Belarus: In Weißrussland geht die Angst vor dem Gulag um

Belarussische Frauen, von denen eine ein Plakat mit der Aufschrift „Mein Bruder ist kein Krimineller“ hält, halten bei einem Protest weiße Blumensträuße in die Luft, um ihre Solidarität mit Demonstranten auszudrücken, die bei den Protesten seit der Präsidentenwahl am 09.08. verletzt wurden.
dpaKeineswegs alle Polizisten seien Bestien, Anna lächelt traurig. Aber fünf Tage nach dem massiv manipulierten 80-Prozent-Wahlsieg Alexander Lukaschenkos ist der Ruf der weißrussischen Polizei so ruiniert wie der ihres Staatschefs. Mehrere Nächte lang veranstalteten die Sicherheitsorgane brutale Treibjagden auf Zehntausende Landsleute, die gegen Lukaschenkos getürkten Sieg protestierten. „Die Repressalien der Staatsmacht sind beispiellos“, urteilt der Minsker Politologe Alexander Kasakewitsch. „Aber offenbar gelingt es dem Sicherheitsapparat, diese Protestwelle zu unterdrücken.“
Hoffen auf den Ausstand
Noch hofft die Opposition auf einen Generalstreik. Am Mittwoch befanden sich etwa ein Dutzend Betriebe im Ausstand. Doch die Obrigkeit fühlte sich rasch wieder als der Herr der Lage und aktivierte das zwischenzeitlich lahmgelegte Internet.
Die Weißrussen erlebten Tage des Entsetzens. Auf offener Straße schlugen und traten Einsatzpolizisten am Boden liegende Menschen, sie feuerten Blendgranaten direkt in Menschenmengen. Aus Polizeibussen hörte man Schmerzensschreie von Festgenommenen.
Der russische Reporter Nikita Telischenko berichtet, auf einer Minsker Polizeiwache hätten Beamte ihn und andere Opfer auf den Boden gelegt und verprügelt, auf einigen seien sie herumgetrampelt. „Sie zwangen die Gefangenen, das Vater Unser aufzusagen. Wer sich weigerte, den schlugen sie mit allem, was sie in die Hände bekamen.“
Ein Demonstrant kam Montagnacht in Minsk durch eine Blendgranate um. Die Zahl der Schwerverletzten ist unklar, laut Innenministerium wurden allein an den ersten drei Tagen 6000 Menschen festgenommen.
„Wenn ich jetzt auf die Straße gehe, komme ich vielleicht erst in zehn Jahren wieder zurück“, erklärt ein Minsker im russischen Fernsehen. Die Sorge: Es könnte ein Polizeistaat nach dem Vorbild des sowjetischen Gulagsystems auferstehen. Wie damals müssen sich die Weißrussen wieder vor nächtlichen Festnahmen oder dem Verschwinden in Straflager fürchten.
Menschenkettegegen Gewalt
Am Mittwoch und Donnerstag bildeten sich in den weißrussischen Städten hell gekleidete Menschenketten, um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren. Meist hielten sich junge Frauen an den Händen, viele trugen auch Blumen. Männliche Demonstranten wären wohl wieder unter die Polizeiknüppel geraten.