Ohrringe und Seife aus Kohle: Schmuck und Kosmetik aus Polen – was dahintersteckt

Marta Frank-Reis ist die Frau hinter Sadza Soap.
Marta Frank-ReisEs ist irgendwie lustig“, sagt Kasia Depa, Gründerin der Marke I Coal You, mit einem Lächeln, „dass ich, obwohl ich nicht aus Schlesien stamme, durch die Geschichte dieser Region inspiriert wurde“. Ursprünglich stammt die junge Frau aus einem kleinen Dorf im östlichen Teil Polens, zog für die Ausbildung jedoch nach Nikiszowiec, einem Bezirk von Katowice, der speziell für Minenarbeiter angelegt wurde. „Von meinem Fenster aus konnte ich direkt die Schornsteine und Gebäude des Kohlebergwerks sehen. Viele meiner Nachbar:innen arbeiteten dort“, erinnert sie sich.
Heute finden nur noch wenige Menschen in den einst blühenden Zechen Beschäftigung. Trotzdem haftet Schlesien das Image von Industrie, Umweltverschmutzung und einer von menschlichem Eingriff gezeichneten Landschaft an. Kasia Depa begann, sich mit der Verwendung von Kohle als Material zu beschäftigen: „Ich wollte etwas schaffen, das mich an Schlesien erinnert“. Die Herstellung des Kohleschmucks brachte sie sich im Selbststudium bei. Später erkannte sie, dass Schmuck aus Kohle bereits im 19. Jahrhundert hergestellt wurde.
Schneiden, Polieren und Formen
Inzwischen widmet sich Kasia Depa seit fünf Jahren ihrem Schmuckprojekt und hat die Arbeitsabläufe professionalisiert. Der Prozess umfasst neben der Suche nach passenden Kohleklumpen auch das Schneiden, Polieren und Formen, um die benötigte Größe und Form zu erreichen. „Wenn das Kohlestück nicht zerbrochen oder beschädigt ist, geht es dann darum, den Klumpen widerstandsfähiger zu machen und zu reinigen“.
Dieser Ablauf erfordere immense Geduld, da ein Bruch dazu führen kann, dass der gesamte Prozess von vorn beginnen muss. Die Arbeit mit Werkzeugen wie Hammer, Zange, Stichsäge und Schleifpapier birgt Herausforderungen, da beim Schneiden der Kohle viel Staub entsteht. „Um Verletzungen zu vermeiden, muss ich äußerst fokussiert sein, denn der Kohlestaub kann zu schlechten Heilungsprozessen führen“, gibt Depa zu bedenken.

