Schlaganfall-Therapie
: So sieht die Behandlung aus

Ein Patient aus Dresden erzählt von seinem Schlaganfall und wie die Behandlung und Therapie danach aussahen.
Von
dpa
Dresden
Jetzt in der App anhören
Ein Schild mit der Aufschrift «Notfallzentrum» steht an der Notaufnahme des Klinikum Schwabing. Sepsis gehört neben Herzinfarkt und Schlaganfall zu den Akuterkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit. Zwischen den Jahren 2019 bis 2022 ist die Zahl der Schlaganfallpatienten und Schlaganfallpatientinnen in hessischen Kliniken stetig zurückgegangen. (zu dpa: «Zahl der Krankenhauspatienten mit Schlaganfall rückläufig») +++ dpa-Bildfunk +++

Therapie nach Schlaganfall: Jede Sekunde zählt bei der Behandlung eines Schlaganfalls. Es kann jeden treffen. (Symbolbild)

Lino Mirgeler/dpa
  • Schlaganfall-Patient Sebastian Römisch erzählt von seiner Erfahrung und Behandlung am Uniklinikum Dresden.
  • Jährlich erleiden in Deutschland etwa 270.000 Menschen einen Schlaganfall; schnelle Behandlung ist entscheidend.
  • Römisch erhielt eine Lysetherapie und eine Endovaskuläre Therapie; er empfindet die Behandlung als "Wiedergeburt."
  • Er warnt vor den Risikofaktoren und setzt sich öffentlich für Aufklärung ein.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es gibt Vorboten für einen Schlaganfall, aber manchmal kommt er auch urplötzlich. So wie bei Sebastian Römisch, Solo-Oboist der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Er ist 50 Jahre alt, als ihn am 1. Oktober 2018 der Schlag trifft. „Ich hatte mich am Nachmittag hingelegt, weil ich abends noch in einer „Carmen“-Aufführung spielen sollte. Als meine Frau mich anrief, merkte sie, dass mit meinem Sprechen etwas nicht mehr stimmte“, erinnert sich der Musiker an seinen Schicksalsschlag.

„Ich wollte es erst einmal gar nicht wahrhaben und eigentlich zum Dienst gehen. Doch meine Frau sagte nur: ‚Du machst jetzt gar nichts, jetzt kommt der Rettungswagen‘“, beschreibt Römisch die dramatische Situation. Erst danach habe er gemerkt, dass er seinen linken Arm gar nicht mehr heben konnte. „Ich war halbseitig gelähmt, kam nicht mehr richtig hoch.“ Er habe zwar in etwa gewusst, was ein Herzinfarkt bedeute, aber ein Schlaganfall sei in seinem Alter doch scheinbar weit weg gewesen.

Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde für eine erfolgreiche Behandlung

Was dann geschieht, gehört zur Routine im Neurovaskulären Centrum (DNVC) des Dresdner Universitätsklinikums. In der Rettungsstelle wartet bereits ein interdisziplinäres Team auf den Patienten. Jede Sekunde zählt. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Zeiten so kurz wie möglich zu halten“, sagt Dr. Daniel Kaiser, Vize-Chef des DNVC. „Time is Brain“ lautet die Devise. Denn mit jeder Minute, die ohne Behandlung vergeht, sterben Nervenzellen ab. Das Risiko steigt, dass Sprechen, Sehen, Denken und Bewegen langfristig beeinträchtigt bleiben.

Im Fall von Römisch läuft es fast wie im Lehrbuch. Seine Frau hat die Symptome erkannt und sofort gehandelt. Schnell ist der Patient auf der Station. Eine Computertomographie gibt Aufschluss darüber, wie viel Hirngewebe bereits abgestorben ist und wo sich ein Gerinnsel befinden könnte. Bei 80 Prozent der Schlaganfälle verhindern solche Verschlüsse die Blutzufuhr, in 20 Prozent sind Hirnblutungen die Ursache. Die Mediziner sprechen vom ischämischen und vom hämorrhagischen Schlaganfall.

Studien belegten Erfolg der Endovaskulären Therapie

Jeder Schlaganfall sei im Grunde ein Einzelfall, für den man einen individuellen Therapieplan entwickeln müsse, sagt Volker Pütz, Professor an der Klinik für Neurologie. Bei Römisch folgt als erster Schritt eine Lysetherapie. Über die Venen gelangt ein Medikament in den Körper, das das Blutgerinnsel wieder auflösen soll. Wenn das verschlossene Gefäß im Kopf über die Blutgefäße erreichbar ist, lässt sich das Gerinnsel mechanisch entfernen. Die Endovaskuläre Therapie steht seit 2015 hoch im Kurs, als mehrere große Studien den Erfolg belegten.

