Delta Variante in BW
: Delta auf dem Vormarsch – Kretschmann warnt vor neuer Variante - Dennoch Lockerungen in der Corona-Verordnung

Der Sommer ist da, die Menschen strömen in die Restaurants, die Geschäfte, zum Fußball schauen. Keine Lust mehr auf Lockdown. Aber die Lage kann sich schnell wieder ändern.
Von
Alexander Kern mit Agenturen
Stuttgart
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Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, nimmt an einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) teil. (zu dpa «Tage der Entscheidung: Kretschmann und die Spitzenkandidatur» vom 31.08.2019) +++ dpa-Bild

Marijan Murat/dpa
  • Die Inzidenzwerte in Baden-Württemberg sinken
  • In ganz Deutschland sinken die Coronazahlen und es komm zu Lockerungen der Corona-Regeln
  • Die Delta-Variante des Coronavirus breitet sich im Südwesten jedoch rasant aus
  • Wie reagiert die Politik?

Vor dem Hintergrund der Ausbreitung gefährlicher Virus-Varianten hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor neuen Einschränkungen im Kampf gegen Corona gewarnt. Nur wenn die sogenannte 7-Tage-Inzidenz stabil bleibe oder sinke, könne man an den Lockerungen festhalten, sagte er am Dienstag in Stuttgart. Sollte die Inzidenz in Baden-Württemberg wieder steigen, werde die Landesregierung nicht warten. Besonders die ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus müsse beobachtet werden.

Delta-Variante: Impfstoff für Baden-Württemberg – Johnson&Johnson

Das Land Baden-Württemberg will jetzt Extra-Lieferungen an Corona-Impfstoff gezielt an die Kreise verteilen, in denen bisher Corona-Fälle mit der Delta-Variante nachgewiesen wurden. Es handelt sich bei der Lieferung um den Impfdosen von Johnson & Johnson – denn hier ist nur eine Impfung für den vollständigen Schutz nötig. Welcher Landkreis bekommt wie viele Extra-Dosen an Corona-Impdstoff? Infos im folgenden Artikel:

Corona Schule BW: Wie geht es mit der Maskenpflicht weiter?

Der Regierungschef nannte etwa die Maskenpflicht an Schulen als eine wichtige Stellschraube, die man im Kampf gegen die Pandemie sofort wieder anziehen will, sobald die Infektionszahlen steigen. „Wenn der Abschwung gebrochen ist, müssen wir wahrscheinlich speziell bei der Maskenpflicht in Schulen das wieder ändern.“

Dabei können die Schüler gerade erst seit Montag größtenteils auf eine Maske verzichten. Es gilt: Wenn die Inzidenz in einer Region unter 35 liegt – was momentan überall im Land der Fall ist – und es zwei Wochen an der Schule keinen Corona-Fall gab, besteht keine Maskenpflicht in Klassenräumen. Außerhalb der Unterrichtsräume, also zum Beispiel auf Fluren, müssen Schüler und Lehrer aber weiterhin Masken tragen. Die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Freien und auf Schulhöfen entfällt bereits, wenn die Inzidenz unter 50 liegt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW und der Philologenverband halten die Aufhebung der Maskenpflicht in der Klasse für voreilig. „Ja, Maskentragen ist unangenehm, bei längerer Dauer und hohen Temperaturen sogar extrem unangenehm“, betonte der Landesvorsitzende des Philologenverbands, Ralf Scholl. „Aber wenn der Politik sämtliche anderen Schutzmaßnahmen an den Schulen, vor allem die Raumluftfilter, zu teuer sind, ist das Maskentragen die einzig verbleibende, nachweislich wirksame Schutzmaßnahme.“

Kretschmann allerdings sagte am Dienstag zur Forderung nach Luftfilteranlagen: „Das ist nicht das Ei des Kolumbus.“ Mobile Geräte seien zu laut und große Umbaumaßnahmen auch nicht die Lösung. Dabei will der Bund den Einbau von Luftfiltern in Klassenräumen jüngerer Schüler fördern. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte Ende Mai angekündigt, es sollten festinstallierte Filter in Räumen eingebaut werden, in denen unter Zwölfjährige unterrichtet werden, die noch nicht geimpft werden könnten.

Corona-Inzidenz sinkt weiter - Delta-Variante geht leicht zurück

Der Trend bei den Corona-Fallzahlen im Südwesten kennt weiterhin nur eine Richtung. Auch am Freitag ist die Zahl der Ansteckungen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche leicht gesunken. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt nun bei 7,9 nach 8,2 am Vortag, wie das Landesgesundheitsamt am Freitag mitteilte (Stand: 16.00 Uhr). Vor einer Woche hatte sie bei 14,0 gelegen.

Der Anteil der Delta-Variante an allen Infektionsfällen der vergangenen 14 Tage ging ebenfalls sehr leicht zurück von 6,49 auf 6,16 Prozent. Bei weiteren 3,58 Prozent liegt allerdings ein Delta-Verdacht vor. Insgesamt haben sich in Baden-Württemberg bislang 464 Menschen mit dieser als besonders ansteckend geltenden Variante infiziert.

