Sie gilt vielen immer noch als Verursacherin dafür, die Ostdeutschen im vereinten Deutschland zu Verlierern und bis heute zu Abgehängten gemacht zu haben.
Pünktlich zum 30. Jahrestag der Vereinigung wird im Herbst 2020 ein umfassendes Forschungsprojekt zur Arbeit der Treuhandanstalt beendet sein und vorgestellt werden. Das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in Berlin Lichterfelde hat seit 2017 Akteneinsicht. Die Arbeiten werden finanziell vom Bundesfinanzministerium unterstützt. "Dabei handelt es sich um kein Auftragsprojekt", betont Dierk Hoffmann, Leiter des Projektes zur Geschichte der Treuhandanstalt ausdrücklich.
Das Forschungsprojekt des IfZ versucht, möglichst neutral und aufgrund einer "breiten Quellengrundlage Struktur und Arbeitsweise der Treuhand zu untersuchen und ihre Stellung im politischen Kräftefeld der Bundesrepublik sowie ihren Aktionsradius vor Ort näher bestimmen," heißt es in der Projektbeschreibung. Darüber hinaus gelte es, die Treuhandanstalt als Instrument zur Lösung ökonomischer Probleme in den Blick zu nehmen sowie die Folgen und Wirkungen der Privatisierungspolitik zu analysieren.
Kurzum, der schlechte Ruf der Anstalt soll versachlicht werden: "Ziel ist eine nüchterne Bestandsaufnahme," schreiben die Forscher. Kann das gelingen? Seit zwei Jahren beschäftigen sich knapp ein Dutzend Forscher mit Fragen wie welche Folgen die Privatisierungspolitik auf die ostdeutschen Regionen hatte, welche Vorstellungen damalige Akteure wie die Ministerpräsidenten Brandenburgs Manfred Stolpe (SPD) oder Sachsens Kurt Biedenkopf (CDU) hatten.
Bereits vor zwanzig  Jahren hat der Bundestag zwei Untersuchungsausschüsse eingerichtet, die die Tätigkeit der Treuhand unter die Lupe nahmen.  Im Vorfeld des 30. Jahrestages des Mauerfalls in diesem und der Vereinigung im kommenden Jahr ist nun das Thema wieder auf die politische Agenda gerückt. Die Bundestagsfraktionen der Linken und der Alternative für Deutschland (AfD) fordern einen neuen Untersuchungsausschuss.
Historiker Wolf-Rüdiger Knoll – nach 1989 geboren – erforscht die Arbeit der Treuhand im Land Brandenburg. "Die Treuhand hat keine Strukturpolitik betrieben, das war Ländersache. Die Treuhand sollte Privatisieren", sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Untersuchung des politischen Kräftefelds im Land Brandenburg. Aufgrund ihrer immensen Bedeutung für die industriellen Standorte in Brandenburg untersucht Knoll dazu schwerpunktmäßig die Privatisierungsprozesse der Stahl- und Braunkohleindustrie. Darüber hinaus ist vorgesehen, die Tätigkeit der Treuhand-Dependancen in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) genauer zu analysieren.
Dierk Hoffmann geht der Frage nach, welche Folgen der Wegfall des "kollektiven" Arbeitsplatzes und der Verlust von DDR-Errungenschaften wie Kindergartenplätze, Ferienheime, Polikliniken, aber auch Feierabendheime und Kulturhäuser auf die ostdeutsche Gesellschaft hatte. "Die Privatisierung der ostdeutschen Betriebe bedeutete für viele Menschen nicht nur Erwerbslosigkeit, sondern auch das Ende, der bis dahin sicher geglaubten betriebszentrierten Arbeitswelt", schreibt Hoffmann.
Weitere Wissenschaftler untersuchen unter anderem die Folgen der Treuhand in der Mineralölwirtschaft in Sachsen-Anhalt, der Werftindustrie in Mecklenburg-Vorpommern oder die internationalen Verkaufsstrategien der Treuhand bei Betrieben des Landes Sachsen.
Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sollen im Herbst 2020 auf einer Tagung in Berlin vorgestellt werden. "Die Treuhandanstalt erfüllt bis heute die Funktion eines Blitzableiters und dient als Projektionsfläche für enttäuschte Hoffnungen, aber auch ganz unterschiedlichen politischen Interessen," schreibt Hoffmann in einem Zeitungbeitrag, ob sich das ändern wird, bleibt abzuwarten.

Mega-Behörde in  Zahlen


Die Treuhandanstalt mit Hauptsitz in Berlin hat vom 1. Juli 1990 bis zum 31. Dezember 1994 rund 23 500 Unternehmen bearbeitet, 19 500 wurden privatisiert, die anderen abgewickelt. Zusätzlich wurden 25 000 Geschäfte oder Gaststätten privatisiert und 42 000 Liegenschaften verkauft. Die Einnahmen beliefen sich auf 67 Milliarden D-Mark, das Defizit betrug etwa 200 Milliarden D-Mark. Die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) übernahm die verbleibenden Tätigkeiten, vor allem die Kontrolle der abgeschlossenen Privatisierungsverträge. Der Großteil der 35 000 Treuhand-Akten lagert in einem Logistikdepot in Großbeeren südlich von Berlin. Die Unterlagen werden ab 2020 einsehbar sein. Das Bundesarchivgesetz ermöglicht die Öffnung der Akten frühestens nach 30 Jahren. nj