Verhalten bei Gewitter: Blitzschlag-Gefahr – diese Regeln können Leben retten

Gewitter über einem Feld. Ein Blitz zuckt bei einem Sommergewitter am abendlichen Himmel. Mehrere Menschen starben in Deutschland in den vergangenen Wochen nach Blitzschlägen. Wie hoch ist die Gefahr und wie kann man sich vor Blitzen schützen? Experten geben Tipps und Ratschläge.
Marius Bulling/dpaBereits in den vergangenen Wochen gab es in vielen Teilen Deutschlands unwetterartige Gewitter. Mehrere Menschen starben sogar durch Blitzschläge. Experten erklären, wie hoch die Gefahr ist vom Blitz getroffen zu werden, welche Folgen das hat und wie man sich rechtzeitig schützen kann.
Übersicht:
- Wie groß ist die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden?
- Diese Vorsichtsmaßnahmen kann man treffen
- Vom Unwetter überrascht, welche Orte sollte ich meiden?
- Erste Hilfe bei Blitzschlag
- Folgeschäden nach Blitzunfällen
In nur einem winzigen Bruchteil einer Sekunde setzt ein Blitz eine enorme elektrische Spannung frei. Trifft dieser einen Menschen, können bis zu 100 Millionen Volt und mehrere 10.000 Ampere innerhalb von 0,02 Sekunden auf den Körper einwirken. Diese hohe Stromstärke führt zum sofortigen Tod durch Herzstillstand.
Die Überlebenschance eines Blitzopfers ist dann größer, wenn der Blitzstrom größtenteils über die Körperoberfläche fließt und nicht durch den Körper hindurch. Aber auch dann können bleibende Schäden entstehen. Der durch den Körper fließende Strom erzeugt Hitze, die das Gewebe verbrennt und zerstört. Diese Verbrennungen können die Haut sowie gelegentlich auch tiefer liegendes Gewebe betreffen.
Erst kürzlich wurde ein 18-Jähriger auf Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze, tödlich verletzt. Eine 14-Jährige, die in Delmenhorst bei Bremen mit ihrer Familie an einem Baum Schutz gesucht hatte und durch einen Blitz verletzt worden war, starb Tage später im Krankenhaus. In Dresden wurden sogar gleichzeitig zehn Personen bei einem Blitzeinschlag am Elbufer verletzt.
Was kann man nun tun, um sich vor solchen Vorfällen zu schützen? Experten geben Antworten und Tipps.
So hoch ist die Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden
Es gibt keine offizielle Statistik in Deutschland zur Zahl der Toten und Verletzten durch Blitzeinschläge. Der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) sammelt und analysiert Medienberichte zu Blitzunfällen und interviewt überlebende Opfer.
Der Auswertung des Verbandes zufolge gibt es pro Jahr durch Blitzeinschlag bundesweit etwa sieben Todesfälle und 120 Verletzte. „Von den Menschen, die direkt von einem Blitz getroffen werden, sterben 30 Prozent“, sagt Thomas Raphael, Blitzschutzexperte im VDE.
Jedes Jahr kommen dem Fachmann zufolge etwa 52 Geschädigte hinzu, die oft ihr ganzes Leben lang unter den Folgen des Blitzunfalls leiden.
Bester Schutz vor Blitzschlag in geschlossenen Gebäuden aus Stein
Wenn Unwetter vorhergesagt sind, sollten zu dieser Zeit keine Aktivitäten im Freien geplant werden, rät Raphael. „Wenn ich weiß, dass am Nachmittag Gewitter möglich sind, muss ich wissen, wo ich Schutz finde“, sagt der Elektroingenieur.
„Den besten Schutz bieten geschlossene Gebäude aus Stein“, betont Blitzforscher Ullrich Finke von der Hochschule Hannover. Auch im Inneren von Autos sei es relativ sicher, die Fenster müssten aber geschlossen bleiben. Die Karosserie aus Metall dient als Schutz und verhindert, dass die Elektrizität in den Innenraum eindringt. Cabrios bieten nur dann Schutz, wenn eine Metallschicht in das Verdeck eingearbeitet ist.
Der Schutzraum sollte schon vor dem Herannahen des Gewitters aufgesucht werden, sagt Raphael. „Wir wissen aus unseren Analysen: Es gibt immer wieder Situationen, in denen schon der erste Blitz zu einem Schaden führt.“
Finke rät auch davon ab, sich an einer Hauswand unterzustellen, dies habe einen ähnlichen Effekt wie ein Baum. Zu meiden sind darüber hinaus auf jeden Fall Wasser und metallische Gegenstände beziehungsweise Masten aus Metall, weil diese die Elektrizität gut leiten. Radfahrer sollten absteigen und ihr Rad in zehn Meter Entfernung liegenlassen.
