Abzocke
: Behörden scheitern bei Kontrolle der Online-Casinos

Online-Casinos steigern ihre Gewinne, obwohl ihre Geschäfte illegal sind. Der Staat ist weitgehend machtlos.
Von
Michael Gabel
Berlin
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  • Für viele verlockend: die Welt der Online-Casinos

    Für viele verlockend: die Welt der Online-Casinos

    dpa/Arno Bürgi
  • Glücksspiel in Deutschland

    Glücksspiel in Deutschland

    MMH/Jörn Sandner
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Im Film ist alles ganz einfach: James Bond betritt im eleganten Smoking das Spielcasino, setzt lässig ein paar Jetons auf Rot oder Schwarz und kassiert anschließend den Gewinn. Weit weniger Glamour bieten dagegen Online-Casinos. Zwar rollt auch dort die – virtuelle – Roulette-Kugel, und beim Black Jack kann der Spieler mit Karten sein Glück versuchen. Aber auf das Flair von Monte-Carlo oder Baden-Baden müssen die Online-Zocker verzichten. Auf den Nervenkitzel und den süchtig machenden Kick allerdings nicht.

Dabei können sie keineswegs sicher sein, dass es beim Spiel halbwegs fair zugeht und dass mögliche Gewinne auch wirklich ausgezahlt werden. Denn sie spielen in einem rechtsfreien Raum – und keiner kümmert sich so richtig darum. Zwar ist die Gesetzeslage klar: Online-Casinos sind in Deutschland verboten. Aber da sie in der Regel ihren Sitz im Ausland haben, kommen die deutschen Behörden schlecht an sie ran. Für die Spieler bedeutet das: Klare Regeln, wie sie der Staat den herkömmlichen Spielbanken auferlegt hat, gelten im Internet nicht.

Hinzu kommt: Deutschland hat auch selbst zum Wildwuchs beim unerlaubten Glücksspiel beigetragen. Dessen Bekämpfung ist nämlich Sache der Bundesländer. Doch die sind uneins. Schleswig-Holstein etwa hat in der Vergangenheit auf eigene Faust Lizenzen für Online-Casinos vergeben. Die sind zwar Ende Januar abgelaufen. Aber das Chaos bleibt.

„Die Spieler können gar nicht wissen, ob alles mit rechten Dingen zugeht – ob die Auszahlungsquote in Ordnung ist, ob das Ergebnis auch wirklich vom Zufall abhängt“, sagt Glücksspiel­experte Tilman Becker dieser Zeitung. Der Professor der Universität Hohenheim (Baden-Württemberg) kritisiert, dass bei Online-Casinos weder die Höhe der Einsätze limitiert ist, noch dass man sich sperren lassen kann, wenn man merkt, dass einem das Spielen entgleitet. „Es existiert kein Spielerschutz und schon gar kein Jugendschutz“, fasst Becker zusammen.

Frank Demandt (Name geändert) war so ein passionierter Spieler. Auch er kam an den Punkt, an dem er die Kontrolle über seine Leidenschaft verlor. An einem virtuellen Automaten verspielte er in kürzester Zeit 2000 Euro. Doch Demandt hatte Glück. Er wandte sich an den Fachverband Glücksspielsucht in Bielefeld, dem es gelang, die über ein Kreditkartenunternehmen vorgenommene Zahlung zurückzubuchen. „Leicht war das nicht“, sagt die Vorsitzende des Fachverbands, Ilona Füchtenschnieder. Aber am Ende habe den Ausschlag gegeben, dass das – illegale – Online-Casino auf der Abrechnung das Stichwort „Men Watches“ (Männeruhren) anführte. Das habe die Kreditkartenfirma dann doch an der Seriosität des Geldempfängers zweifeln lassen.

Mit 60 solcher Fälle befasst sich der Fachverband aktuell. „Die Aussichten sind dann nicht schlecht, wenn die Abbuchungen nicht länger als sechs bis acht Wochen her sind“, sagt Füchtenschnieder. „Dann beträgt unsere Erfolgsquote etwa 50 Prozent.“ Sie warnt aber Spieler vor zu großen Hoffnungen. „Und wer zum zweiten Mal eine Überweisung stornieren will, der hat sowieso kaum Chancen. Ihm wird unterstellt, er habe wissen müssen, dass sein Spielen illegal war.“

Auch wenn Online-Casinos in Einzelfällen auf Geld verzichten müssen, die Branche insgesamt boomt. Laut aktuellen Angaben der Glücksspielaufsichten der Bundesländer hat sie 2017 in Deutschland Gewinne in Höhe von 1,76 Milliarden Euro gemacht, ein Plus von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Rund 700 Anbieter machen Geschäfte mit deutschen Spielern.

Becker hat eine klare Vorstellung davon, wie der Staat künftig effektiver gegen die illegale Zockerindustrie vorgehen könnte. „Wir brauchen eine länderübergreifende Glücksspielaufsicht“, sagt er. „Zurzeit ist es so: Jedes Bundesland reguliert sein eigenes Internet. Das ist zum Scheitern verurteilt.“ Als Vorbild empfiehlt er Dänemark. Dort gebe es seit Jahren eine Glücksspielkommission, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren aufgebaut wurde. Erst dann, in einem zweiten Schritt, seien Lizenzen an diejenigen Anbieter erteilt worden, die bereit waren, sich den staatlichen Auflagen zu fügen.

„Die Dänen haben eine ganze Reihe von Maßnahmen getroffen. Sie haben Abkommen mit Banken geschlossen, um Zahlungsströme an unseriöse Anbieter zu stoppen. Außerdem setzen sie sogenannte Webcrawler ein, die das ganze Internet nach illegalen Casinos scannen. Und sie haben die technischen Voraussetzungen geschaffen, um die Aktivitäten genehmigter Online-Casinos in Echtzeit zu überwachen“, informiert der Wissenschaftler und fügt hinzu: „In Deutschland gibt es nichts dergleichen.“

Dabei könnte die Mahnung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU) – sie ist auch für Glücksspielsüchtige zuständig –, gar nicht deutlicher sein. Die Passivität des Staates sei „eine Blöße, die sich ein Rechtsstaat nicht leisten dürfe“, sagt sie.

Doch bisher haben es die Bundesländer gerade mal geschafft, in Wiesbaden eine „Gemeinsame Geschäftsstelle Glücksspielsucht“ einzurichten, die laut Becker jedoch zu schlecht besetzt sei, als dass sie tatsächlich in den Kampf ziehen könnte. Aus Wiesbaden heißt es auf Anfrage, das dänische Modell tauge durchaus als Vorbild. Mit Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wolle man sich nun ebenfalls für eine Regulierung von Online-Casino-Spielen einsetzen. „Es bleibt abzuwarten, ob sich im Laufe der nächsten Wochen noch weitere Länder unseren Vorschlägen anschließen.“ Beim brandenburgischen Innenministerium lässt man offen, ob man sich der Drei-Länder-Initiative anschließen will. Man werde sich zu gegebener Zeit äußert, heißt es.

Derweil führt der Streit um Möglichkeiten der Eindämmung des Online-Casino-Markts auch zum Streit zwischen Unions- und SPD-Politikern. Vor allem der SPD-Bundesvize und schleswig-holsteinische Fraktionschef Ralf Stegner befürchtet, dass die von der damaligen schwarz-gelben Landesregierung eingeführte Liberalisierung nun auf die ganze Bundesrepublik ausgedehnt werden soll. Damit würde „den zwielichtigen Leuten aus der Glücksspielbranche ein zweites Mal der Teppich ausgerollt“, schimpft der Sozialdemokrat.

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