Zweifacher Radweltmeister, Olympiazweiter, neunmal in Folge DDR-Sportler des Jahres und in einer Umfrage populärster Sportler des Ostens – noch vor Kati Witt und Jens Weißflog: Täve Schur ist eine lebende Legende, ein Radgenie, das bis heute einmalig blieb. 12 Mal nahm er an der Friedensfahrt teil, die er zweimal gewann. Sport und gesunde Ernährung scheinen ihn fit zu halten – fast 90 Lebensjahre sieht man Täve Schur nicht an. Sein Leitspruch: "Der Mensch bewegt sich nicht weniger, weil er alt ist. Er wird alt, weil er sich weniger bewegt. Also: beweg dich!".
Bis heute bekommt Täve (eigentlich Gustav-Adolf Schur) unzählige Briefe, Autogrammwünsche und Anfragen für Veranstaltungen. Weil er mit der Beantwortung hinterherhinkt, schrieb er nun wieder ein Buch – mit den dringlichsten Antworten. In "Was mir wichtig ist" (neues leben) zeigt sich der bekennende Ossi als meinungsfreudiger und humorvoller Autor.
Entstanden sei das Werk vor allem in der heimischen Küche in Heyrothsberge bei Magdeburg. "Hier sitze ich zum Arbeiten gern. Die Küche ist in den letzten Jahren zu meinem Hauptarbeitsplatz geworden", schmunzelt Täve Schur. Zwischen Herd und Kühlschrank beantworte er unzählige Briefe und Postkarten. "Das ist für mich eine moralische Verpflichtung. Ich nehme jede Zuschrift ernst", betont die Radsportikone. Als Bürde empfinde er Post und Erwartungshaltung der Fans nicht. "Zusammenhalt ist eine Eigenart von uns Ex-DDRlern. Dem trage ich Rechnung, übrigens auch auf Veranstaltungen, Lesungen oder kleinen Radrunden. Heimat schweißt eben zusammen."
Apropos Radrunden: die führen Täve Schur immer wieder auch ins Märkische, wie im Gespräch zu erfahren ist: "Da komme ich sogar in eure Ecke nach Ostbrandenburg, nach Beiersdorf-Freudenberg, um genau zu sein. Hier organisieren Bürgermeister Willi Huwe, fleißige Helfer und frühere Sportkameraden tolle Radsporttreffen. Nach einer Rundfahrt wird Fußball gespielt und wir sitzen hinterher an der Gulaschkanone gesellig zusammen", schwärmt Täve von diesen Events, die frühere Aktive und Hobbysportler zusammenbringen. Mit unserer Region verbunden bleibt auch einer seiner ersten Triumphe: Am 23. September 1951 siegte der Ausnahmesportler bei der Tour Berlin – Lebus – Berlin.
Dann kommt das Gespräch auf die Corona-Epidemie, die das Leben in Deutschland seit Wochen lahmlegt. Der Virus-Gefahr musste sich auch Täve beugen, der den Kontakt zu seinen Liebsten gerade auf ein Minimum beschränkt. Seine Meinung zu dem Thema passt zum Sachsen-Anhaltiner. So furchtbar Corona auch sei, so sehr ist die Krise für Schur auch eine Chance zum Nachdenken darüber, was wir mit unserem Planeten anstellen. "Wir machen die Natur nieder. Wir machen die Tiere nieder. Unsere Autos werden dafür immer größer. Wenn es so weitergeht, fährt bald jeder LKW", lässt Täve kurz seinen typischen Galgenhumor aufblitzen. Um gleich wieder ernst zu werden: "Die Menschheit muss aufpassen. So wie in den letzten Jahren kann es nicht weitergehen", mahnt der Mann, der sowohl in der DDR-Volkskammer als auch im Bundestag saß.
