Trotz Festnahme Maduros
: Warum sich der Ölpreis jetzt kaum bewegt

Krieg, Machtwechsel und Öl-Giganten unter Druck. Dennoch tut sich beim Ölpreis aktuell fast nichts. Die Hintergründe im Überblick.
Von
Matthias Kemter
Berlin
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Ölpreise: ARCHIV - 28.03.2022, Niedersachsen, Emlichheim: Eine Tiefpumpe für die Erdölförderung steht vor einer Raffinerie. (zu dpa: «Ölpreise springen ins Plus - Trump verkündet US-Zollpause») Foto: Lino Mirgeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Trotz Krise in Venezuela und geopolitischer Spannungen bleibt der Ölpreis stabil. Die Gründe im Überblick.

Lino Mirgeler/dpa

Der Ölpreis gilt seit Jahrzehnten als sensibler Seismograf für Krisen, Kriege und politische Umbrüche. Umso auffälliger ist die aktuelle Lage. Trotz des Eingreifens der USA in Venezuela und der Festnahme von Nicolás Maduro bleibt eine heftige Marktreaktion aus. Stattdessen bewegt sich der Ölpreis nur kaum und gibt höchstens leicht nach. Die Gründe liegen weniger im akuten Ereignis als in den strukturellen Veränderungen des globalen Ölmarkts.

Venezuela: viel Öl, wenig Wirkung

Venezuela verfügt über die größten bekannten Ölreserven der Welt und ist Gründungsmitglied der OPEC. Auf dem Weltmarkt spielt das Land derzeit jedoch nur eine Nebenrolle. Jahrzehntelange Misswirtschaft, Korruption, marode Infrastruktur und Sanktionen haben die Förderung stark einbrechen lassen.

Während Venezuela in den 1970er-Jahren noch rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag förderte, liegt die Produktion aktuell bei etwa 1,1 Millionen Barrel täglich. Das entspricht nur rund einem Prozent der weltweiten Ölproduktion. Entsprechend gering ist der unmittelbare Einfluss politischer Unruhen oder militärischer Eingriffe auf den globalen Ölpreis.

Warum die Preise trotzdem leicht fallen

Entscheidend ist der Blick nach vorn. US-Präsident Donald Trump hat angekündigt, die venezolanische Ölindustrie mit Hilfe amerikanischer Unternehmen wiederzubeleben. Sollten Sanktionen gelockert werden, könnte die Förderung mittel- bis langfristig spürbar steigen.

Diese Aussicht allein wirkt bereits preisdämpfend. Der Markt bewertet weniger eine kurzfristige Angebotsunterbrechung als vielmehr die Möglichkeit zusätzlicher Fördermengen in den kommenden Monaten und Jahren. Entsprechend gaben die Preise zuletzt leicht nach, ohne dass es zu größeren Ausschlägen kam. Zum Vergleich: Öl-WTI schwankte seit Freitag um etwa 4,5 Prozent und liegt aktuell wieder auf dem Niveau vom Freitag. Beim Öl-Brent lag die Schwankung bei unter 4 Prozent. Der Kurs liegt ebenfalls wieder auf dem Vorwochenniveau.

Globales Überangebot als Grundrauschen

Venezuela ist dabei nur ein Faktor von vielen. Der Ölmarkt ist derzeit insgesamt gut versorgt. Die USA haben sich zum größten Ölproduzenten der Welt entwickelt, auch Länder wie Kanada, Brasilien und Guyana bauen ihre Förderung weiter aus. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nur noch langsam oder stagniert, unter anderem wegen effizienterer Technologien, des Ausbaus erneuerbarer Energien und eines schwächeren globalen Wirtschaftswachstums.

Die OPEC und ihre Partner haben jahrelang versucht, mit Förderkürzungen gegenzusteuern. Diese Strategie kostete jedoch Marktanteile, vor allem an Produzenten außerhalb des Kartells. Inzwischen sind viele Förderländer nicht mehr bereit, die Preise allein durch Angebotsverknappung zu stabilisieren, und führen Kapazitäten schrittweise wieder dem Markt zu.

Die Rolle des Break-even-Preises

Eine wichtige Rolle spielt auch der sogenannte Break-even-Preis, also die Schwelle, ab der sich Ölförderung wirtschaftlich rechnet. Er variiert je nach Land, Fördertechnik und geologischen Bedingungen teils erheblich. In Regionen mit leicht zugänglichen Lagerstätten ist die Förderung deutlich günstiger als bei technisch aufwendigen Projekten etwa in der Tiefsee oder beim Schieferöl.

Die Grenze von 60 US-Dollar pro Barrel gilt am Markt grob als wirtschaftliche Grenze und stellt daher auch charttechnisch eine Barriere dar, die nach unten nur schwer nachhaltig zu durchbrechen ist. Wo genau der Break-even-Preis am venezolanischen Ölmarkt liegt, ist durch die marode und korrumpierte Infrastruktur schwer einzuschätzen. Diese Faktoren tragen dazu bei, dass Investitionsströme verhalten und Angebot sowie Nachfrage relativ stabil bleiben. Extreme Preissprünge bleiben so aus.

Warum selbst Krisen ihren Schrecken verloren haben

Frühere Ölkrisen trafen auf einen stark konzentrierten Markt mit hoher Abhängigkeit von wenigen Förderregionen. Heute ist der Ölmarkt breiter aufgestellt, technologisch flexibler und global besser vernetzt. Produktionsausfälle in einzelnen Ländern können häufiger kompensiert werden.

Geopolitische Krisen sorgen daher meist nur noch für kurzfristige Ausschläge, nicht mehr für nachhaltige Preisschocks. Der Ölpreis reagiert weiterhin auf politische Spannungen, verliert sich jedoch schneller wieder im übergeordneten Marktumfeld.

Fazit: Stabilität mit Vorbehalt

Dass sich der Ölpreis derzeit kaum bewegt und nur leicht fällt, ist Ausdruck eines überversorgten und anpassungsfähigen Marktes. Schwache Nachfrage, wachsende Förderkapazitäten und wirtschaftliche Grenzen der Produktion wirken stabilisierend. Kurzfristig bleibt der Preisdruck moderat. Erst wenn sich Angebot und Nachfrage grundlegend verschieben, dürfte der Ölpreis wieder deutlich stärker in Bewegung geraten.