UPDATE 30. April, 16.09 Uhr:
Nach dem Urteil gegen den ehemaligen Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder hat die Staatsanwaltschaft Rechtsmittel eingelegt. Man habe insbesondere aus formaljuristischen Gründen Berufung gegen das Urteil eingelegt, da über die Einziehung des Mobiltelefons mit den inkriminierten Dateien nicht entschieden worden sei, sagte am Freitag eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur. Sollte sich der Streit um das Handy zum Beispiel außergerichtlich beilegen lassen, wäre die Berufung wieder hinfällig, hieß es am Freitag aus Justizkreisen.
Metzelder war am Donnerstag zu einer zehnmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Der 40-Jährige hatte gestanden, kinder- und jugendpornografische Dateien besessen und weitergeleitet zu haben.
Metzelders Anwalt Ulrich Sommer hatte auf dem Gerichtsflur am Donnerstag offen gelassen, ob sein Mandant das Urteil annehmen wird. Es ist noch nicht rechtskräftig. Beide Seiten haben eine Woche Zeit, Rechtsmittel einzulegen.

Wie der Prozess am 29. April verlief:

Die Staatsanwältin lässt keine Zweifel an der Art der Bilder, die im Chat und auf Christoph Metzelders Handy sichergestellt wurden. Die Rede ist von unter zehn Jahre alten Mädchen, die während der Aufnahmen schwer sexuell missbraucht wurden. Verschickt haben soll Metzelder die Dateien per WhatsApp, darunter auch zwei Videodateien. Minutenlang müssen die Prozessbeobachter die schwer erträglichen Beschreibungen aushalten.
Pünktlich auf die Minute hatte Amtsrichterin Astrid Stammerjohann am Donnerstag den Prozess gegen Vize-Fußballweltmeister Metzelder begonnen, sofort wird die Anklage verlesen. Der Ex-Nationalspieler ist mit schwarzem Mund-Nasen-Schutz, grau-meliertem Sakko und weißem Shirt erschienen. Mit gesenktem Blick hat der 40-Jährige auf der Anklagebank Platz genommen.
Verdachts der Verbreitung kinderpornografischer Inhalte Staatsanwaltschaft Hamburg bestätigt Ermittlungen gegen Metzelder

Hamburg

Die Richterin bittet zum Rechtsgespräch, die Öffentlichkeit muss vor die Tür. Mehr als zwei Stunden lang ringen Metzelders Verteidiger dann mit den Staatsanwälten um eine Einigung: Strafabsprache gegen Geständnis. Zehn bis zwölf Monate Haft auf Bewährung stellt Stammerjohann in Aussicht. Doch die Staatsanwaltschaft sperrt sich.
Zurück in öffentlicher Verhandlung gibt die Richterin dann bekannt, dass sie von der Strafhöhe nicht wesentlich abweichen werde, nur weil sich die Parteien nicht einig geworden seien. Das ist der Moment, in dem Metzelder das Wort ergreift und ein vorbereitetes Teilgeständnis ablegt. Dabei ist es dann mit der Souveränität des 40-Jährigen vorbei.

Metzelder gesteht Verbreitung von 18 Dateien

Er habe von frei zugänglichen Seiten im Internet Screenshots einiger Bilder angefertigt und diese auch verschickt. Das seien 18 Dateien gewesen, sagt Metzelder. „Ich habe nur das besessen, was ich auch verschickt habe.“ Jetzt ist seine Stimme stockend und brüchig.
„Die Faszination des Unaussprechlichen lag in einer gemeinsamen Grenzüberschreitung. Es hat keine Übergriffe gegeben und es waren auch keine geplant“, sagt er. „Ich war auch nicht in einschlägigen Foren unterwegs. Das alles hat ausschließlich in einer digitalen Parallelwelt stattgefunden.“
„Ich akzeptiere die Strafe und bitte die Opfer sexueller Gewalt um Vergebung. Ich werde den Rest meine Lebens mit dieser Schuld als Teil der Gesellschaft leben müssen.“ Er spricht von „einer Wunde, die nie verheilen wird“. Damit ist der Weg frei für ein rasches Urteil. Zeugen werden in diesem Prozess nicht mehr benötigt und gehört, sie dürfen nach Hause gehen.

Zehn Monate Haft auf Bewährung für Metzelder

Die Plädoyers finden wiederum ohne Zuschauer statt - unter Ausschluss der Öffentlichkeit fordert die Staatsanwaltschaft 14 Monate Haft auf Bewährung. Verteidiger Sommer nennt kein Strafmaß. Stammerjohan nimmt sich noch 20 Minuten Bedenkzeit, bevor sie ihr Urteil fällt: Zehn Monate Haft auf Bewährung. Wegen Besitz und Weiterleitung kinderpornografischer Dateien. Es ist das untere Ende des selbstgesteckten Strafrahmens.
Metzelder sei schon durch das Verfahren gestraft, sagt sie. „Das besondere öffentliche Interesse ist die Kehrseite seiner Berühmtheit. Er dürfte für absehbare Zeit weder seiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können, noch am öffentlichen Leben teilnehmen. Für mich hat er auch echte Reue gezeigt“, erklärt die Richterin.
Die mediale Berichterstattung sei eine vorweggenommene Bestrafung des nicht vorbestraften Metzelder gewesen. Dies müsse sich strafmildernd auswirken. Er habe frühzeitig eine Therapie absolviert, es sei zu erwarten, dass er künftig keine Straftaten mehr begehen wird.

Durchsuchung seiner Wohnung im Jahr 2019

Der Vize-Weltmeister stand 2019 vor dem großen Sprung bei seiner zweiten Karriere nach der aktiven Fußballerkarriere. Er war als TV-Experte gefragt, sollte die EM 2020 kommentieren. Von mehreren Seiten wurde Metzelder im Frühsommer 2019 sogar für das Amt des DFB-Präsidenten als Nachfolger von Reinhard Grindel ins Gespräch gebracht.
Aber dann kam der 4. September 2019, die Zäsur, der große Karriereknick. Ermittler hatten Metzelder beim Fußballlehrer-Lehrgang des DFB in Hennef abgepasst. Sein Zimmer dort und seine Wohnung in Düsseldorf wurden durchsucht und rasch wurde es publik: Gegen den Vize-Weltmeister von 2002 wird wegen des Verdachts der Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt, wie es damals hieß.
Er lebe seitdem zurückgezogen, berichtet Metzelder. Das Bundesverdienstkreuz, den Landesverdienstorden NRW - alle öffentlichen Auszeichnungen werde er zurückgegeben, kündigt er an.
Wortlos, eine Hand in der Hosentasche, verlässt der 40-Jährige am Nachmittag, flankiert von Wachleuten, das Gericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Verteidiger Sommer behielt sich Rechtsmittel vor, die Staatsanwälte äußerten sich dazu gar nicht.