Die neuroradiologischen Ärzte führen bei Römisch in der Leistengegend einen Katheter ein. Ein bildgebendes Verfahren leitet die Experten zum Corpus Delicti, dem Thrombus im Hirn. Im Fall von Römisch müssen sie zunächst an der Halsschlagader einen Stopp einlegen. Die „Hauptleitung“ für die Blutzufuhr ins Gehirn ist hochgradig verengt. Ein Stent hilft, diese Stelle zu weiten. Dann dockt der Katheter an dem Gerinnsel an, das dann durch Unterdruck im Katheter nach außen gezogen wird.

Patient empfindet Therapie als Wiedergeburt

Bei Sebastian Römisch klappt der Eingriff auf Anhieb. Nach einer Woche auf der Station kommt er zu einer mehrwöchigen Therapie in eine Rehaklinik. Die ersten Schritte nach der „Wiedergeburt“ unternimmt der Musiker noch im Uniklinikum mit einem Rollator. In der Reha geht es aufwärts, dennoch braucht er Geduld. Erst mit Beginn der Spielzeit 2019/2020 sitzt er wieder im Orchestergraben der Semperoper. Als er zurückkehrt, merkt er, dass nicht mehr alles so geht wie vorher. Römisch gibt die mit viel Stress verbundene Solo-Stelle ab.

Wenn er im Rückblick auf die Zeit vor dem Schlaganfall schaut, ist dem inzwischen 56-Jährigen vieles klar. „Ich hatte erhöhten Blutdruck, einen hohen Cholesterinspiegel, Übergewicht, zu wenig Bewegung und Stress – die typischen Faktoren, die zu einem Schlaganfall führen können. Ich habe das aber nie ernst genommen. Ich dachte immer, ich bin ja noch jung, habe nie mit einem Schlaganfall gerechnet. Das war mein Fehler.“ Nun geht er auch deshalb an die Öffentlichkeit, um andere zu warnen und zu sensibilisieren.

Etwa 270.000 Menschen erleiden jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall

Die Dresdner Uniklinik hat viel Erfahrung im Umgang mit Schlaganfall-Patienten. Gut 1.700 von ihnen wurden im vergangenen Jahr im DNVC behandelt. Jedes Jahr erleiden in Deutschland etwa 270.000 Menschen einen solchen Hirninfarkt, heißt es auf der Website der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe. In Industrieländern wie Deutschland kommen pro Jahr zwischen 120 (Frauen) und 130 (Männer) Schlaganfälle auf 100.000 Menschen. Weltweit zählen sie zu den häufigsten Todesursachen.

Professor Ilker Eyüpoglu, Direktor der Neurochirurgischen Klinik und aktueller Chef des DNVC spricht von einer Volkskrankheit. Man könnte sie sogar als „Geißel der Menschheit“ bezeichnen. Schlaganfall sei eine Erkrankung, die viel mit westlicher Lebensweise zu tun habe. „Ernährung, Stress, Bluthochdruck, Bewegungsmangel sind begünstigende Faktoren.“ Volker Pütz geht davon aus, dass sich die Patientenzahlen auch in Deutschland erhöhen, weil die Menschen immer älter werden – das Risiko steigt gerade im Alter.

Patienten plagt oft Ungewissheit über die Zukunft

Manchmal gelingt es den Medizinern, die Folgen eines Schlaganfalls fast komplett wieder zu heilen. Römisch sieht sich zu 95 bis 98 Prozent wiederhergestellt. Er merke noch ein paar Sachen, die nicht hundertprozentig funktionieren, berichtet der Musiker. Deshalb habe er sich auch von der Solo-Stelle getrennt. „Ich bin froh, dass ich überhaupt noch mitspielen kann.“ Das Schlimmste sei damals die Ungewissheit gewesen, wie es weitergeht. „Wird es wieder mit der Oboe klappen oder nicht. Jetzt ist wieder Ruhe in mein Leben gekommen.“

Sebastian Römisch ist dankbar für die Hilfe, die ihm am Universitätsklinikum zum Weiterleben verhalf. Mit Blick auf den Welt-Schlaganfall-Tag, der an diesem Dienstag begangen wird, hat er seine damaligen Retter noch einmal getroffen. Römisch lädt sie zu einer Sonderführung durch die Semperoper und zum Besuch der Generalprobe für das nächste Sinfoniekonzert seines Orchesters ein. Er lebe nun gesünder, achte auf Ernährung und mehr Bewegung, sagt er: „Ich kenne jetzt die Schräubchen, an denen ich selber drehen kann.“

LR.de am Morgen
Montag - Samstag um 7.00 Uhr
Starten Sie gut informiert in den Tag mit LR.de am Morgen, dem Newsletter der Lausitzer Rundschau. Wir informieren Sie über regionale Nachrichten und geben einen Ausblick auf die wichtigsten Ereignisse des Tages.