Bäume und Hauswände bei Gewitter meiden
„Vielen Menschen ist immer noch nicht bewusst, dass man Bäume meiden muss bei Gewittern“, sagt Blitzexperte Raphael. Dies gelte für alle Baumarten. Der Blitz schlägt oft in den höchsten Punkt ein, also müssen auch Reiter vom Pferd steigen. Von Bäumen oder hölzernen Masten kann ein Blitz auf Menschen in der Nähe überspringen, auch über mehrere Meter.
Holzhütte oder Buswartehäuschen bieten keinen Schutz vor Blitzschlag
„Hütten sind ungeeignet, denn der Strom geht durch sie den Weg in die Erde“, sagt der Neurologe Berthold Schalke, der an der Uniklinik Regensburg Patienten nach Blitzschlägen betreut. 2013 starben auf einem Golfplatz vier Frauen, die vor einem Gewitter Schutz in einer Holzhütte gesucht hatten, weil der Blitz von den Wänden der Hütte auf sie übersprang.
Schalke sind auch Blitzopfer bekannt, die in Buswartehäuschen saßen. In diesem Fall war der Blitz in einem Baum hinter der Bushaltestelle eingeschlagen und über das Erdreich zu der Person gelangt. Beim Wandern in den Bergen können zum Beispiel metallene Leitern oder Geländer tödliche Stromstöße verursachen.
Bei Gewitter auf freier Fläche – Hinhocken und Füße zusammen und nichts anfassen
Es wird geraten, sich auf dem freien Feld möglichst eine Mulde zu suchen und mit geschlossenen Füßen hinzuhocken. Bei einem Blitzeinschlag in der Nähe verteilt sich der Strom über das Erdreich. Steht man mit ausgebreiteten Beinen, kann zwischen den Füßen eine Schrittspannung entstehen - Strom fließt durch den Körper.
Die Gefahrenzone befindet sich dem Verband Elektrotechnik zufolge mehr als zehn Meter rund um den Einschlagpunkt, in felsigen Gebieten sei diese noch größer. Felsen sollten in der Hocke nicht berührt werden. Auch sollten sich Menschen in mindestens zehn Meter Abstand voneinander hinhocken und nicht berühren - also auch keine Kinder an die Hand nehmen.
Lässt sich die Entfernung eines Gewitters messen?
Ja, das ist tatsächlich möglich. Um die Entfernung eines Gewitters abzuschätzen, zählt man die Sekunden zwischen Blitz und Donner und teilt diese Zahl durch drei. Das Ergebnis gibt einen groben Anhaltspunkt darüber, wie weit das Gewitter entfernt ist. Experten empfehlen, dann Schutz zu suchen, wenn weniger als sechs Sekunden zwischen Blitz und Donner vergehen.
Erste Hilfe bei Blitzschlag: Sofort Herzdruckmassage
Wenn ein Mensch direkt oder indirekt von einem Blitz getroffen wird, kann das Herz oft stehen bleiben. Allerdings bestehen sehr gute Aussichten auf erfolgreiche Wiederbelebung, wenn sofort Erste Hilfe geleistet wird. Über 80 Prozent der Betroffenen können innerhalb der ersten fünf Minuten erfolgreich wiederbelebt werden. Daher ist es wichtig, sofort mit einer Herzdruckmassage bei einem bewusstlosen Blitzopfer zu beginnen. Die Sorge vor einem „Reststrom“ ist unbegründet, da dieser nicht existiert.
Folgeschäden nach Blitzschlag
Zu den neuropsychologischen Effekten zählen laut Mediziner Schalke kognitive Einschränkungen. Die Patienten könnten sich oft nicht mehr gut konzentrieren und hätten Gedächtnisprobleme. Die dünnen Nervenfasern im Körper, durch die der Strom geflossen sei, seien irreversibel geschädigt. Eine Folge sei der Verlust des Schmerz- und Temperaturempfindens. „Viele Menschen können nach einem Blitzschlag ihren Beruf nicht mehr ausüben“, sagt der Arzt.
Hinzu komme bei einigen Patienten die Schwierigkeit, bei ihrer Versicherung nachzuweisen, dass ihre Krankheiten tatsächlich direkte Folgen des Blitzunfalls seien. Wenn der Strom über die Erde eindringe, gebe es keine Narben auf der Haut.


