30 Jahre Mauerfall
: Das Pfeifen des Generalsekretärs im Walde

Wäre es nach Erich Honecker gegangen, müsste die Mauer noch stehen. Vor genau 30 Jahren wagte er sich an eine Prognose.
Von
André Bochow
Berlin
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Als die „Freundschaft“ zerbrach, war es bis zum Mauerfall nicht mehr weit: Heute dokumentiert die „East Side Galery“ den „Bruderkuss“ aus der Zeit, als Menschen an der Grenze starben.

dpa/Wolfgang Kumm

Wäre es nach Erich Honecker gegangen, müsste die Mauer noch stehen. Immerhin sagte er ihr eine 100–jährige mögliche Lebensdauer voraus und schlug damit einen weiteren Sargnagel in das DDR–System.

Der Generalsekretär der SED, der  Staatsratsvorsitzende und Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Erich Honecker, ist seit dem März 1988 auch Vorsitzender des Thomas–Müntzer–Komitees. Im Jahr darauf wird der 500. Geburtstag des Reformators und eher glücklosen Revolutionärs begangen. Das Komitee kommt am 19. Januar des Müntzer–Jahres zusammen. Es ist seine zweite Tagung. Gleichzeitig geht in Wien das KSZE–Folgetreffen zu Ende. Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit hat drei Tage zuvor ein Abschlussdokument vorgelegt, das auch von der DDR unterzeichnet wurde. Darin heißt es unter anderem: „Die Teilnehmerstaaten werden das Recht eines jeden auf Ausreise aus jedem Land, darunter seinem eigenen, und auf Rückkehr in sein Land uneingeschränkt achten.“

In Berlin macht Erich Honecker „Schlussbemerkungen“ auf der Tagung des Müntzer–Komitees. Auf den gefeierten Anführer eines Bauernaufstandes geht der Komitee–Vorsitzende nur indirekt ein. „Wir sind stark in der Geschichte unseres Volkes verwurzelt, repräsentieren sie und setzen sie im Sinne der Besten und des Besten, des Progressivsten, das sie hervorgebracht hat, fort.“  Wie das geschieht, macht Honecker dann anhand der später berühmt werdenden Mauerpassage deutlich. Die beginnt mit der Kritik an der Kritik, die der DDR in Wien seitens des US–Außenministers Schultz, „assistiert von Herrn Genscher“,  wegen des innerdeutschen Grenzregimes entgegengeschlagen war. „Geflissentlich“ würden dabei „die elektronischen Sperranlagen übersehen, die an der Grenzlinie zwischen den USA und Mexiko aufgebaut sind“. Es folgen Klagen über den 1:7 Wechselkurs zwischen den deutschen Währungen und ein Hinweis auf die „Drogengesellschaft des Westens“,  vor der man die DDR–Bürger bewahren wolle. Und dann kommt es: „Die Mauer wird ungeachtet des kraftvollen Auftretens von Herrn Genscher und Herrn Schultz so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch noch in 100 Jahren bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.“

Der Dichter Rainer Kunze, der 1977 in die BRD übergesiedelt war, beschreibt  den katastrophalen Eindruck von Honeckers Rede  so: „Das heißt doch, man hält es für möglich, dass sich auch in 50 oder 100 Jahren viele Menschen in der DDR nicht freier, nicht weniger bevormundet und gedemütigt fühlen als heute.“ Tatsächlich ist  die Erwähnung der „Mauer“ auch eine Kapitulation vor den Fakten. Zu denen gehören nicht zuletzt die Veränderungen in der UdSSR unter Michail Gorbatschow. Am Rande der Wiener KSZE–Konferenz sinniert der sowjetische Außenminister Edward Schewardnadse darüber, dass es für die Errichtung der Mauer wohl Gründe gegeben habe. Doch nun müsse man wohl sehen, „ob diese Gründe noch da sind“.

Schon bald wird die Frage gegenstandslos sein. Ab  Mai werden an der ungarisch-österreichischen Grenze Befestigungen abgebaut. Die Montagsdemonstrationen werden immer machtvoller. Die Herrschaft der SED–Führung bricht schneller zusammen als irgendwer erwartet hat. Vom 19. Januar bis zum 9. November 1989 vergehen neun Monate und 22 Tage. Und wer weiß, vielleicht hat Honecker geahnt, dass seine Prognose wenig taugte. In seinen Müntzer–Schlussbemerkungen lobt er das hohe Niveau „des historischen Verständnisses unserer Bürger“, weil diese es „nicht damit halten, wegen begangener Fehler und Irrtümer den Stab über Revolutionäre vergangener Generationen zu brechen“. Vielmehr würden die Bürger „vor allem den Kampfesmut, die Opferbereitschaft und die Standhaftigkeit jener würdigen, die bestrebt waren, einer besseren Zukunft des Volkes den Weg zu bereiten.“ Der Name Müntzer fällt wieder nicht und nimmt man die „vergangenen Generationen“ weg, liest sich der Absatz wie Worte von Honecker über Honecker.