nur verdoppelt hat.
Wie oft haben Extremwetter nichts mit dem Klimawandel zu tun?Bei Hitzewellen sehr selten. Aber die Temperaturen, die wir gerade etwa in Indien erlebt haben, sind durch den Klimawandel noch nicht wahrscheinlicher geworden. Andere Treiber des Klimasystems, insbesondere die Luftverschmutzung durch kleine Partikel, die die Sonneneinstrahlung reflektieren, sowie ein Anstieg der Bewässerung, haben dem Temperaturanstieg stark entgegenwirkt. Es ist eben je nach Ort, Ereignis und Jahreszeit sehr unterschiedlich, wieviel Einfluss der Klimawandel auf unser Wetter hat.
Aber der Trend geht global in eine Richtung?Auf jeden Fall. Am deutlichsten merkt man das hierzulande aber im Winter. Es gibt deutlich weniger Frosttage, als unsere Elterngeneration noch erlebt hat.⇥⇥Igor Steinle



