Bildung: Afrikas Mädchen holen auf

Symbolfoto
Jerome Delay/AP/dpaMillionen Menschen haben keinen Zugang zu Bildung. Das stimmt nach wie vor, aber die wirkliche Lage schätzen die meisten Menschen nachweisbar viel schlechter ein, als sie ist. Tatsächlich hat es auch auf diesem Gebiet eine enorme Entwicklung gegeben. „Berichte über langsame, allmähliche Verbesserungen schaffen es nur selten auf die Titelseiten, selbst wenn sie eine große Tragweite haben.“ Dieser Satz stammt von Hans Rosling, dem schwedischen Professor, dessen Buch „Factfulness" auf den Bestsellerlisten steht. In seinem Werk beansprucht Rosling, die Welt so darzustellen, wie sie wirklich ist; entgegen vielfach verbreiteten, oft dramatisierenden Vorurteilen.
Tatsächlich sprechen die Zahlen für sich. So lag der Anteil der über 15–Jährigen, die Grundfertigkeiten im Lesen und Schreiben haben, 2016 bei 86 Prozent. Um 1800 waren es zehn Prozent. Oder um einen kürzeren Zeitraum heranzuziehen: 1970 wurden weltweit etwa zwei Drittel der Mädchen eingeschult. 2015 waren es 90 Prozent. Selbst in armen Ländern schließen 60 Prozent der Mädchen die Grundschule ab. 1960 war es kaum die Hälfte. Im südlichen Afrika war es nur eines von 20 Kindern.
Sind nun diejenigen, die sich professionell mit Bildungsfortschritten befassen, zufrieden? Keineswegs. Ob Unesco, Weltbank oder Nichtregierungsorganisationen: Es herrscht Alarmstimmung. Der Grund: Die letzten Berichte der Unesco präsentierten immer wieder fast die gleiche Zahl. Es sind etwas mehr als 260 Millionen Kinder und Jugendliche, die entweder nie zur Schule gehen oder es nicht in die höheren Schulbereiche schaffen. „Wir stagnieren auf einem besorgniserregenden Niveau“, sagt Sandra Dworack von der Globalen Bildungskampagne, in der sich deutsche Organisationen zusammengeschlossen haben. „Stellen Sie sich vergleichsweise nur vor, die Hälfte aller EU–Bürger– und Bürgerinnen hätte niemals die Chance auf Schule, ein selbstbestimmtes Leben und einen fair bezahlten Job.“
Dabei erkennt Dworack Fortschritte durchaus an. „Anfang der 2000er–Jahre hatten wir einen ordentlichen Schub, als viele Kinder in Entwicklungsländern eingeschult wurden und auch viele Kinder in die Sekundarschule gingen. Das hatte nicht zuletzt mit dem Wegfall des Schulgeldes zumindest für Grundschüler in vielen Ländern zu tun. Aber in den vergangenen vier, fünf Jahren hat sich wenig getan.“
Das sieht auch Walter Hirche so. Der ehemalige FDP–Politiker ist Vorstandsmitglied der Deutschen Unesco–Kommission. Aber: „Ohne Bildung kann man andere Entwicklungsziele nicht erreichen. Und wir bei der Unesco sehen mit großer Sorge, dass das Tempo der Verbesserung viel zu gering ist.“ Dabei ist der Zusammenhang zwischen mehr Bildung, sinkenden Geburtenraten und Entwicklung hinreichend bekannt. Warum dann der Stillstand?
„Es gibt einen direkten Zusammenhang zur Stagnation bei den internationalen Hilfsleistungen“, meint Sandra Dworack, die für die Entwicklungsorganisation Oxfam arbeitet. Hirche sieht das Problem vor allem in einem akuten Lehrermangel. „Es fehlt vor allem in afrikanischen und in einigen asiatischen Ländern an qualifiziertem Personal. Und dem vorhandenen Personal fehlt es häufig an der erforderlichen Qualität.“ Das betrifft vor allem afrikanische Länder südlich der Sahara, die auch insgesamt die größten Defizite bei der Schulbildung haben. So wurden nach einem Test im nordwest–nigerianischen Kaduna, dem größten Bundesstaat des Landes, zwei Drittel der Grundschullehrer entlassen. Die Gefeuerten hatten die Aufgaben, die für Sechsjährige bestimmt waren, nicht lösen können.
In Ländern wie Mali, Mauretanien oder Niger sind zwei Drittel der Erwachsenen Analphabeten und nur 65 Prozent der Kinder werden eingeschult. „Wenn nicht schnell etwas passiert, verlieren wir ganze Generationen“, fürchtet Sandra Dworack. Eigentlich hatte sich die Weltgemeinschaft die Schulbildung für alle für das Jahr 2015 vorgenommen. Nun soll es 2030 so weit sein. Für die angestrebten „zwölf Jahre gute und gebührenfreie Bildung für alle“ sieht es allerdings nicht gut aus. „Wenn nicht schnell zusätzliche, erhebliche Anstrengungen unternommen werden, wird das Ziel nicht erreicht“, ist sich Unesco–Vertreter Walter Hirche sicher.
Weitere Milliarden nötig
39 Milliarden Dollar wären zusätzlich nötig. Solche Summen werden derzeit nicht annähernd aufgebracht. Aber selbst wenn, Hirche ist überzeugt davon, dass Geld allein nicht ausreicht. „Wir werden nicht weiter vorankommen, auch mit allen Bemühungen von außen, wenn es nicht gelingt, alle Regierungen zu motivieren, das Thema Bildung zum Hauptthema zu machen.“
Beispiele wie Äthiopien oder Ruanda zeigen, dass die Konzentration auf Bildung möglich ist. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, dass afrikanischen Ländern nicht gelingen sollte, was zum Beispiel Südkorea einst gelang. Und es gibt neue Möglichkeiten. "Die Verbreitung von Informationen über Smartphones hat enorme Bedeutung. Nicht zuletzt für Mädchen und Frauen“, sagt Sandra Dworack. „Da wird oft ein ganz neuer Blick auf die Welt möglich und ein Austausch mit Menschen, zu denen man sonst keinen Zugang hätte.“
Hirche sagt, man solle auf Erfolge verweisen, „um weiter und mehr mobilisieren zu können“. Andererseits müsse man realistisch sein. „Wir sind nicht da, wo wir sein sollten. Wenn jemand über 100 Meter mitlaufen kann, aber noch auf halber Strecke ist, wenn andere schon durchs Ziel gehen, dann ist das ja nicht befriedigend." Und was würde der 2017 verstorbene Hans Rosling dazu sagen? Nun, er hat geäußert: „Ich fordere keineswegs, den Blick abzuwenden von all den gravierenden Problemen auf der Welt. Ich sage nur, dass die Dinge zugleich schlecht und besser sein können.“