Knigge-Interview: Der Handschlag kommt nach der Corona-Pandemie wieder

Moritz Freiherr Knigge ist Redner und Autor, der über den besseren Umgang miteinander spricht.
Michael SchellbergHerr Knigge, warum glauben Menschen überhaupt, dass es Verhaltensregeln gibt?
Erstmal weil es uns ständig gesagt wird. Entweder im Rahmen unserer Erziehung, weil unsere Bezugspersonen das sagen. Oder es wird uns gesagt, wenn wir vermeintlich diese Regeln brechen. Dann werden wir darauf hingewiesen.
Sind Sie gegen solche Regeln?
Ich bin kein Gegner der Regeln. Dann wäre ich ja gegen etwas, was ich überhaupt nicht verhindern kann. Ich sehe nur eine Problematik darin, dass es nie komplett funktionieren wird, weil nie alle Menschen an Bord sind. Es gibt keine absolute Einigkeit, auch nicht dort, wo wir meinen, eine Einigkeit zu haben, zum Beispiel der Frage, ob Respekt im gemeinsamen Leben wichtig ist. Wir müssten uns zunächst darüber einigen, was wir unter Respekt verstehen. Ich habe einen „adeligen“ Hintergrund und habe gelernt, in einem gewissen Umfeld Damen einen Handkuss zu geben. Aber wie viel Prozent der Menschen haben das gelernt? Wenn wir beide uns persönlich treffen würden, uns noch nie zuvor gesehen hätten und ich würde Ihnen einen Handkuss geben – dann wären Sie doch erstmal verdattert.
Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in unserem Corona-Blog.
Ja, wahrscheinlich schon.
Und das sehe ich als meine Verantwortung, das vorher zu wissen. Deswegen würde ich das gar nicht erst versuchen – nicht, weil ich Sie nicht respektiere, sondern weil ich mir relativ sicher bin, dass Sie das komisch finden. Aber wenn ich auf einer Veranstaltung von guten Freunden meiner Eltern bin, dann weiß ich, dass das passt und das auch gerne entgegengenommen wird. Also vertrete ich die Grundregel, dass man sich angemessen verhalten soll. Das halte ich für sehr höflich.
Was sagen Sie denjenigen, die klare Regeln wollen?
Wir sollten aufhören immer nur den anderen verantwortlich zu machen, sondern sollten uns lieber mit dem beschäftigen, das wir wirklich in der Hand haben: nämlich uns selbst. Es bringt uns nicht weiter, wenn wir die anderen immer nur auf ihr Fehlverhalten hinweisen.
Und das Zweite: Wir sollten an uns selbst höchste Ansprüche stellen – bei möglichst großer Toleranz dem anderen gegenüber. Also nicht so hart sein in der Wertung. Ich finde schon erstaunlich, dass wir Handlungen von Menschen als persönlichen Angriff werten, obwohl wir diese Personen nie zuvor gesehen haben.
Manche werten es gerade als persönlichen Angriff, wenn das Gegenüber keinen Mund-Nasen-Schutz trägt.
Tatsächlich ja, die Pandemie verstärkt das. Wir sollten nicht unterschätzen, was Furcht und Ängstlichkeit mit Menschen machen. Das Aufkommen der Rechtspopulisten hat viel mit Angst zu tun. Ich glaube, Gelassenheit ist die Basis für vernünftiges Handeln. Unsere Emotionen gegenüber anderen stehen uns zu oft im Weg.
Wird das Befolgen der Corona-Regeln mit der Zeit einfacher?
Es wird gelernt. Dinge, die immer selbstverständlich waren, werden jetzt plötzlich in Frage gestellt. Bei der letzten Veranstaltung, kurz vor dem Lockdown, hatte ich lange überlegt, ob ich andere mit Handschlag begrüßen soll oder nicht. Aber dann haben sich alle so selbstverständlich die Hand gegeben, dass ich mitgemacht habe.
Und jetzt ist der Handschlag verpönt.
Ist er. Es gibt auch Gründe dafür. Ich find’s schade.
Haben Sie schon Ersatz für diese Grußform gefunden?
Ich setze auf das Verbalisieren. Viel reden, freundlich reden, höflich reden. Tatsächlich ist es aber schwer, wenn die Maske getragen wird. Man sieht die Menschen nicht, man sieht das Lächeln nicht. Dabei ist Lächeln etwas ganz Wichtiges. Dass das durch die Maske wegfällt, ist ein harter Einschnitt. Ich finde übrigens dieses verkrampfte Ellbogen aneinander drücken oder Füße aneinander tippen, als zu sehr gewollt. Vielleicht bin ich da auch ungerecht.
Werden die Erfahrungen während der Corona-Pandemie auch in Zukunft unser Miteinander prägen?
Ich glaube wir gehen, wenn die Pandemie vorbei ist, sofort zum Alten zurück.
Kommt dann auch der Handschlag wieder?
Ja, ganz bestimmt. Also der Reflex zum Handschlag ist bei mir noch massiv vorhanden. Und für Menschen, die fremde Hände eklig finden, hatte ich in meinen Vorträgen immer einen pampigen Satz: Augen zu und durch.
Wir haben in der Pandemie auch viel Nützliches gelernt. Videokonferenzen zum Beispiel. Doch bin ich gespannt, ob Leute, die früher mit einer Erkältung oder Grippe noch ins Büro gegangen sind, das weiterhin tun werden. Ich vermute, das wird weniger der Fall sein. Wir werden die positiven Dinge mitnehmen aus dem ganzen Schlechten.
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Autor und Redner
Moritz Freiherr Knigge, 1968 geboren, ist auf dem Rittergut Bredenbeck aufgewachsen, wie sein berühmter Vorfahre Adolph Freiherr Knigge auch. Der legendäre Knigge schrieb 1788 "Über den Umgang mit Menschen". Das Buch hat Generationen geprägt. Wenn keine Pandemie ist, tritt Moritz Freiherr Knigge als Redner auf. www.freiherr-knigge.de⇥wal