Im Vergleich zum Vortag kamen am Freitag 151 Corona-Neuinfektionen und 26 Todesfälle in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung dazu. Damit sind nun 500.482 Infektionsfälle und 10.221 Todesfälle in Zusammenhang mit dem Virus im Südwesten registriert.

Alle 44 Stadt- und Landkreise liegen bei der Sieben-Tage-Inzidenz unter der Schwelle von 35. Den höchsten Wert weist nach wie vor die Stadt Heilbronn mit einer steigenden Inzidenz von jetzt 27,6 auf. Der niedrigste Wert wurde im Landkreis Freudenstadt mit 0,8 erreicht. Neun Stadt- und Landkreise liegen über einer Inzidenz von 10.

Mehr als die Hälfte der Menschen in Baden-Württemberg sind am 25.06. zum ersten Mal geimpft.

Screenshot Impfdashboard

Mindestens einmal geimpft waren am Freitag (Stand: 8.00 Uhr) 52,5 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg. 33,3 Prozent gelten nach Angaben des Robert Koch-Instituts als vollständig geimpft.

Neue Corona-Regeln in Regionen mit einer Inzidenz unter 10

Vor allem in Regionen mit einer Inzidenz unter 10 will Baden-Württemberg die Regeln für Veranstaltungen, Gastronomie, Kultur, Sport und Handel deutlich lockern. Ein Entwurf von Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) für eine neue Corona-Verordnung wird in der Regierung abgestimmt. Die Verordnung soll gestrafft und vereinfacht werden, sagte Lucha. Die Menschen sollen die Verordnung nicht nur verstehen, sondern auch akzeptieren. Was künftig genau alles erlaubt sein soll, ist noch nicht bekannt. Klar ist: Es wird vier Stufen für Öffnungen geben. Stufe vier gilt bei einer Inzidenz von 100 bis 50, Stufe drei von 50 bis 35, Stufe zwei von 35 bis 10 und Stufe eins für alle Kreise unter 10. Die Mehrheit der Kreise liegt derzeit noch über der 10er-Marke. Die neuen Regeln sollen am Freitag verkündet werden und am 28. Juni in Kraft treten.

Neue Corona-Verordnung BW: Lockerungen der Regeln bei Treffen, Gastronomie, Handel und Sport

Baden-Württemberg lockert trotz der stärkeren Verbreitung der Delta-Variante wegen der stark gesunkenen Infektionszahlen die Corona-Maßnahmen auf breiter Front. In Regionen mit einer Inzidenz von unter 10 dürfen sich von diesem Montag an 25 Menschen aus beliebig vielen Haushalten treffen. Das teilte das Staatsministerium am Freitag in Stuttgart mit. In der Gastronomie, im Einzelhandel, beim Sport sowie in Schwimmbädern und in Freizeitparks fallen bis zu einer Inzidenz von 35 alle Einschränkungen weg.

Corona: Delta-Variante bereitet der Politik Sorgen

Sorgen macht der Politik derzeit vor allem die ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus. Der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler hatte vor kurzem gewarnt, dass sich das Virus durch die zunächst in Indien entdeckte ansteckendere Variante wieder stärker verbreiten könnte. In 18 Stadt- und Landkreisen gebe es Rückmeldungen über Infektionen, sagte Gesundheitsminister Lucha. Allerdings wächst der Anteil der Delta-Variante mit enormer Geschwindigkeit. Der Delta-Anteil an den gefährlichen Varianten wie etwa den in Südafrika oder Großbritannien zuerst aufgetauchten Varianten lag am Montag im Land und mit Blick auf die Fälle in den vergangenen beiden Wochen bei 8,99 Prozent nach 6,73 Prozent am Vortag.

Verschärfung der Corona-Regeln in den Pandemie: Kretschmann rudert zurück

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist nach massiver Kritik an seinem Vorstoß für ein härteres Regime bei Pandemien zurückgerudert. Er bedauere, dass seine Äußerungen in einem Interview zu Missverständnissen geführt hätten, teilte der Grünen-Politiker am Freitag mit. „Im Rechtsstaat gilt immer der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit - und zwar immer und ohne Einschränkung.“ Dieses zentrale Prinzip der Verfassung würde er nie in Frage stellen. „Umso mehr ärgert es mich, dass durch meine Äußerungen offenbar dieser Eindruck entstanden ist.“

Der Ministerpräsident hatte in einem Interview mit „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ (Freitag) vorgeschlagen, harte Eingriffe in die Bürgerfreiheiten zu ermöglichen, um Pandemien schneller in den Griff zu bekommen. „Meine These lautet: Wenn wir frühzeitige Maßnahmen gegen die Pandemie ergreifen können, die sehr hart und womöglich zu diesem Zeitpunkt nicht verhältnismäßig gegenüber den Bürgern sind, dann könnten wir eine Pandemie schnell in die Knie zwingen“, sagte er. Möglicherweise müsse man dafür das Grundgesetz ändern.