Es war Gregor Gysi, der über sie gesagt hat, "Sahra ist keine Göttin und das weiß sie auch". Der Psychologe und Wissenschaftsstratege Thomas Städtler meint: "Sie ist eine Heilige", und ihre Mitstreiterin Sevim Dagdelen berichtet, Sahra Wagenknecht werde bei ihren Auftritten "wie ein Messias verehrt". Wagenknechts Biograf, der Sozialpsychologe Christian Schneider, fügt hinzu: "Ein Messias in weiblicher Gestalt im politischen Geschäft: Wann hat es das seit Jeanne d’Arc je gegeben?" Schneider sprich zwar von "Zuschreibungen", die sich Wagenknecht nicht ausgesucht habe, aber man wird den Gedanken nicht los, dass ihm die Vorstellung einer modernen Jeanne d‘ Arc gefällt. "Als Außenseiterin weckt sie tatsächlich nicht selten messianische Hoffnungen. In der deutschen Politik ist sie für viele heute ebenso sehr Projektionsfläche wie Fragezeichen."
Für Menschen, die um Wohlstand kämpfen müssen
Gottlob bleibt das Pathetische auf den ersten Buchseiten zurück, und im wirklichen Leben ist sowieso immer alles anders. Im vollbesetzten Pfefferberg-Theater in Berlin-Prenzlauer Berg warten zwei Mittdreißiger auf den Auftritt der "Heiligen". Irgendwie geht es auch um Erweckungsgedanken, aber eher auf unpolitischem Gebiet.  Die beiden unterhalten sich über Magenprobleme und gesunde Ernährung. "Ich esse bis 13 Uhr nichts", verkündet der eine. "Haste mal eine Magenspiegelung machen lassen", will der andere wissen. Für irgendjemand muss die Reizdarmpillen-Werbung vor der Tagesschau ja gemacht worden sein. Interessanter ist, dass die zwei gesundheitsbewussten Veranstaltungsbesucher genauso aussehen, als gehörten sie dem "hippen Großstadtmilieu" an, für das Wagenknecht eher nicht Politik machen will, sondern für diejenigen, "die um ihr bisschen Wohlstand kämpfen müssen".
Eine Stunde zuvor hat sie bei einer Veranstaltung der Sammlungsbewegung "Aufstehen" von "einem Großteil der Menschen" gesprochen, "die im Stich gelassen werden", von "immer mehr Menschen, deren Lebensbedingungen sich verschlechtern, die aus Wut und Verzweiflung die falschen Parteien wählen." Vielleicht ist das der größte Schwachpunkt von Wagenknechts Politikverständnis: So viel Elend wie sie beschreibt, gibt es in Deutschland einfach nicht. Und von den "Verzweifelten" wird sie auf dem Pfefferberg wohl nur gelegentlich jemanden treffen. Aber Wagenknecht passt hier gut hin. Umgekehrt kann man sich Sahra Wagenknecht nur schwer in verrauchten Bierlokalen vorstellen, um den Berichten der Arbeiterklasse zu lauschen. Aber wer weiß? Die ewige Rosa-Luxemburg-Frisur und die vielen "Zuschreibungen" haben darüber hinweggetäuscht, wie sehr sich Sahra Wagenknecht immer wieder verändert hat. So wie es aussieht, kehrt sie nun zu sich selbst zurück. Aber der Reihe nach.
Außenseiterin wegen Vaterverlust
Am Anfang waren Verlust und Trotz. Der iranische Vater, der in die Heimat zurückging und dort spurlos verschwand. Sahra war damals zweieinhalb Jahre alt. Hochbegabt, trotzig, mit autistischen Zügen – die Beschreibung ihrer Kindheit erinnert an die der Filmfigur Sheldon aus der Comedy-Serie "The Big Bang Theory". Schneider schreibt: "Diese autistische Tendenz, bildet den Untergrund, ja eigentlich die Basis ihrer Lebensgeschichte."  Der Biograf, Wagenknecht selbst und auch ihr Mann Oskar Lafontaine erklären den Vaterverlust zu der eigentlichen Antriebskraft in dem Leben der ewigen Außenseiterin, die nicht zuletzt wegen ihres für DDR-Verhältnisse auffallend fremdländischen Aussehens immer wieder Ablehnung erfährt.
Zuschreibungen des Biografen
Wagenknechts Obsession für Goethe, ihre tiefe Brieffreundschaft zu Peter Hacks und sogar ihr Einstieg in die aktive Politik, die sich ja vielleicht bis in den Iran herumspricht – alles, so erfährt man nun, hänge mit dem Vater zusammen, der einfach verschwunden ist. Schneider scheut sich auch nicht, die Beziehung Wagenknechts zu Oskar Lafontaine in diesen Zusammenhang zu stellen. Als es bei einer gemeinsamen Pressekonferenz zum wichtigen, aber viel zu wenig beachteten Thema EU-Dienstleistungsrichtlinie, übrigens schon im Jahr 2005, zur ersten wirklichen Begegnung der beiden kam, seien vor allem auf Wagenknechts Seite "vom ersten Moment an, starke Gefühle im Spiel gewesen. Die Hoffnung, vielleicht nun die Leerstelle zu füllen, die seit ihrer Kindheit schmerzte, ein Wunsch, der seinen genuinen Platz  eigentlich nur in einem Märchen finden konnte." Wie wir heute wissen, ist das Märchen wahr geworden. Die Linkspartei als "Kind des sich damals findenden Paares" zu beschreiben, scheint aber übertrieben. Sie hat mehrere Väter und Mütter, und Wagenknecht war ursprünglich eine Gegnerin des Projektes.