Das Thema zu wechseln, scheint nach diesen Worten schwer. Der Reporter vom Märkischen Sonntag versucht es trotzdem. Für viele Leser sei interessant, wie der Buchautor zu seinem Spitzname kam. "Täve kommt von Gustav, mein bürgerlicher Vorname. Ein Sportkamerad der BSG Aufbau Börde Magdeburg nannte mich in den 50er Jahren mal so. Dabei blieb es", lächelt der sympathische Gesprächspartner. Zu Hause sei er allerdings der "Vati", wie ihn Gattin Renate und die Kinder nennen.
Bei der Frage nach wichtigen Siegen, spielt nicht etwa die Friedensfahrt oder ein WM-Titel die erste Rolle, sondern eine Waschmaschine. Die gab es in den 1960er Jahren bei einem lokalen Rennen in der DDR zu gewinnen. "Ich war zwar Weltmeister. Aber was nutzte das meiner Mutter, die unsere Wäsche immer noch per Hand wusch", fragt Täve mit Augenzwinkern. Der Börde-Star nahm am Wettstreit teil und holte sich das Maschinchen. Wie er sie nach Hause transportierte? Natürlich im eigenen Trabant. "Dafür musste ich vorn einen Sitz ausbauen. Mach das mal mit einer schicken Limousine. Im Trabi gings", scheint sich Täve noch heute über das Transport-Manöver zu amüsieren.
Da das Sportidol des Ostens seine große Karriere bereits 1964 beendete, liegt die Vermutung nah, dass sich seine Popularität auch auf das gründet, was er später tat und sagte. In "Was mir wichtig ist" versucht er dieses Phänomen zu erklären. Auch das Thema Doping spart Täve Schur in der Lektüre nicht aus. Doping sei zu verurteilen – in Ost UND West. Der Ex-Radweltmeister erwähnt die Tour de France, deren Gesamtsieger Jan Ullrich und Lance Armstrong (wegen Dopings alle Siege aberkannt), 5000-Meter-Lauf-Olympiasieger Dieter Baumann, aber auch das "Wunder von Bern", den sensationellen Sieg der Deutschen bei der Fußball-WM 1954 in der Schweiz. Nach allem, was heute bekannt ist, wurde der Triumph auch mit dem Aufputschmittel Pervitin erreicht. Es sei einigen Spielern vor dem Endspiel gespritzt worden, gibt Täve Schur einen Bericht des Nachrichtenmagazins Focus im Oktober 2010 wieder. Der Beitrag stützt sich u.a. auf eine Studie der Humboldt-Uni.
Doch das schlimmste aller Dopingmittel sei Geld, erklärt Täve Schur. Moneten hätten beinahe den gesamten Leistungssport verdorben. Er selbst sei einst für die Menschen am Straßenrand sowie an den Radios und an den wenigen TV-Bildschirmen gefahren, "nicht für Werbeverträge und Kohle". Täve schwört, selbst nie irgendwelche Mittelchen genommen zu haben: "Wenn es nicht so wäre, wäre ich längst tot oder schwer krank", sagt der Familienvater und siebenfache Opa.
Große Radtouren macht der Heyrothsberger übrigens nicht mehr. Nach einer 120-Kilometer-Ausfahrt sei er 2019 ohnmächtig geworden. "Mit beinahe 90 noch solche Strecken fahren? Das muss nicht sein. Man soll sein Schicksal nicht herausfordern." 80 Jahre auf Rädern müssten reichen – kleine Runden und Traditionstreffen ausgenommen. Den Eichenprozessionsspinner im eigenen Garten sauge er in luftiger Höhe jedoch noch selber ab. Fit hält sich Täve den eigenen Worten nach mit Bewegung an frischer Luft, gesunder Ernährung (viel Grünzeug, wenig Zucker, wenig Fleisch) sowie mit Familien-Aktivitäten.
Seit 1962 ist er mit seiner Renate verheiratet, eine lange Zeit, die zusammenschweißt. Familienzusammenhalt sei aber auch eine moralische Verpflichtung, wie Täve erklärt. 100 Jahre alt würde er schon gern werden, lächelt der drahtige Ostdeutsche: Weil ihn die Menschen noch so viel fragen und er die Deutungshoheit über Ost-Sportgeschichte nicht Leuten überlassen will, die sie gar nicht miterlebten.