Andreas Schleicher: „Fortbildung braucht Zeit“

Andreas Schleicher
dpa/Emilio NaranjoDas Bildungssystem ist ein Relikt aus der Industrialisierung, sagt Andreas Schleicher. Es braucht Veränderungen, um der Zukunft gerecht zu werden. Dabei wird es aber nicht reichen, digitale Ressourcen zur Verfügung zu stellen, so der OECD-Bildungsdirektor. Mathias Puddig fragte ihn, was es stattdessen braucht.
Herr Schleicher, der Digitalpakt ist jetzt auf dem Weg. Ist das die Maßnahme, die das deutsche Bildungssystem endlich an die Weltspitze katapultiert?
Das ist ein ganz guter Start. So wie Schulen Wasser und Strom haben, brauchen sie heute eine gute digitale Infrastruktur. Entscheidend ist aber, Lehrkräfte darauf vorzubereiten, die Infrastruktur sinnvoll einzusetzen. Es geht nicht darum, Bildungsprozesse zu ersetzen, sondern das Potenzial neuer Technologien zu nutzen, um Unterrichtsinhalte und -formen, um die ganze Lern- und Arbeitsumgebung zu transformieren. Das ist ja die Bedeutung von Digitalisierung.
Seit 2001 gibt es die Pisa-Studien. Was haben Sie in dieser Zeit über die Digitalisierung an Schulen herausgefunden?
Wir haben untersucht, inwieweit der Einsatz digitaler Ressourcen zu verbesserten Lernergebnissen führt. Das ist für Deutschland nicht so eindeutig. Wir sehen, dass die Digitalisierung in Deutschland nicht durchgängig zu besseren Ergebnissen führt. Es geht eben nicht allein um die digitale Ressource, sondern um deren sinnvollen Einsatz.
Und wie kann der gewährleistet werden?
Das fängt mit der Software an. Kaum ein Kind würde in der Freizeit mit einem Computerspiel spielen, das die Qualität von Schulsoftware hat. Viele Lehrkräfte wurden außerdem zu einer Zeit ausgebildet, als man über Digitalisierung noch gar nicht nachgedacht hat. Ihre Fortbildung braucht aber Zeit. Lehrer in Deutschland haben jedoch deutlich weniger Zeit für Tätigkeiten, die über den Unterricht hinausgehen, als das in anderen Ländern der Fall ist. Sie werden zwar gut bezahlt und haben gute Arbeitsbedingungen. In Singapur oder Shanghai unterrichten sie aber nur halb so viel.
Wie nutzen sie die restliche Zeit?
Sie verbringen mehr Zeit mit einzelnen Schülern, und haben mehr Möglichkeiten sich auf den Unterricht vorzubereiten und mit ihren Kollegen an neuen Unterrichtskonzepten zu arbeiten. Solche Dinge sind absolut entscheidend. Ohne sie lässt sich keine Arbeitsumgebung schaffen, die die Digitalisierung in den Unterricht einbindet.
Wie kann das gehen?
Drei Beispiele: Warum müssen Schüler ein Schulbuch nutzen, das zwei Jahre alt ist und auf fünf Jahre konzipiert wurde, wenn sie gleichzeitig auf das Wissen der Welt zugreifen können? Warum sollen sich Schüler ein Experiment nacherzählen lassen, wenn sie das im digitalen Labor auch selbst durchführen können? Unterrichtsformen könnten so viel spannender werden! Wie kann Technologie genutzt werden, um Lehrer besser zu vernetzen? Lehrer sind bislang Einzelkämpfer, die Digitalisierung schafft hier ganz neue Möglichkeiten für den professionellen Austausch.
Sie kritisieren, dass Schulen, wie wir sie kennen, eine Erfindung des Industriezeitalters sind.
Genau, das ist das große Problem. Das öffentliche Schulsystem wurde erfunden, als wir viele Leute brauchten, die jeden Tag in gleichförmigen Strukturen arbeiten, und die einmal für ihr ganzes Leben lernen. Deswegen unterrichten wir alle Kinder gleich und geben ihnen allen die gleichen Prüfungsaufgaben. Aber in der digitalen Zeit müssen wir das Lernen sehr viel stärker individualisieren. Jedes Kind lernt anders, und Aufgabe eines guten Bildungssystems ist es, die außergewöhnlichen Fähigkeiten gewöhnlicher Kinder zu erkennen und zu fördern.
Müsste dafür nicht auch der Personalschlüssel erhöht werden?
Das ist zu einfach. Es gibt viele Länder mit einem ähnlichen Personalschlüssel wie Deutschland, in denen es diese Probleme nicht gibt.
Was machen die anders?
In Shanghai und Singapur sind die Klassen um mindestens ein Drittel größer als in Deutschland, dafür haben die Lehrer sehr viel Zeit, außerhalb des Klassenverbandes mit Schülern und Kollegen zu arbeiten. Man kann das Geld eben nur einmal ausgeben. In Deutschland hat man die Klassen relativ klein gemacht. Deswegen haben die Lehrer wenig Zeit, um andere Dinge zu machen als zu unterrichten.
Kann es denn eigentlich auch ein Zuviel an Digitalisierung geben?
Absolut. Wenn Kinder irgendetwas von Google kopieren, dann erzielen sie schlechtere Ergebnisse, als wenn sie in einem sehr traditionellen Umfeld lernen. Wir müssen sehr genau darauf achten, dass digitale Ressourcen traditionelle Unterrichtskonzepte ergänzen und nicht ersetzen. Lernen ist immer ein sozialer Prozess, und da kann die Digitalisierung durchaus Schaden anrichten. Es braucht einen wirklich gut konzipierten Ansatz.
Sie schreiben, dass Bildung auch künftig Werte vermitteln soll.
Das ist ganz entscheidend. Nehmen wir mal die Lesekompetenz: Wenn Sie früher etwas nicht genau wussten, haben Sie in ein Lexikon geschaut und konnten darauf vertrauen, dass die Antwort stimmt. Heute schauen Sie bei Google und finden 50 000 Antworten. Niemand sagt Ihnen, welche davon richtig ist. Wir müssen heute von jungen Menschen sehr viel mehr verlangen, dass sie Informationen kritisch bewerten können und das große Ganze erkennen.
Kann sich so ein schwerfälliges System überhaupt in kurzer Zeit ändern?
Im industriellen Bildungsmodell entscheidet ein Minister etwas, und das wird dann in den verschiedenen Ebenen umgesetzt. Das umfasst Zeiträume von zehn oder 20 Jahren. Das funktioniert heute nicht mehr. Wir brauchen heute ein agiles, flexibles Bildungssystem, das auf das Wissen und die Kompetenzen der Menschen setzt, die im Lernumfeld arbeiten.
Ist das im Bildungsföderalismus denn denkbar?
Ob Bildungsentscheidungen vom Bund oder von den Ländern kommen, macht für die Schulen nicht so viel aus. Ich gebe Ihnen mal eine Zahl: In Deutschland werden 13 Prozent aller bildungsrelevanten Entscheidungen in den Schulen getroffen. In den Niederlanden sind es 80 Prozent. Die Frage, ob die Schulen Gestaltungsfreiräume haben, ist viel wichtiger als die, ob Entscheidungen vom Bund oder aus den Ländern kommen.