Die Gründung der Linken öffnete aber zweifellos Sahra Wagenknecht den Zugang zu den großen politischen Bühnen. Es war kein leichter Weg dorthin. Als aus der SED die PDS wurde und aus der DDR die neuen Bundesländer, da war Wagenknecht Anfang 20 und hatte sich durch die gesamte Philosophie gelesen. "Ich hatte damals so ein missionarisches Gefühl", sagt sie.  "Also ich weiß, wie es geht und muss nun nur noch die anderen davon überzeugen." Das kam oft nicht gut an. Und auch nicht ihre Verteidigung des Stalinismus. "Nicht zu leugnen, dass Stalins Politik – in ihrer Ausrichtung, ihren Zielen und wohl auch in ihrer Herangehensweise – als prinzipientreue Fortführung der Leninschen gelten kann." Was, nebenbei gesagt, stimmt. Nur hat es Wagenknecht damals sicher nicht als Angriff auf Lenin gemeint. Ich habe nie die Verbrechen der Stalinzeit gerechtfertigt", sagt sie heute. Auch das stimmt.
Nicht-Politikerin mit Burnout
Der politische Weg hat die Frau, von der ihre Mutter sagt, sie wäre gar keine richtige Politikerin,  bis zur Spitzenkandidatur bei der Bundestagswahl und an die Spitze der Bundestagsfraktion gebracht. Die Kommunistische Plattform, der Ausflug ins Europaparlament, eine Dauerauseinandersetzung mit ihren Parteivorsitzenden liegen hinter ihr. Und eine Krankheit, die alle nur "Burnout" nennen.  Im Juli wurde Sahra Wagenknecht 50. Sie wird nicht mehr für den Fraktionsvorsitz antreten. Die Wahlergebnisse der Linken sind zumindest im Osten in den Keller gerutscht.
Ihren Biografen hatte Wagenknecht vor den vielen Gesprächen mit ihm nur einmal anlässlich eines Interviews getroffen. "Ich bin ja selbst nicht so begabt, andere Menschen psychologisch zu erspüren", sagt Wagenknecht und dass sie "wirklich verblüfft" ist, "wie man jemanden, den man kaum kennt, so authentisch schildern kann. Es war eigentlich fast erschütternd für mich." Im Buch werden auch ihre Schwächen geschildert. Etwa, dass sie die eigentliche Fraktionsarbeit dem Co-Vorsitzenden Dietmar Bartsch überlassen hat. Oder ihren größten politischen Fehler: "Aufstehen nicht gut vorbereitet zu haben." Sie hätte erst einmal "gestutzt". Nun weiß sie: "Ich muss auch nicht verheimlichen, wie ich bin. Ich finde mich wieder in dem Buch". Christian Schneider sagt über die Beschriebene: "Sie war wirklich extrem offen. Damit hatte ich nicht gerechnet." Und an Wagenknecht gewandt: "Ich will nicht sagen, es wäre wie eine Therapiesitzung gewesen, aber es schien mir so, als hätten Sie ein flagranten Interesse daran, zu wissen, wer Sie sind." Das Publikum im Theatersaal lacht. Wagenknecht lacht mit. Herzlich. Sie hat nicht zum ersten Mal aus ihrem Leben erzählt. Der Bunten hat sie ihre Trauer über die Kinderlosigkeit gestanden. Im MOZ-Talk verriet Wagenknecht, wie glücklich sie nun sei, weil sie den Druck der Verantwortung los sei und vor allem, wie sie wieder Bücher lesen und Bücher schreiben könne. War es das also mit der Politikerin Sahra Wagenknecht?
Begrenzte Einflussmöglichkeiten
Anderseits beschreibt sie ihren Einstieg in die Politik so:  "Mein Denken ist sehr von Marx geprägt. Und wenn man von Marx geprägt ist, dann kann man nicht reiner Theoretiker sein. Marx wollte ja, dass die Welt verändert wird." Und was heißt das für sie im Hier und Heute? "Jetzt bin ich 20 Jahre politisch aktiv. Da relativiert sich manches, was die Einflussmöglichkeiten betrifft. Selbst wenn man in Spitzenfunktionen einer Oppositionspartei ist." Vorerst bleibt sie Fraktionsvorsitzende. Die Wahl des neuen Vorstandes wurde auf die Zeit nach der Landtagswahl in Thüringen verschoben. Vielleicht muss Wagenknecht sogar noch bis zum Januar des kommenden Jahres durchhalten. Und dann? "Ich würde nicht sagen, dass für mich entschieden ist, was ich in fünf Jahren mache.
Aber eines ist durchaus entschieden, dass ich besser an Veränderungen teilhaben kann, wenn ich nicht in einer Position bin, in der ich mich vor lauter Terminen nur noch aufreibe und überschlage." Stattdessen will sie helfen, den Mangel an neuen Ideen bei den Linken zu beseitigen.  Es gebe schließlich einen Bedarf an "großen Antworten, an  großen Linien". Nicht weiblicher Messias sondern weiblicher Marx? Es scheint in die Richtung zu gehen. Auf jeden Fall nie wieder eine Funktion ausüben, bei der sie sich nicht getragen fühlt. "Wenn der Rückhalt da ist, kann man auch ohne Netzwerkfähigkeiten gut arbeiten." Die würden ihr fehlen. Nach einem kompletten Schlussstrich unter alle Führungsambitionen klingt das nicht. Der Biograf Christian Schneider traut Wagenknecht zu, die "private und politische Existenz in Balance" zu bringen. "Auf die Folgen dürfen wir gespannt sein."
Sahra Wagenknecht: Die Biografie, Christian Schneider, Campus Verlag, 272 Seiten, 22,95 Euro