Grobschlächtiger Rohstoff, feines Produkt: Schmuck der Marke „I Coal You"
Kasia DepaDie Vorbereitung eines Schmuckstücks beansprucht etwa zehn Tage. Eine Verletzung kann jedoch bedeuten, dass sie drei bis vier Wochen pausieren muss. „Meinen Kunden möchte ich verdeutlichen, dass dieses Produkt nicht in China hergestellt wird“, erklärt sie und spielt dabei auf den verhältnismäßig hohen Preis an – beispielsweise kostet ein Paar Ohrringe zwischen 150 und 160 Zloty, umgerechnet rund 35 Euro.
Ausschließlich polnische Kohle
Kasia Depa fügt hinzu, dass sie in den letzten Jahren eine deutliche Preissteigerung bei Kohlematerialien festgestellt habe. Sie hebt hervor, dass es zwar bequemer wäre, Schmuck aus beispielsweise kostengünstigerer russischer Kohle herzustellen. Dennoch hat sie sich bewusst dafür entschieden, ausschließlich polnische Kohle für ihre Schmuckstücke zu verwenden. „Für mich ist das entscheidend, da ich in meiner Arbeit auf Nachhaltigkeit und Ethik setze. Das richtige Material spielt für mich eine essenzielle Rolle“.
Die Nachfrage nach ihren Produkten sei auch nach fünf Jahren unvermindert hoch. Kasia Depa berichtet von Kundinnen und Kunden, deren eigene Arbeit oder die ihrer Familienmitglieder mit der Kohleindustrie verbunden ist.
Doch nicht nur das: „Mein Schmuck hängt in zahlreichen polnischen Botschaften“. Sogar Prinzessin Catherine erhielt I Coal You-Schmuck, als sie Polen besuchte. Kasia Depa betont: „Anstatt Kohle als Brennstoff zu nutzen, können wir etwas Schönes aus dem Rohstoff schaffen und stolz darauf sein“.
Vom Scherz zum Erfolgsprodukt
Ein ähnlicher Gedanke, das Erbe Schlesiens zu würdigen, begleitet Marta Frank-Reis, Gründerin des Unternehmens Sadza Soap. 2012 war sie eine lokale Aktivistin, leitete einen Verlag und organisierte Events.
Eines davon war ein Weihnachtsmarkt, der Designern, Künstlern und Kunsthandwerkern eine Plattform bot, ihre handgemachten Produkte zu verkaufen. Es begann als Scherz, als sie beschloss, spezielle Gadgets für diesen Markt zu entwerfen. „Ich dachte an schwarze Seife in Form eines Kohleklumpens, um mich mit den schlesischen Vibes zu verbinden“, erinnert sie sich. Ursprünglich nur für die Veranstaltung gedacht, stieß die Seife auf großes Interesse.
Ihre starke Verbundenheit zur schlesischen Kultur hat familiäre Wurzeln. Frank-Reis entstammt einer Kohlenbergarbeiterfamilie, in der Bergbautraditionen verankert sind. „Mein Großvater väterlicherseits war Leiter eines Kohlebergwerks, mein Großvater mütterlicherseits Bergmann, der unter Tage arbeitete“, erinnert sie sich.
Nicht nur Kosmetik, sondern auch Kultur und Erbe
25 Kilogramm Aktivkohle, Seifenrohstoffe und selbstgemachte Silikonformen dienten als Grundbausteine für den kleinen Heimproduktionsprozess. Was folgte, ist Geschichte: Sie gründete das Unternehmen Sadza Soap und erhielt immer größere Bestellungen. Frank-Reis fügt hinzu, dass Sadza Soap nicht nur Kosmetik repräsentiere, sondern auch Kultur und Erbe. „Es steckt eine Ironie darin, dass Kohle reinigen kann“. Sadza Soap bietet mittlerweile eine Vielzahl von Aktivkohle-Seifen in unterschiedlichen Ausführungen an. „Aktivkohle kann heilende Eigenschaften für die Haut haben“, betont sie. Für jedes Seifenstück wird ein kleiner Teelöffel Aktivkohle verwendet, etwa drei Prozent des gesamten Produkts. „Es ist nicht so, als könnten wir eine ganze Kohlemine retten“, lacht Frank-Reis.

Kohlendreck zum Saubermachen: Bei Sadza Soap werden Seifen mit Aktivkohle hergestellt.
Marta Frank-ReisDie schwarze Seife wird hauptsächlich von Personen aus Schlesien gekauft, insbesondere von jungen Menschen. „Kürzlich rief mich ein Mann an, der dringend auf seine Bestellung wartete, da es ein Geschenk zum Geburtstag seines Urgroßvaters sein sollte“. Solche Situationen seien typisch, sagt Marta Frank-Reis. „Die Menschen kaufen schwarze Seife, um etwas Authentisches aus Schlesien zu verschenken“.
Eine weitere Kundengruppe des Unternehmens sind Kohlebergbauunternehmen, welche die Produkte an ihre Arbeiterinnen und Arbeiter verschenken.
Bereit für die Expansion
Die nächsten Wochen werden für das Unternehmen wegweisend sein, ist sich Marta Frank-Reis sicher. Sadza Soap möchte den herkömmlichen Herstellungsprozess für Kosmetikprodukte beenden und stattdessen mit größeren Partnern zusammenarbeiten.
„Diese Entscheidung eröffnet uns mehr Möglichkeiten, auch in Bezug auf die Entwicklung neuer Produkte“, erläutert Frank-Reis. Anfänglich konzentrierte sich der kleine Familienbetrieb hauptsächlich auf Anfragen aus Schlesien. Doch aufgrund des wachsenden globalen Interesses an ökologischen Aktivkohle-Kosmetikprodukten plant das Unternehmen nun, einen neuen Weg einzuschlagen. „Ich hoffe darauf, unsere Produkte weltweit zu vertreiben“.
Mit ihren Projekten verfolgen Kasia Depa und Marta Frank-Reis eine gemeinsame Vision: der Tradition des polnischen Kohleabbaus auf völlig neue Weise Tribut zu zollen.

