2. Weltkrieg
: Vor 75 Jahren fielen Atombomben

Eine wachsende atomare Gefahr sieht Alex Rosen, Co­-Vorsitzender der IPPNW Deutschland und Mitbegründer der Kampagn ICAN.
Von
André Bochow
Berlin
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Eine wachsende atomare Gefahr sieht Alex Rosen, Co­-Vorsitzender der IPPNW Deutschland und Mitbegründer der Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen ICAN. Alex Rosen ist Oberarzt in der Charité-Kindernotaufnahme.

Helmut Lohrer

Herr Rosen, Sie haben sich sehr mit der Wirkung von atomarer Strahlung beschäftigt. Wie genau wirken sich die Atombombenabwürfe heute noch aus?

Die Überlebenden aus Hiroshima und Nagasaki, die sogenannten Hibakusha, haben teilweise schwere gesundheitliche Schäden, vor allem erhöhte Krebsraten, aber auch zahlreiche andere Krankheiten sind bei Ihnen häufiger als im Rest der Bevölkerung. Durch Veränderungen des Erbguts gibt es auch bei nachfolgenden Generationen Gesundheitsschäden, selbst wenn die japanische Regierung das offiziell nicht anerkennen will.

Es hat zwei Atombombenabwürfe auf Städte gegeben, aber mehr als 2000 nukleare Explosionen bei Atomwaffentests — welche Folgen haben diese Tests?

Je nach Region zum Teil erhebliche. Manche Tests wurden dicht an bewohnten Gebieten durchgeführt, wo später die Raten an Krebserkrankungen und Missbildungen anstiegen. Es gab auch zahlreiche Unfälle. In vielen Fällen wurden Soldaten großen Strahlendosen ausgesetzt. Andere Tests waren besser abgeschirmt. Fakt ist, dass es wegen der Tests weltweit Millionen von Geschädigten durch Atomwaffen gibt.

Das wesentliche Argument für Atomwaffen ist Abschreckung. Nach Hiroshima und Nagasaki hat es keine Atombombenabwürfe mehr gegeben. Das System hat doch bislang funktioniert. Oder hatten wir nur Glück?

Die friedenssichernde Wirkung von Atomwaffen ist eine reine Hypothese. Viel wahrscheinlicher ist, dass die internationale Nachkriegsordnung mit UNO, OSZE und anderen Organisationen den Frieden gesichert hat. Gleichzeitig ist die Gefahr eines versehentlichen Einsatzes von Atomwaffen enorm groß. Im Jahr 1983 war es zum Beispiel ein einzelner sowjetischer Offizier, Stanislaw Petrow, der entschied, dass ein vom System gemeldeter Angriff ein Fehlalarm sei. Damit hat er wahrscheinlich die Welt gerettet.

Die Menschheit verdankt ihre weitere Existenz Glück und Zufall?

Nicht nur. Es wurde auch mit Verträgen eine Sicherheitsarchitektur geschaffen, die gerade gefährlich abgebaut wird. Aber wenn man heute Generäle und Politiker des Kalten Krieges befragt, dann sagen diese immer wieder, die Menschheit wurde vor allem durch „Glück und göttliche Fügung“ vor dem Ende bewahrt.

Seit 2017 gibt es den Vertrag über das Verbot von Atomwaffen, den bislang etwa 80 Staaten unterzeichnet haben — allerdings nicht die Atomwaffenmächte. Welchen Sinn hat dann dieser Vertrag?

Atomwaffen sind die einzigen Massenvernichtungswaffen, die bislang völkerrechtlich nicht geächtet werden, im Gegensatz zu chemischen, biologischen Waffen oder etwa zu Streubomben. Auch da haben die Staaten, die über solche Waffen verfügten, initial die Verträge nicht unterzeichnet. Trotzdem verschwanden die Waffen allmählich aus den Arsenalen — nicht zuletzt auf Druck der Zivilgesellschaft und Investoren. So muss es auch mit den Atomwaffen sein.

Welche Rolle spielt Deutschland?

Deutschland hat den Atomwaffenverbotsvertrag, wie andere NATO–Staaten, nicht unterzeichnet. Den Vertrag gegen die Weiterverbreitung von Atomwaffen dagegen schon. Aber im Rahmen der nuklearen Teilhabe sind 20 Atomwaffen in Büchel in der Eifel stationiert. Die werden gerade modernisiert und würden im Ernstfall von deutschen Kampfpiloten über Russland abgeworfen werden. Das wird auch trainiert.

Das Verbot der Weiterverbreitung von Atomwaffen hat schlecht funktioniert, der INF–Vertrag über die nukleare Abrüstung im Mittelstreckenraketenbereich wurde durch die USA gekündigt, die nukleare Aufrüstung ist in vollem Gange — steuern wir unweigerlich auf den Einsatz von Atomwaffen zu?

Unsere Sorge ist, dass wir diese Aufrüstung und den Abbau der Sicherheitsarchitektur nicht rechtzeitig stoppen können. Tatsächlich ist der Einsatz von Atomwaffen heute wahrscheinlicher als zu irgendeinem Zeitpunkt während des Kalten Krieges.

Das stoppen Sie doch nicht durch den Atomwaffenverbotsvertrag?

Doch, der Vertrag trägt dazu bei. Es geht darum, einen möglichen Atomwaffeneinsatz nicht als Akt der Sicherheit oder gar der Verteidigung zu diskutieren, sondern als einen völkerrechtswidrigen Akt. Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen, die auf die Zivilbevölkerung gerichtet sind. Es wird seitens der Atomwaffenmächte permanent mit dem   Auslöschen von Millionen Menschen gedroht. Diese unmenschliche Praxis muss endlich beendet werden.

Aber dazu ist keine der Atomwaffenmächte bereit.

Das perfide ist: Praktisch alle Atomwaffen besitzenden Länder sagen: Wir würden ja abrüsten, wenn es die anderen auch täten — aber die anderen zuerst. Wir brauchen also einen solchen multilateralen Vertrag mit klaren Regelungen. 

Sie als Arzt kämpfen täglich für Gesundheit und Leben von Menschen -– ist es nicht frustrierend, dass der Kampf gegen Atomwaffen, die die gesamte Menschheit auslöschen können, so wenig Beachtung findet?

Es stimmt, in Europa herrscht die Vorstellung, mit dem Ende des Kalten Krieges wurde auch die atomare Gefahr gebannt. Tatsächlich ist die Gefahr so groß wie nie zuvor. Allein ein scheinbar begrenzter nuklearer Krieg zwischen Indien und Pakistan würde durch klimatische Veränderungen und Ernteausfälle mehr als 2 Milliarden Menschen das Leben kosten. Tatsächlich ist das Bewusstsein für diese Bedrohung im globalen Süden stark gewachsen.

Und in Deutschland?

Hierzulande sind mehr als 90 Prozent der Menschen für das Verbot von Atomwaffen. Dennoch wird das Problem weitestgehend verdrängt. Das wird sich aber ändern. Davon bin ich fest überzeugt.

Vielen Dank für das Gespräch