Angst vor Epidemien: Interview mit Markus Feufel (TU Berlin): „Zusammenspiel von Fakten und Meinungen“

Arbeitswissenschaftler Markus Feufel
Philipp ArnoldKrankheiten wie das Ebola–Fieber, die epidemisch auftreten, ängstigen uns, obwohl die Risiken hierzulande gering sind.Woran liegt das?
Dieses Phänomen ist bekannt als „Dread risks“ (angstbesetzte Risiken) und beschreibt Angst vor Situationen, die innerhalb einer kurzen Zeit einen bedeutenden Schaden für viele oder Gruppen von Menschen anrichten können, aber mit nur sehr geringer Wahrscheinlichkeit auftreten. Dazu gehört beispielsweise die Angst, durch einen Terroranschlag umzukommen, Flugangst und eben auch in Deutschland am Ebola–Virus zu erkranken. Ursachen können mangelnde Information über Eintrittswahrscheinlichkeiten und/oder Fehleinschätzungen sein.
Gibt es noch andere Gründe?
Andere Erklärungen geben evolutionäre Gründe an, wonach eine Bedrohung von Gruppen schwerer wiege als die einzelner Menschen. Dafür spricht, dass wir weniger Angst vor Situation haben, in denen viele einzelne Menschen über einen längeren Zeitraum zu Schaden kommen, wie z.B. im Krankenhaus oder im Straßenverkehr.
Fehlt es der deutschen Bevölkerung an Risikokompetenz?
Ein „Ja“ wäre eine vereinfachende Antwort. Natürlich ist der Umgang mit Risiken nicht trivial, kann aber erlernt werden. Bisher wird die Mathematik der Unsicherheit in der schulischen und universitären Ausbildung zwar noch nicht umfänglich vermittelt. Es gibt aber vielversprechende Ansätze, wie Risikokompetenz in der Schule und Universität erfolgreich gesteigert kann. Zentral ist, neben der individuellen Risikokompetenz, aber auch eine verständliche und vollständige Kommunikation der Datenlage und vor allem auch der Dinge, worüber man bisher nichts oder wenig weiß.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Medien, wenn es um die Bewertung von Risiken geht?
Medienvertreter*innen haben, wie wir alle, Interessenskonflikte und oft auch mangelnde Risikokompetenz. Es ist folglich nicht überraschend, wenn Risiken falsch oder öffentlichkeitswirksam oder gar emotionalisierend kommuniziert werden und dann bei den Konsument*innen der Medieninhalte entsprechend Wirkung zeigen. Also ja, wenn sie Fakten nicht korrekt wiedergeben und/oder die Grundprinzipien verständlicher Risikokommunikation vernachlässigen, tragen vor allem auch die Medien zu einer übersteigerten Risikowahrnehmung in der Öffentlichkeit bei. Auf der andern Seite können Medien, wenn sie Risiken verständlich darstellen, die Öffentlichkeit auch bei einem rationaleren Umgang mit Risiken unterstützen.
Aus der Ebola–Krise 2014/15 scheinen viele den Schluss zu ziehen, dass die jetzige Krise keine große Bedeutung hat. Würde sich das ändern, wenn der erste Ebola–Fall in Deutschland aufträte?
Einzelfälle sind meist keine gute Grundlage für rationale Entscheidungen, vor allem wenn es sich um epidemiologische, d.h. Entscheidungen bezüglich der öffentlichen Gesundheit handelt. Die Frage ist, wie schwerwiegend bzw. gefährlich die derzeitige Krise für die betroffene Öffentlichkeit ist: wie viele Menschen sind derzeit infiziert, wie vielen davon schwerwiegend erkrankt, wie viele eventuell bereits an der Infektion verstorben. Auch ein Vergleich mit den Verläufen ähnlicher, vorhergehender Krisen kann hilfreich sein, um die derzeitigen Risiken einzuordnen. Den Medien würde im Falle eines ersten Ebola–Falls in Deutschland die Aufgabe zufallen, anhand der verfügbaren Daten moderierend auf die öffentliche Wahrnehmung einzuwirken, d.h. tatsächliche Risiken, wie beschrieben, greifbar und verständlich zu machen aber auch unnötige Ängste zu nehmen.
Anders als bei Ebola hat es bei anderen Seuchen tatsächlich panikartige Reaktionen gegeben. Etwa bei der Schweinegrippe oder bei BSE. Auch viele Impfgegner sindrationalen Argumenten nicht zugängig.
Bei der Schweinegrippe und eventuell auch bei BSE haben nicht zuletzt die Medien Meinungen einzelner Expert*innen — und nicht die Fakten — kommuniziert und damit die ohnehin schon angstbesetzte Lage (auch diese Krankheiten sind Beispiele für Dread risks) befeuert. Impfgegner, wie Sie sie beschreiben, ignorieren Fakten, da sie bereits vorgefasste Meinungen zum Thema Impfungen haben. Das Problem liegt also im Zusammenspiel von Fakten und Meinungen.
Aber gegen bestimmte Vorurteile scheint kein Kraut gewachsen zu sein.
Im Allgemeinen sind vorgefasste Meinungen oder Vorurteilen nur schwer zu verändern, d.h. auch Fakten sind dann häufig nicht wirksam. Dennoch sollte man auch Menschen mit vorgefassten Meinungen die verfügbaren Daten verständlich kommunizieren und darüber mit ihnen diskutieren. Das ist umso wichtiger, wenn die Daten ganze Bevölkerungsschichten und nicht nur einzelne Menschen betreffen wie bei Impfungen oder Epidemien. Nicht zuletzt beeinflussen die Medien den öffentlichen Diskurs und der wiederum kann auch Meinungen Einzelner verändern.
Risikominimierung gehört sicherlich zur Überlebensstrategie von Menschen. Andererseits ist das Null–Risiko eine Illusion. Trotzdem scheinen manche so etwas anzustreben. Kann das Streben nach absoluter Sicherheit zu einem eher unglücklichen Leben führen?
Das ist sicher eine philosophische Frage, die jede/r für sich selbst klären muss. In der Psychologie spricht man von risikoaversen und risikosuchenden Menschen, also persönlichen Vorlieben im Umgang mit dem Risiko. Aus der Sicht des Risikoforschers denke ich, dass absolute Sicherheit nicht nur nicht erreichbar, sondern auch nicht wünschenswert wäre. In einer absolut sicheren Welt wäre alles vorbestimmt und es gäbe nur einen richtigen, d.h. den besten Weg für alle. Unsicherheit ist daher die Voraussetzung für Vielfalt, Individualität und neue, unvorhergesehene Möglichkeiten, also für Überraschungen aber auch für unkonventionelle Lösungen, Innovationen und individuelle Lern– und Lebenserfahrungen.
Lässt sich aus Hysterie und Panik etwas lernen?
Risiken sollten individuell und in Bezug auf die eigenen Präferenzen abgewogen werden. Hysterie, Panik und übermäßig starke Emotionen helfen dabei sicher nicht. Auf der anderen Seite ist Angst sicher manchmal sinnvoll, um gefährliche Situationen zu vermeiden oder zu überstehen. Um einschätzen zu können, wann Angst oder Gelassenheit zielführender sind, lohnt es sich, die Fakten zu berücksichtigen, soweit sie vorhanden sind. Wenn keine, nur wenige oder lückenhaften Daten verfügbar sind, zeigt unsere Forschung, dass es in den meisten Fällen am besten ist, auf den eigenen Bauch zu hören.