Leitartikel: zum Thema Empörung - Dialogform Geschrei

Guido Bohsem
Thomas Koehler/photothek.netLeider hat der digitale Krawall als Form der Auseinandersetzung bereits in der realen Welt Fuß gefasst – hierzulande noch recht verhalten, in den USA dafür umso mehr, was auch daran liegt, dass der dortige Präsident gleichzeitig die Verkörperung und das Produkt der pöbelnd-schreienden Twitter-Welt ist.
Doch auch in Deutschland schwappt die Empörung immer öfter über in die reale Welt: Ein Lebensmittelhersteller benennt eine Sauce um, der Auftritt einer umstrittenen Kabarettistin wird abgeblasen, Berlins Bürgermeister sagt (im Spaß), er wolle Bundesbauminister werden, ein Kinderchor im WDR singt ein Spottlied über eine umweltschädigende Oma im Hühnerstall, Greta sitzt im ICE auf dem Boden, manche wollen Denkmäler abreißen, andere wollen sie auf jeden Fall stehen lassen und die Mohrenstraße in Berlin heißt immer noch nicht Möhrenstraße.
Über jeden dieser Fälle und über noch viele mehr kann man leidenschaftlich diskutieren und auch mit Wonne anderer Meinung sein. Was zunehmend irritiert, ist das Ausmaß der Empörung, mit der über diese Themen gestritten wird. Insbesondere auf Twitter, aber längst nicht nur dort hat man das Gefühl, dass die Diskutanten jedes Wort gezielt auf die falsche Seite der Waage legen, das Schlechteste unterstellen und dabei vor allem auf den Applaus des krawalligen Publikums abzielen. Bezeichnenderweise fürchten dabei alle quasi ständig um die Meinungsfreiheit. Die eigene, versteht sich.
Tatsächlich hat das Internet den Menschen eine bis dato unbekannte Möglichkeit geschenkt, ihre Meinungen in ihren Worten mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Schade, dass das Geschrei dabei zur bevorzugten Form des Dialogs geworden ist. Die neue Öffentlichkeit verlangt aber genau das Gegenteil, nämlich eine umso größere Toleranz. Wer eine Meinung in die Öffentlichkeit stellt, muss damit rechnen, dass ihr widersprochen wird. Wer dabei Blödsinn verzapft, darf sich nicht wundern, scharf korrigiert zu werden. Niemand sollte annehmen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Manche scheinbar unumstößlichen Erkenntnisse unterliegen der Mode der Zeit.
Wer auf permanente Auseinandersetzungen keine Lust hat, meldet sich aus den sozialen Netzwerken einfach ab. Twitter, Facebook und Co. sind zwar eine Öffentlichkeit, jedoch letztlich nur eine sehr kleine, sehr aufgeregte. Wer solche Umgangsformen nicht will, sollte sich das nächste Mal also gut überlegen, ob er sich wirklich empören muss – und vor allem wie.
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